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Leben und Lernen

Kindergeschenke

Gutschein für: 1x Aufräumen - einzulösen: nie

Wem kein Geschenk einfällt, der schenkt - einen Gutschein. Auch bei Kindern sind sie beliebt, als Gabe für die Eltern. Armin Himmelrath hat versucht, die diversen Gutscheine seiner Söhne einzulösen.

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Dienstag, 08.08.2017   07:03 Uhr

Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene

Im Flur, gleich hinter der Wohnungstür, hängt eine Pinnwand. Genauer gesagt eine Magnetwand, auf der sich, tektonischen Schichten gleich, die unbedingt aufzuhebenden Zettel der vergangenen Zeit angesammelt haben. Na gut: der vergangenen zwei Jahrzehnte.

Was würde sich besser eignen als ein Samstagmorgen in den Schulferien, um das Zettelchaos zu lichten? Wenn mit dem Aufstehen der Kinder frühestens um 12 Uhr zu rechnen ist und bis dahin der Küchentisch mir gehört? Per Einkaufsklappkiste transportiere ich die Zettelberge in die Küche. Ich hatte ganz vergessen, dass die Magnete so stark sind.

Es folgt eine zweistündige Achterbahnfahrt durch mein Leben: "Ihr Zahnarzt erwartet Sie am 3. Juli 2006, Grund: Provis. u. li. 5 ersetzen". Weg damit, das Provisorium hält noch. Eine Telefonkette aus der 5 b - die meisten, die draufstehen, haben dieses Jahr Abi gemacht. Eine hingeschriebene Telefonnummer von "C.Z.". Wer war CZ? Die Einladung zu Achims 50. Geburtstag im Oktober 2014. Oh Achim, entschuldige bitte! Ist mir komplett durchgerutscht. Wie peinlich!

Und natürlich: jede Menge Gutscheine. Für eine Fußreflexzonenmassage. Für einen Blumenstrauß im Gegenwert von 15 Euro. Drei Stück für Gabis Buchhandlung, zwei fürs Film-Eck. Und: ganz, ganz viele Kinder-Gutscheine.

"Gutschein für: 5 Stunden Fußballspielen"

Bei drei Jungs, mittlerweile fast alle volljährig, kommt da schon was zusammen. Vom einfachen, handgekrakelten "Gutschein für ein Früstück" (nicht weiter definiert, ein Dokument der Grundschulphase "Schreiben nach Gehör") bis zum computergestalteten Menüplan ("Vorspeise: Marinierte Champions in Rosmarin, Nachtisch: Erdbeeren in Mascarpone", vergangenes Jahr zum Geburtstag) reicht die Spannbreite der lukullischen Versprechen. Vom "Gutschein für 1 x Maschase" (gemeint war eine Massage) bis zum Voucher für "5 Stunden Fußballspielen auf dem Bolzplatz" (wer beschenkt da eigentlich wen???) reicht das Spektrum der körperorientierten Angebote.

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Gutschein für ein Abendessen

Auch sehr schön, auf Diddl-Papier: "Gutschein für 1 x Zimmer aufräumen", unterschrieben von allen drei Söhnen. Sind das also drei Gutscheine? Oder räumt einer von denen ein Zimmer meiner - oder seiner - Wahl auf? Ich beschließe, meine gesammelten Geschenke einzulösen, und nutze zur Verkündung das Frühstück der Jugendlichen (mein Mittagessen).

"Morgen früh würde ich gerne mein Geburtstagsgeschenk haben. Das von 1985", sage ich. Mäßig interessierte Blicke, ein eher uninspiriertes "Hmmm? 1985?" Das hatte ich mir, ehrlich gesagt, besser vorgestellt. "Scherz", sage ich also - und während mein Jüngster "ein schlechter, ein ganz schlechter…" murmelt, erkläre ich mit fester Stimme: "Ich möchte gerne die Gutscheine einlösen. Und fange morgen früh um 9 Uhr mit dem Frühstücksgutschein an." Dazu wedele ich mit dem passenden Zettel vor ihren müden Augen herum.

"Alter! Morgen ist Sonntag", winkt mein ältester Sohn ab, während der Jüngste einen Blick auf das Papier wirft. "2007? Längst verjährt. Vergiss es." Er beißt in sein Brot. Während ich empört nach Luft schnappe, fügt er hinzu: "Außerdem ist das keine rechtsgültige Unterschrift. Das ist ja nur der Vorname."

Aber da hat er nicht mit meiner Vorbereitung gerechnet. Unter den sieben Frühstücksgutscheinen meiner Sammlung befindet sich auch einer mit Vor- und Nachname, sogar Datum und Ort sind vermerkt. Ich triumphiere. Prüfender Blick der drei Gestalten, eine kurze gemurmelte Beratung. "Da war ich noch gar nicht geschäftsfähig", sagt der Unterzeichner schließlich grinsend. "War er nicht, kannste vergessen", bescheinigen ihm die beiden anderen nickend.

Aufräumgutschein, unbegrenzt gültig

"Aber aus Kulanz? Wenigstens ein Frühstück aus Kulanz?", frage ich mit bittendem Unterton. "Mal schauen", sagen die Jungs und halten das Thema offensichtlich für erledigt. "Wenn du noch ein paar Jahre wartest, bringt dir das sowieso jeden Morgen der Altenpfleger", tröstet mich einer der drei noch. Aber so einfach lasse ich sie nicht davonkommen. "Hier", rufe ich und springe auf, "der Aufräumgutschein! Steht sogar drauf: 'unbegrenzt gültig'!"

Kennen Sie dieses tiefe, unglaublich selbstsichere Lachen junger Erwachsener? Sie lachen. Sie lachen einfach nur, laut und lang. Wenn sie sich zwischendurch beruhigen, schauen sie sich kurz an. Und prusten wieder los. Minutenlang geht das so.

"Was ist daran so lustig?", will ich wissen. "Das ist doch wohl ein Witz", sagt mein mittlerer Sohn. Und lacht. Der Jüngste nickt und verschluckt sich. Nach einem Husten- und weiteren Lachanfällen sagt er: "Du bettelst hier um die Einlösung eines Aufräumgutscheins von Anno Domini - nachdem du jahrelang nicht mal in der Lage warst, deine Pinnwand aufzuräumen?" Wieder prusten sie los.

"Vergiss es", sagt mein ältester Sohn. Dann klatschen sie sich ab.

Etwas bedröppelt habe ich die Pinnwandzettel dann noch weiter sortiert. Die Hälfte wanderte in den Müll, aber die nutzlosen Gutscheine der Kinder hängen wieder da. Als Mahnung. Und Erinnerung.

Am nächsten Morgen steht tatsächlich eine Thermoskanne auf dem Tisch, ein Teller, eine Tasse, Besteck. Ein richtiges Frühstück ist das noch nicht, aber immerhin ein Anfang. Auf dem Teller: Ein Umschlag. Vielleicht eine Entschuldigung?

Ich gieße mir Kaffee ein, öffne den Brief. Eine handbeschriftete Karte. "Gutschein", steht in Schönschrift drauf, "zur Einlösung eines Gutscheins nach Wahl." Sicherheitshalber nur mit den Vornamen unterschrieben.

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Zum Autor

insgesamt 54 Beiträge
mariechengruen 08.08.2017
1.
Von meiner kleinen Schwester bekam ich als Kind mal einen Gutschein für ein Spielzeug im Wert von 50€ (!) aus einem Laden in München. Einlösbar bis Silvester. Mein Geburtstag ist am 30.12. und über die Feiertage machten wir [...]
Von meiner kleinen Schwester bekam ich als Kind mal einen Gutschein für ein Spielzeug im Wert von 50€ (!) aus einem Laden in München. Einlösbar bis Silvester. Mein Geburtstag ist am 30.12. und über die Feiertage machten wir stets Urlaub mitten im Nirgendwo. Geschickt eingefädelt!
beliebig 08.08.2017
2. wie der Herr...
so s Gschärr. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Was erwartet der Autor denn, wenn er so ein Chaos vorlebt?
so s Gschärr. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Was erwartet der Autor denn, wenn er so ein Chaos vorlebt?
fatherted98 08.08.2017
3. Was solls...
...immerhin sind die Gutscheine gemahlt/gebastelt worden...besser als ein Blumenstrauss von der Tanke der mit dem Geld von Oma mal schnell gekauft wurde. Das mit der Schenkerei ist eh mit vorsicht zu genießen...
...immerhin sind die Gutscheine gemahlt/gebastelt worden...besser als ein Blumenstrauss von der Tanke der mit dem Geld von Oma mal schnell gekauft wurde. Das mit der Schenkerei ist eh mit vorsicht zu genießen...
observerlbg 08.08.2017
4. Pacta sunt servanda?
Versäumnisse in der Erziehung, oder was will uns der Autor sagen? Entweder nehme ich solche "Verträge" ernst und sorge dafür, dass sie zeitnah eingelöst werden. Oder ich hefte sie weg als nette Erinnerung. So [...]
Versäumnisse in der Erziehung, oder was will uns der Autor sagen? Entweder nehme ich solche "Verträge" ernst und sorge dafür, dass sie zeitnah eingelöst werden. Oder ich hefte sie weg als nette Erinnerung. So vermittel ich meinen Kindern nur, dass man nicht für sein Wort einstehen muss. Den nun erwachsenen Kinders sind diese "Gutscheine" sicher nur noch peinlich. Für junge Erwachsene ist die Kinheit prähistorisch (anderes Zeitempfinden in jungen Jahren). Wir Älteren hingegen wundern uns, dass es nicht erst gestern war, als wir den Gutschein in empfang nahmen.
malanda 08.08.2017
5. Nicht mehr gültig? Mir scheint ...
... in dem Moment verfallen alle Leistungsansprüche, die die Jungen so an die Eltern haben. - Mittagessen für die Jugendlichen? Haste 'nen Gutschein dafür? - W-LAN? Eh, sorry, das ist in den Leistungen für eine [...]
... in dem Moment verfallen alle Leistungsansprüche, die die Jungen so an die Eltern haben. - Mittagessen für die Jugendlichen? Haste 'nen Gutschein dafür? - W-LAN? Eh, sorry, das ist in den Leistungen für eine Notunterkunft nicht enthalten. Oder hast Du einen Gutschein? - Dich zum Training fahren? ... mal schnell die Kosten kalkulier' ... 25,- € ... oder haste 'nen Gutschein von mir? Jaaa, da gibt's doch viele gutschein-bedürftige Leistungen der Eltern.

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