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Leben und Lernen

Ludwigsburg

Gülen-nahe Schule steht vor dem Aus

Boykottaufrufe von Erdogan-Anhängern, Beschimpfungen per Graffiti - eine Ludwigsburger Schule, die als Gülen-nah gilt, geriet in den vergangenen Monaten stark unter Druck. Jetzt muss sie ganz schließen. Ihr gehen die Schüler aus.

CFG

Homepage der Carl-Friedrich-Gauß Schulen (Screenshot)

Freitag, 31.03.2017   13:05 Uhr

Die beiden Botschaften auf der Homepage sind klar. "Die Carl-Friedrich-Gauß Schulen stellen zum 31.07.2017 den Unterrichtsbetrieb ein", heißt es da. Und: "Wir bitten Sie von weiteren Nachfragen abzusehen, da unsere vollste Konzentration dem verbleibenden Schuljahr gilt."

Es ist, nach zehn Jahren, das Ende einer eigentlich erfolgreichen Privatschulgründung. Im Herbst 2007 hatten die CFG-Schulen den Unterricht aufgenommen, mit Angeboten in einem gymnasialen und einem Realschulzweig. 118 Absolventen sind seither von der Schule abgegangen, immer wieder gab es Preise für die private Bildungseinrichtung - wie die Anerkennung als erste Deutsche Schachschule in Baden-Württemberg vor zwei Jahren.

Doch der Putsch in der Türkei und die anschließenden politischen Massenentlassungen und -verhaftungen brachten die Schule in Schwierigkeiten. Die türkische Regierung macht die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich. Gülen weist die Vorwürfe zurück. Der türkische Geheimdienst soll auch in Deutschland lebende Türken ausspioniert haben, um ihnen eine Anhängerschaft nachzuweisen. In diesem Klima gerieten auch die CFG-Schulen ins Wanken.

Weil der Ludwigsburger Schulträger, der "Verein Soziale Zusammenarbeit für Dialog und Integration" (SDI), als Gülen-nah gilt, kursierten bald Boykottaufrufe von Erdogan-Anhängern im Internet. Die Schule wurde außerdem beschmiert, Unbekannte sprühten "Landesverräter", "Fuck Gülen" oder einfach "Erdogan" auf die Fassade, berichtet die "Stuttgarter Zeitung".

Für die Schule weit dramatischer war der Rückgang der Anmeldezahlen: Rund ein Fünftel der Schüler wurden seit vergangenem Sommer abgemeldet. "Ich gehe davon aus, dass sie unter Druck gesetzt wurden", hatte Schulleiter Hakan Cakar der Zeitung gesagt und sich kämpferisch gegeben: "Aber wir machen weiter - jetzt erst recht." Auch andere Gülen-nahe Privatschulen hatten von zunehmendem Druck berichtet. So meldete etwa der Südwestrundfunk, dass es auch an einer Stuttgarter Privatschule viele Abmeldungen gegeben habe.

Die Ludwigsburger Schule allerdings konnte den Schülerrückgang jetzt nicht mehr kompensieren. "Die sinkenden Schülerzahlen und das ausbleibende Interesse lassen für die kommenden Schuljahre keine wirtschaftliche Tragfähigkeit des Schulbetriebs zu", heißt es in einer Pressemitteilung des Trägervereins SDI. Auf mögliche politische Hintergründe wird darin nicht eingegangen. Es gehe jetzt darum, schreiben die Verantwortlichen, den Schülern der CFG-Schulen einen guten Übergang an andere Bildungseinrichtungen zu ermöglichen.

him

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