Schrift:
Ansicht Home:
Leben und Lernen

TU Braunschweig

Psychologe entwickelt Glückstraining für Lehrer

Pubertierende Achtklässler, haufenweise Korrekturen, nervige Eltern: Damit der Alltag nicht in Frust und Burn-out endet, gibt es nun ein spezielles Glückstraining für Lehrer. Es soll auch kreativer machen.

DPA

Auf einer Rutsche im Freibad bei strahlendem Sonnenschein (Archivbild)

Montag, 20.03.2017   08:10 Uhr

"Glückliche Menschen sind auch gesündere Menschen, und sie sind bessere Problemlöser", sagt Tobias Rahm, Psychologe an der Technischen Universität Braunschweig. Der Zusammenhang zwischen dem Gefühl von Glück und besseren Leistungen sei wissenschaftlich nachgewiesen - und gelte auch für Lehrer.

Rahm hat deshalb ein Training zur Steigerung des subjektiven Wohlbefindens entwickelt. In den Kursen sollen die teilnehmenden Pädagogen lernen, ihre "Glücksanfälligkeit" zu erhöhen, indem sie mehr darauf achten, Schönes wahrzunehmen, dankbar für Positives sind sowie sich häufiger gute Taten vornehmen.

Dahinter steht ein größeres Forschungsprojekt, dessen Auswertung noch nicht abgeschlossen ist. Erste Ergebnisse bei Studierenden seien aber vielversprechend, sagte Rahm: "Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnehmenden sich auch drei Monate nach dem Training für glücklicher und zufriedener mit ihrem Leben hielten als vorher."

Besser arbeiten, besser schlafen

Wenn am 20. März der von den Vereinten Nationen ausgerufene "Internationale Glückstag" begangen wird, ist das für den Braunschweiger Psychologen auch eine indirekte Anerkennung seiner Arbeit. Mittlerweile haben etliche Studien belegt, dass der Spruch "Jeder ist seines Glückes Schmied" tatsächlich zutrifft: Internationalen Untersuchungen zufolge liegt die Veranlagung zum Glücklichsein zu etwa 50 Prozent in den Genen.

Nur 10 Prozent machen die Lebensumstände aus. "Ein neuer Job, ein neues Auto oder ein neuer Fernseher tragen nicht viel zum langfristigen Glück bei", sagt Rahm. Dagegen liege der persönliche Gestaltungsspielraum bei 40 Prozent. Wie die gezielt genutzt werden können, will er Lehrkräften in den von ihm entwickelten Trainingseinheiten beibringen.

Getestet wurden die vierwöchigen Kurse bereits mit über 150 Studenten. Zum Auftakt verteilt Rahm ein Heft mit einer Übung: 14 Tage lang soll jeder am Abend drei gute Dinge des Tages aufschreiben und jeweils anfügen, was sein persönlicher Beitrag zum Gelingen war. "Das reicht von großen Dingen wie erfolgreichen Prüfungen über positive Erlebnisse mit anderen bis hin zu kleinen Sachen wie Sonne genießen oder Eichhörnchen beim Klettern zuschauen." Andere Forscher hätten herausgefunden, dass sich diese abendliche Reflexion sogar positiv auf den Schlaf auswirkt.

Pilotversuch soll Alltagstauglichkeit beweisen

Glück definieren Psychologen als subjektives Wohlbefinden, gekennzeichnet vom häufigen Auftreten positiver Gefühle und seltenem Auftreten negativer Emotionen. Um dies zu messen, haben die Braunschweiger Forscher die international anerkannte Messskala Scale of Positive and Negative Experience (SPANE) ins Deutsche übersetzt. Erste Ergebnisse bei den Studenten zeigen laut Rahm, dass das Training funktioniert. Ende April beginnt ein Pilotversuch mit Lehrkräften an einem Braunschweiger Gymnasium.

Während Rahm beim Individuum ansetzt, hat Johannes Hirata das große Ganze im Blick. Der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Osnabrück glaubt, dass auch auf gesellschaftlicher Ebene dem Glück mehr Raum gegeben werden müsse.

Es gehe darum, die Wirtschaft in den Dienst des Glückes der Menschen zu stellen, sagt Hirata. "Ich bin der Überzeugung, dass es uns gut tun würde, wenn wir in Vollzeitjobs weniger arbeiten würden, vielleicht 30 Stunden pro Woche", so der Ökonom. "Wir hätten mehr Zeit füreinander, für unsere Kinder und für uns selbst, könnten die vielen Anforderungen besser unter einen Hut bringen und hätten so weniger Stress."

Christina Sticht/dpa/him

insgesamt 18 Beiträge
hornochse 20.03.2017
1. Wow!
Das beste Glückstraining wäre mehr Geld für die Schulen, gut ausgestattet mit Schülern, die wieder gerne lernen und stolz darauf sein können in die Schule gehen zu dürfen. Stattdessen kaputte Heizungen, kaputte Toiletten, [...]
Das beste Glückstraining wäre mehr Geld für die Schulen, gut ausgestattet mit Schülern, die wieder gerne lernen und stolz darauf sein können in die Schule gehen zu dürfen. Stattdessen kaputte Heizungen, kaputte Toiletten, marode Bausubstanz, lieblose Einrichtung, gestresste Kollegen da Unterbesetzung, ein sich selbst behindernder Verwaltungsapparat, respektlose und unachtsame Schüler, Orchester und Chöre werden / wurden gestrichen und und und. Pumpt endlich Geld in unsere Jugund und Zukunft und ALLE wären glücklicher....
jürgenstock 20.03.2017
2. Zusammenhang?
Was bitte hat ein Experiment mit 150 Studenten mit dem Glücksgefühl oder Glücklichsein von Lehrern zu tun? Studenten sind Lernende, nicht Lehrende.
Was bitte hat ein Experiment mit 150 Studenten mit dem Glücksgefühl oder Glücklichsein von Lehrern zu tun? Studenten sind Lernende, nicht Lehrende.
TS_Alien 20.03.2017
3.
Die Arbeit wird nicht weniger, auch wenn man als Lehrer glücklich(er) ist. Wochen mit 60 Stunden Arbeitszeit sind mittlerweile zu häufig. Und ein Ausgleich dafür fehlt oder kommt erst nach Wochen. Bis auf die Sommerferien sind [...]
Die Arbeit wird nicht weniger, auch wenn man als Lehrer glücklich(er) ist. Wochen mit 60 Stunden Arbeitszeit sind mittlerweile zu häufig. Und ein Ausgleich dafür fehlt oder kommt erst nach Wochen. Bis auf die Sommerferien sind in den anderen Ferien genügend Arbeiten zu erledigen, so dass der Erholungsfaktor zu gering ist. Es würde viel bringen, die Arbeitsbelastung bei Lehrern zu reduzieren. Dazu gehören kleinere Klassen (= weniger Korrekturaufwand), meinetwegen auch Eingangsprüfungen für das Gymnasium.
isar56 20.03.2017
4. Danke für diesen Artikel
aber mir hängt dieses "Glück suchen" ein wenig zum Halse raus. Zum Einen, weil wir selbst viel dazu beitragen können, zum Anderen, weil das Leben nun mal nicht immer Glück sein kann. Einen wichtigen Aspekt stellt [...]
aber mir hängt dieses "Glück suchen" ein wenig zum Halse raus. Zum Einen, weil wir selbst viel dazu beitragen können, zum Anderen, weil das Leben nun mal nicht immer Glück sein kann. Einen wichtigen Aspekt stellt das Arbeitsleben dar. Bei allem Respekt vor Lehrern frage ich den Spiegel an, warum der Focus nie auf Alten- und Krankenpfleger zielt oder die Mitarbeiter von Jugendämtern, die alle auffangen, die durch sämtliche soziale Netze gefallen sind UND dabei erheblich geringere Einkommen beziehen, als Lehrer? Allein in Jugendämtern landen Menschen mit Suchtproblematik, psychisch Kranke, gewaltbereite Eltern-/teile, arme Familien, wohnungslose Familien, gefährdete und misshandelte, missbrauchte Kinder, die von Schulen längst als "nicht beschulbar" abgeschrieben wurden, gewaltbereite Jugendliche, jungendliche Asylbewerber, usw. Wenn Niemand mehr kann und weiter weiß, ist das Jugendamt gefordert. Ein Berufsanfänger der nach einem Studium/Sozialpädagogik 1600,-- Euro/ Monat erhält kann damit schwer von 39 1/2 Wochenstunden auf 30 reduzieren. Und wenn ein geliebter Mensch stirbt ist das Thema Glück bis auf Weiteres abgehakt.
ag999 20.03.2017
5. Glücksgewinn
Einen Glücksgewinn habe ich auch seit ich den Job nur noch als Tausch Zeit gegen Geld sehe. Seither sehe ich alles viel entspannter und schalte einfach ab wenn ich aus der Firma gehe. Ich konzentriere mich lieber auf die wirklich [...]
Einen Glücksgewinn habe ich auch seit ich den Job nur noch als Tausch Zeit gegen Geld sehe. Seither sehe ich alles viel entspannter und schalte einfach ab wenn ich aus der Firma gehe. Ich konzentriere mich lieber auf die wirklich wichtigen Dinge, Familie, Freunde, Freizeit und Reisen.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP