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Leben und Lernen

Ein Teenager berichtet

"Meine Helikoptereltern machten mich zum Therapiefall"

Er durfte nicht mit auf Klassenfahrt, nicht ausgehen, seine Freunde kaum treffen: Hier berichtet ein 19-Jähriger, wie seine Eltern ihn überbehüten - und welche Folgen das für sein Leben hat.

Getty Images/Canopy

Verzweifelter Jugendlicher (Symbolbild)

Aufgezeichnet von
Montag, 20.02.2017   10:20 Uhr

"Ich bin 19 Jahre alt, mache dieses Jahr mein Abitur, und ich habe sehr viele Probleme mit meinen Helikoptereltern. Denn: Solche Eltern machen nicht nur Erzieher, Lehrer, Profs, Ärzte oder Krankenschwestern wahnsinnig. Sondern auch ihre eigenen Kinder.

Viele wissen gar nicht, was sie ihren Kindern mit diesem Kontrollwahn antun. Sie können das Verhältnis nachhaltig beschädigen und dafür sorgen, dass ihre Kinder psychotherapeutische Hilfe brauchen, um sich aus dem Käfig zu kämpfen. So wie ich.

Als ich in der fünften Klasse war und die Klassenreise ins Schullandheim anstand, beschwerten sich meine Eltern bei der Direktorin: Ich hätte ja noch nie ohne meine Eltern irgendwo übernachtet, und sie würden sich große Sorgen machen, wenn ich eine Woche nicht zu Hause schlafe. Glücklicherweise konnte meine Direktorin dagegenhalten und ich durfte mitfahren.

In der sechsten Klasse durfte ich dafür nicht mit ins Skilager, mit der Begründung, ich könne mich verletzen und sei generell nicht alt genug dafür. Als es in der elften Klasse langsam mit den Vorbereitungen zum Abitur losging, riefen meine Eltern bei der Hilfsorganisation an, für die ich ehrenamtlich als Sanitäter arbeite, und baten darum, mich vom Dienst zu suspendieren - damit ich mich auf die Schule konzentrieren könne. Zudem meldeten sie mich beim Sportverein ab. Weiter ging es mit meinem besten Freund, den sie baten, weniger Zeit mit mir zu verbringen.

Die Folgen: Ich war immer der Außenseiter, wurde sozial ausgeschlossen, habe immer wieder Freunde und den Anschluss an Cliquen verloren, weil ich ständig absagen musste oder von vornherein nicht dabei sein konnte. Irgendwann melden sich die Leute dann nicht mehr. Das war eigentlich die schlimmste Konsequenz für mich: dass ich immer wieder alleine dastand. Dabei bin ich ein Typ, der gerne neue Leute kennenlernt. Aber niemals durfte ich Freunde mit nach Hause bringen oder zum Beispiel meinen Geburtstag feiern.

Meine Eltern kommen nicht aus Deutschland und wollen ihre Kultur nicht verlieren. Sicherlich rühren viele unserer Probleme auch daher, dass wir eine Familie mit Migrationshintergrund sind. Da achten die Eltern häufig besonders darauf, was ihre Kinder machen und dass sie ja nicht vom vermeintlich richtigen Weg abkommen. Ich habe noch drei Geschwister, von uns allen rebelliere ich jedoch am meisten.

Schlimm wurde es in der neunten Klasse, die ich wiederholen musste. Meine Eltern wollten schon immer, dass ich mal Medizin studiere, und haben wegen meiner schlechten Noten in dem Moment die Hoffnung darauf verloren. Ich sollte dann immer um acht Uhr abends zu Hause sein - woran ich mich aber nicht länger gehalten habe. In der zehnten Klasse wurde ich zum Schülersprecher gewählt und habe dadurch viele Kontakte auch zu Schülern anderer Schulen geknüpft. So lernte ich auch meine erste Freundin kennen, die ich meinen Eltern natürlich verheimlicht habe.

Mit der Zeit durfte ich kaum noch alleine raus, immer waren mir meine Eltern auf den Fersen und haben kontrolliert, was ich mache und wann ich von der Schule nach Hause komme. Trotzdem habe ich heimlich das gemacht, was sie nicht wollten, und damit riskiert, Ärger zu bekommen oder zu Hause rausgeschmissen zu werden.

So schnell ausziehen, wie es geht

Irgendwann wurde ich in der Schule immer schlechter, das fiel den Lehrern auf und sie schickten mich zum Schultherapeuten. Mittlerweile mache ich eine Psychotherapie.

Noch immer herrscht zwischen meinen Eltern und mir ein aggressiver Grundton, das liegt vielleicht auch an mir, aber wir kriegen es einfach nicht hin. Im Mai habe ich die letzte Abi-Prüfung, danach möchte ich so schnell es geht ausziehen, das ist das Wichtigste. Ich würde gern ein Jahr Pause einlegen, den Führerschein und die Ausbildung zum Notfallsanitäter machen und dann irgendwann, sobald ich genug Wartesemester zusammenhabe, Medizin studieren.

Später möchte ich selbst gern Kinder haben, ich würde sie aber keinesfalls so streng und konservativ erziehen, wie ich erzogen wurde. Eltern sollten ihren Kindern Freiräume lassen und sie dabei unterstützen, sich zu integrieren in die Gesellschaft, in der sie leben.

Ich glaube, was meine Eltern antreibt, ist Angst. Angst, dass sie die Kontrolle und damit ihren Sohn verlieren. Am meisten Angst haben sie aber davor, dass sie in einem Pflegeheim landen, wenn sie alt sind. In dem Kulturkreis, aus dem sie kommen, kümmern sich die Kinder um die Eltern. Das habe ich trotz allem auch vor - auch wenn ich daran noch nicht denken möchte. Aber egal, was sie getan haben: Sie sind meine Eltern."

Kennen Sie Helikoptereltern?

insgesamt 67 Beiträge
cor 20.02.2017
1. Gibt es mehr Helikopter-Eltern als früher?
Das ist nicht der erste Artikel über Helikopter-Eltern diesen Monat. Dadurch drängt sich der Eindruck auf, als ob das Thema akut wäre oder, dass es mehr Helikopter-Eltern als früher. Ist das denn wirklich so?
Das ist nicht der erste Artikel über Helikopter-Eltern diesen Monat. Dadurch drängt sich der Eindruck auf, als ob das Thema akut wäre oder, dass es mehr Helikopter-Eltern als früher. Ist das denn wirklich so?
Phil2302 20.02.2017
2. Keine Helikoptereltern
Gibt es eigentlich eine Definition des Begriffs? Für mich sind das keine Helikoptereltern mehr. Finde es auch doof, den Begriff zu verwenden. Unter dem Begriff wird meiner Meinung nach ein bisschen gegen fürsorgliche Eltern [...]
Gibt es eigentlich eine Definition des Begriffs? Für mich sind das keine Helikoptereltern mehr. Finde es auch doof, den Begriff zu verwenden. Unter dem Begriff wird meiner Meinung nach ein bisschen gegen fürsorgliche Eltern gehetzt, woran an sich erstmal nichts schlimmes ist. Meine Eltern haben mich auch zum Sportverein gefahren und darauf geachtet, dass ich gute Noten habe. Für manche fällt das ja schon unter den Begriff.
denn76 20.02.2017
3.
Fürsorge ist etwas anderes als das, was in diesem Artikel beschrieben wird. Und seit wann ist es denn sofort Hetze, wenn über etwas/jemand auch nur ein wenig kritisch berichtet wird?
Zitat von Phil2302Gibt es eigentlich eine Definition des Begriffs? Für mich sind das keine Helikoptereltern mehr. Finde es auch doof, den Begriff zu verwenden. Unter dem Begriff wird meiner Meinung nach ein bisschen gegen fürsorgliche Eltern gehetzt, woran an sich erstmal nichts schlimmes ist. Meine Eltern haben mich auch zum Sportverein gefahren und darauf geachtet, dass ich gute Noten habe. Für manche fällt das ja schon unter den Begriff.
Fürsorge ist etwas anderes als das, was in diesem Artikel beschrieben wird. Und seit wann ist es denn sofort Hetze, wenn über etwas/jemand auch nur ein wenig kritisch berichtet wird?
EvaLutz 20.02.2017
4. Eltern machen es so gut, wie sie es eben können
Setzt Dich hin und schreib zwei Listen. Was Du an Deiner Mutter schätzt. Was Du an Deinem Vater schätzt. Dann pack das alles in einen Umschlag, in einen Koffer, hör auf zu heulen, denn was Du schreibst wird Dich zu Tränen [...]
Setzt Dich hin und schreib zwei Listen. Was Du an Deiner Mutter schätzt. Was Du an Deinem Vater schätzt. Dann pack das alles in einen Umschlag, in einen Koffer, hör auf zu heulen, denn was Du schreibst wird Dich zu Tränen rühren, wisch Dir die Nase ab und zieh aus. Mach es als Vater dann so gut, wie Du es eben kannst. Dein Artikel zeigt doch, dass Du genau weißt, was Du in Deinem Leben willst und was für ein Mensch Du sein willst. Dann mal los! Viel Glück und gute Begegnungen in Deinem Leben. @SPON - was bringt es Euch eigentlich mit solchen Artikeln Eltern und Kinder auseinander zu bringen? Wäre es nicht viel schöner, Familien wert zu schätzen und sie zu ermutigen?
cossy 20.02.2017
5. Ist hier der Begriff Helikopter-Eltern angebracht?
Natürlich behüten im Falle des genannten Jugendlichen die Eltern auch ihren Sohn über alle Maßen, aber hier spielt noch der kulturelle Hintergrund eine Rolle, wo die Eltern scheinbar nicht möchten, dass ihr Sohn [...]
Natürlich behüten im Falle des genannten Jugendlichen die Eltern auch ihren Sohn über alle Maßen, aber hier spielt noch der kulturelle Hintergrund eine Rolle, wo die Eltern scheinbar nicht möchten, dass ihr Sohn "seine" Kultur, eigentlich die Kultur der Eltern, verliert, um sich hier zu assimilieren. Das kann dann aber auch nach hinten losgehen, wenn sich diese Jugendlichen dann komplett aus dieser Kultur zurückziehen, wenn die Möglichkeit besteht. Aber es gibt mehr Helikoptgereltern als früher. Ich bin Mitte der 80er-Jahre mit Anfang 20 Vater geworden, da hat man die Dinge meist easy genommen, ohne das Kind zu vernachlässigen. Mit 40 bin ich dann des dritte Mal Vater geworden und mit 43 das vierte Mal. Aber ich bin nicht der älteste Vater im Umkreis bei dem Kleinen, nur haben die anderen keine weiteren Kinder meist. Und diese Eltern, Ü35, beruflich erfolgreich, meinen, sie müssten ihre Kinder überbeschützen und damit die ganze Umwelt nerven. Meiner Meinung nach besteht ein Zusammenhang aus dem höher werdenen Alter der neuen Eltern und der daraus erfolgenden Helikoptertätigkeit. Vielleicht sollte man das mal in die Überlegungen mit hineinbringen.
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