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Leben und Lernen

Deutsches Kinderhilfswerk

Mehrheit der Deutschen gegen gleiche Rechte für Flüchtlingskinder

Sollen Flüchtlingskinder sofort dieselben Möglichkeiten haben wie hier geborene Kinder? Nein, sagt eine Mehrheit der Deutschen. Das Kinderhilfswerk ist alarmiert und fordert Nachhilfe in Kinderrechten.

DPA

Flüchtlingskinder vor einer Erstaufnahmeeinrichtung in Hessen (Archiv)

Montag, 19.06.2017   14:14 Uhr

In der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen ist geregelt: Alle Kinder haben die gleichen Rechte, unabhängig von Herkunft und Aufenthaltsstatus. Diese Konvention ist auch in Deutschland geltendes Recht. Doch 52 Prozent der Deutschen sagen laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerks, dass Flüchtlingskinder nicht von Anfang an die gleichen Möglichkeiten wie deutsche Kinder haben sollen.

Flüchtlingskinder haben zum Beispiel eine schlechtere Gesundheitsversorgung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Auch sind sie nicht in allen Bundesländern sofort schulpflichtig, sagt der Pressesprecher des Kinderhilfswerks.

Insgesamt seien nur 42 Prozent der Befragten dafür, Flüchtlingskinder wie Einheimische zu behandeln. Sechs Prozent der Befragten hatten demnach keine Meinung dazu. Damit sei die Zustimmung zur Gleichbehandlung von Flüchtlingskindern in den vergangenen beiden Jahren "deutlich gefallen", teilte die Kinderschutzorganisation mit.

Lediglich die Unter-30-Jährigen sind laut der Umfrage mehrheitlich für eine Gleichbehandlung. Differenziert nach Parteianhängern spricht sich die Mehrheit der Unions- (52 Prozent) und FDP-Anhänger (59 Prozent) für Ungleichheit aus. Bei den AfD-Anhängern sind es sogar 93 Prozent, die verbliebenen sieben Prozent unter ihnen haben keine Meinung dazu.

Sollen Flüchtlingskinder sofort die gleichen Möglichkeiten wie in Deutschland geborene Kinder haben?

Zustimmung in Prozent Ja Nein
insgesamt 42 52
14- bis 29-Jährige 58 40
30- bis 44-Jährige 36 58
45- bis 59-Jährige 40 54
60 Jahre und älter 42 50

Quelle: Forsa (an 100 Prozent fehlende Angaben - "weiß nicht"

Bei SPD (41 Prozent) und Grünen (25 Prozent) sind die Parteianhänger, die eine Gleichbehandlung ablehnen, hingegen in der Minderheit. Bei den Anhängern der Linken sind 48 Prozent dafür und 40 Prozent dagegen.

"Bildungsoffensive in Sachen Kinderrechte"

Die Ergebnisse der Umfrage seien "aus kinderrechtlicher Sicht ein deutliches Warnsignal", erklärte der Präsident des Kinderhilfswerks, Thomas Krüger. Die zunächst überwiegend positive Haltung gegenüber den Bedürfnissen von Flüchtlingskindern habe sich binnen einem Jahr verschlechtert. Gebraucht werde eine "Bildungsoffensive in Sachen Kinderrechte".

Auch bei der Frage des Familiennachzugs für Flüchtlingskinder sind die Deutschen laut Umfrage gespalten. 42 Prozent sprachen sich dafür aus, dass die Eltern und minderjährigen Geschwister der Kinder nach Deutschland kommen dürfen. 42 Prozent waren dagegen, während 16 Prozent der Befragten dazu keine Meinung hatten.

Nachbesserung bei Sprachförderung und Kita

Auf Druck der Union hatte die Bundesregierung 2016 entschieden, den Familiennachzug für Flüchtlinge mit dem eingeschränkten Status des subsidiären Schutzes, wie ihn etwa Kriegsflüchtlinge aus Syrien bekommen, bis März 2018 auszusetzen. Politiker von CDU und CSU dringen darauf, diese Regelung sogar noch zu verlängern.

Der Menschenrechtsbeauftragte des Europarats, Nils Muiznieks, kritisierte die Beschränkungen beim Familiennachzug. In einem am Montag veröffentlichten Bericht mahnte Muiznieks an, dass die Integration von Geflüchteten nur gelingen könne, wenn sie mit ihren Familien vereint seien. Der Menschenrechtsbeauftragte appellierte daher "an die Staaten Europas, die Menschenrechte zu respektieren und das Recht auf Familiennachzug zu gewährleisten".

Obgleich die Meisten der im Auftrag des Kinderhilfswerks Befragten bei Flüchtlingskindern nicht unmittelbar Gleichbehandlung fordert, sieht eine Mehrheit von ihnen in verschiedenen Integrationsbereichen Verbesserungsbedarf. So fordern 90 Prozent für Flüchtlingskinder und ihre Familien ausreichend Zugang zu Sprachförderungen, 80 Prozent sehen beim Zugang zu Kitas und Schulen Handlungsbedarf.

Auch diese Ergebnisse unterscheiden sich je nach Parteizugehörigkeit. Am deutlichsten wird dies bei Anhängern der AfD, die in den meisten abgefragten Bereichen mehrheitlich keinen Handlungsbedarf sehen.

Zustimmung zum Handlungsbedarf zur Integration von Flüchtlingskindern

Anhänger der CDU/CSU SPD Grünen Linke FDP AfD insgesamt
Zugang zu Angeboten der Sprachförderung 94 95 89 94 91 65 90
Zugang zu KiTas und Schulen 80 83 79 78 80 18 74
kindgerechte und sichere Unterbringung in Wohngegenden, die Kontakte zu einheimischen Familien ermöglichen 79 89 79 80 73 24 74
kostenfreier Zugang zu Freizeitaktivitäten, bei denen sie andere Kinder kennenlernen können 72 79 71 66 69 26 67

Quelle: Forsa

Die Zahl der Flüchtlinge war im vergangenen Jahr laut dem Jahresbericht des Uno-Flüchtlingshilfswerks so hoch wie noch nie: Weltweit flohen rund 65,5 Millionen Menschen 2016 vor Krieg, Gewalt und Verfolgung. Deutschland kommt mit 670.000 Flüchtlingen nach UNHCR-Berechnung als Aufnahmeland auf Platz acht - nach Ländern wie der Türkei, Pakistan, Uganda und Äthiopien.

Die Hälfte der Flüchtlinge weltweit ist unter 18. Gerade Familien nehmen größte Gefahren in Kauf, um ihre Kinder zu retten. Die Zahl der unbegleiteten und von ihren Familien getrennten Minderjährigen hat sich laut Unicef in den Jahren 2015 und 2016 im Vergleich zu 2010 und 2011 fast verfünffacht.


Anmerkungen zur Methodik: Forsa hat die Umfrage im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerks am 12. und 13. Juni durchgeführt. Die Stichprobe umfasst 1011 Befragte. Der statistische Fehler liegt bei plus/minus drei Prozent.

sun/AFP/dpa

insgesamt 128 Beiträge
herm16 19.06.2017
1. es
trifft mal wieder die Schwächsten. Auf der einen Seite ist es aber so, dass die Kinder ohne Deutschkenntnisse an Schulen überfordert sind. Langsames heran führen wäre ratsam
trifft mal wieder die Schwächsten. Auf der einen Seite ist es aber so, dass die Kinder ohne Deutschkenntnisse an Schulen überfordert sind. Langsames heran führen wäre ratsam
Jeanne E. Maar 19.06.2017
2. Alle Menschen sind gleich...
Alle Menschen sind gleich und haben gleiche Rechte. Egal welches Alter, Herkunft oder Aussehen. Basta.
Alle Menschen sind gleich und haben gleiche Rechte. Egal welches Alter, Herkunft oder Aussehen. Basta.
josho 19.06.2017
3. Selbstverständlich stehen ihnen...
....dieselben Rechte zu - wenn und solange sie hier sind! Allerdings müsste spätestens nach 6 Monaten entschieden sein, ob sie und die Eltern hier bleiben dürfen. Das wäre die beste Lösung für alle. Und es gibt keinen [...]
....dieselben Rechte zu - wenn und solange sie hier sind! Allerdings müsste spätestens nach 6 Monaten entschieden sein, ob sie und die Eltern hier bleiben dürfen. Das wäre die beste Lösung für alle. Und es gibt keinen Grund, weshalb das nicht gehen sollte.
Actionscript 19.06.2017
4. So produziert man verhärtete Menschen
Wenn Flüchtlingskinder, die am Schlimmsten seelisch von der Flucht betroffen sind und denen besondere Aufmerksamkeit gelten sollte, schon Diskriminierung erfahren, soll man sich nicht wundern, wenn diese, wenn sie aufwachsen, [...]
Wenn Flüchtlingskinder, die am Schlimmsten seelisch von der Flucht betroffen sind und denen besondere Aufmerksamkeit gelten sollte, schon Diskriminierung erfahren, soll man sich nicht wundern, wenn diese, wenn sie aufwachsen, sich ungerecht behandelt fühlen und sich auch so verhalten. Wie war das noch? Artikel 3.3 des GG: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Es scheint mir, als ob die Deutschen sich so langsam vom GG entfernen. Von der AFD habe ich ja auch nichts anderes erwartet.
MisterD 19.06.2017
5. Der dusselige deutsche Michel...
...macht dieselben Fehler wie damals bei den Gastarbeitern in den 60er/70er-Jahren. Vielleicht ist es auch Absicht, damit man sich in 5 Jahren über die Flüchtlingskinder ärgern kann, weil sie keinen Schulabschluss und keine [...]
...macht dieselben Fehler wie damals bei den Gastarbeitern in den 60er/70er-Jahren. Vielleicht ist es auch Absicht, damit man sich in 5 Jahren über die Flüchtlingskinder ärgern kann, weil sie keinen Schulabschluss und keine Ausbildung haben... Eines sei aber gesagt: Die Zeiten, in denen man Menschenrechte nur durch einen Ariernachweis bzw. per Geburt bekam, sind glücklicherweise vorbei...
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