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Leben und Lernen

Asylanhörung

20 Minuten für ein ganzes Leben

Djawad aus Afghanistan hat fast zwei Jahre auf diesen Termin gewartet: seine Anhörung bei der Flüchtlingsbehörde. Doch als er dem Entscheider gegenübersitzt, geht alles ganz schnell. Madeleine Janssen hat ihn zum Gespräch begleitet.

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Djawad aus Afghanistan

Dienstag, 14.11.2017   12:44 Uhr

Zur Person

"Afghanistan entscheiden wir im Moment gar nicht", sagt Herr Rösinger* zum Schluss. Djawad sackt zusammen. Er hatte wissen wollen, wann das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) ihm mitteilt, ob er bleiben kann, jetzt, wo er endlich die Anhörung hinter sich gebracht hat, auf die er fast zwei Jahre gewartet hat.

Doch seit einem schweren Anschlag in Kabul, bei dem Anfang Juni 150 Menschen ums Leben gekommen sind und Dutzende verletzt wurden, sollen die Entscheider des Bamf Asylverfahren von Afghanen zurückstellen. Abschiebung? Vielleicht, irgendwann. Bleiben? Vielleicht auch. Djawad ist ratlos. Mit vor Nervosität geröteten Wangen verlässt er die Außenstelle des Bundesamtes in einer Stadt in Norddeutschland. Ich nehme ihn noch ein Stück im Auto mit.

Eine Woche zuvor hatte Djawad einem Anwalt für Ausländerrecht und Asylfragen seine Geschichte erzählt: Wie er aus Afghanistan zuerst auf eine griechische Insel gekommen ist und von dort, im Sommer 2015, weiter nach Deutschland. Wie Islamisten in Afghanistan seine Familie bedroht hatten, weil sein Vater mit Amerikanern Geschäfte gemacht hatte. Wie eines Tages Drohbriefe auf dem Wohnzimmertisch lagen. Wie sein Vater mit Mühe das Geld für die Schlepper zusammenkratzte, um ihn, den einzigen Sohn, in Sicherheit zu bringen.

Es klang glaubhaft, aber nicht nach dem großen Trauma. Die Entscheider hören solche Geschichten jeden Tag dutzendfach. Wer würde dabei nicht abstumpfen? Je dramatischer die Bedrohung im Herkunftsland, desto größer die Chancen auf Asyl. Aber der Anwalt hatte einen klaren Rat an Djawad: "Erfinde nichts hinzu!"

Djawad hält sich offenbar daran. Als wir eine Woche später zu dritt das Zimmer des sogenannten Einzelentscheiders betreten, belehrt ihn eine junge Dolmetscherin auf Dari über den Ablauf der Anhörung. Die Frau übernimmt an diesem Tag zum ersten Mal einen Dolmetscher-Auftrag für das Bamf. Sie versteht Djawad offenbar nicht genau, immer wieder muss sie neu ansetzen. Seine Antworten scheint sie unvollständig wiederzugeben. Es ist schwer zu sagen, ob Herr Rösinger mehr von ihr oder von Djawads Geschichte an sich irritiert ist.

Er verfährt nach Schema F: Wo geboren? Wo leben die Eltern? Wie lange zur Schule gegangen? Welchen Fluchtweg genommen? Er greift zu einem Aufnahmegerät, das an eine Mischung aus Joystick und Telefonhörer erinnert, und spricht hinein. "Sternchen sechs, neue Zeile, Frage: Wie haben die Taliban Ihre Familie bedroht? Neue Zeile: Antwort." Was die Dolmetscherin übersetzt, spricht Rösinger klar artikuliert und ohne Zögern in sein Gerät.

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Madeleine Janssen mit Djawad

Ich bin bei diesem Gespräch als Vertrauensperson dabei. Ein halbes Jahr lang war ich Djawads Privatvormund , denn er war als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling hierhergekommen. Viel helfen kann ich ihm nicht, weil ich nicht aktiv in Herrn Rösingers Gesprächsführung eingreifen darf. So sitze ich da und beobachte, wie Djawad sich mit den Fingern an die Tischkante krallt, während Herr Rösinger sich bis "Sternchen 21" vorarbeitet.

Der Anwalt hatte uns erklärt, in welche Blöcke die Entscheider die Anhörung unterteilen: persönliche Angaben, Fluchtweg, und dann, das Wichtigste, die Fluchtgründe. Als Djawad in Herrn Rösingers Büro anfängt, die für seine Eltern bedrohliche Lage in Afghanistan zu schildern, kneift Rösinger die Lippen zusammen und wendet sich an den Anwalt: "Jetzt kommt der Standardvortrag, das wissen Sie."

Er ist ungeduldig, fällt Djawad und der Dolmetscherin immer wieder ins Wort. Ich hatte ihn als netten, älteren Sachbearbeiter eingeschätzt. Jetzt fällt mir wieder ein, was der Anwalt über ihn gesagt hatte: "Nicht der Allerfreundlichste."

Wie wird man Privatvormund?

Institutionen
Am besten über eine Organisation wie den Deutschen Kinderschutzbund. Manche seiner Ortsverbände bieten ein Vormundschaftsprogramm an. Hier bekommt man eine sechsteilige Schulung rund um die deutsche Sozialgesetzgebung, ums Asylrecht und die praktische Jugendhilfe. Wenn es zwischendurch Fragen oder Probleme gibt, helfen die Sozialpädagogen.
Aufgaben
Der Vormund kümmert sich um die medizinische Versorgung des Mündels, um die Schulbildung, um das Wohlergehen in der Unterkunft und gegebenenfalls um einen Wohnungswechsel. Er unterzeichnet Schulzeugnisse und muss die Teilnahme etwa an einem Schwimmkurs gestatten. Finanzielle Verpflichtungen entstehen nicht. Hat das Mündel das 14. Lebensjahr erreicht, haftet man auch nicht für eventuelle Vergehen. Ein Vormund muss das Mündel nicht bei sich zu Hause aufnehmen. Es geht vor allem darum, eine moralische und psychologische Stütze zu sein. Einmal im Monat treffen sich die Vormünder beim Kinderschutzbund und tauschen sich aus. Wird der Jugendliche volljährig, erlischt auch die Vormundschaft.

Ist die Zahl der Asylbewerber nicht zuletzt so stark gesunken, dass man wieder persönlichere Gespräche führen könnte? Man könnte nach Djawads guten Noten fragen. Man könnte ihn ein paar Worte auf Deutsch sagen lassen. Man könnte ihn nach seinen beruflichen Zielen fragen (Zahntechniker), und wo er wohnt (in einer von Sozialpädagogen betreuten Jugendwohnung).

Aber Rösinger tut das nicht. Sein Schema F sieht es nicht vor, es ist noch nicht mal seine Schuld.

Am Ende darf Djawad die Aufnahme auf Rösingers Gerät noch einmal anhören, die Dolmetscherin übersetzt Rösingers Diktat von Deutsch auf Dari. Es dauert keine 20 Minuten. 20 Minuten für eine Biografie der Flucht, nicht mal eine halbe Stunde, in der die Hoffnung auf einen Neuanfang liegt.

Der Anwalt raunt mir zu: "Ich weiß schon, wie das hier ausgeht. Wir setzen jetzt voll auf Integration." Klagen könne man immer noch, eine Ausbildungsduldung erreichen und so weiter. Rösinger reicht uns die Hand. Im Auto guckt Djawad mich an: "Was soll ich machen, Frau Janssen? Ein Freund von mir muss jede Woche seine Duldung erneuern lassen, ein anderer alle zwei Monate." Er selbst muss im Moment alle sechs Monate zum Amt. Ich habe keinen guten Rat für ihn, leider.

Es ist zynisch: Wenn noch mehr Bomben in Afghanistan explodieren, steigen seine Chancen, dass er bleiben darf. Djawad muss jetzt erst mal weitermachen wie bisher: zur Schule gehen, Deutsch lernen. Ich hoffe, dass er das schafft, obwohl er gerade so entmutigt wurde.

*Namen von der Redaktion geändert

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