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Leben und Lernen

Waisen in Syrien

"Man muss sehr vorsichtig sein, wenn man diese Kinder fotografiert"

Die SOS-Kinderdörfer im syrischen Kriegsgebiet sind Zuflucht für Waisen und Halbwaisen. Viele haben Traumatisches erlebt - ihr größter Wunsch ist ein normales Familienleben. Fotograf Daniel Etter hat sie besucht.

Daniel Etter
Ein Interview von
Freitag, 29.09.2017   19:23 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Etter, Sie haben Kinder und Jugendliche fotografiert, die in SOS-Kinderdörfern in Damaskus leben. Was bekommt man in der syrischen Hauptstadt vom Bürgerkrieg mit?

Etter: In der Innenstadt schlagen zwar ab und zu Querschläger ein, aber man sieht kaum zerstörte Gebäude. In den Außenbezirken stehen viele Rohbauten, die von Binnenvertriebenen völlig überfüllt sind. Sie leben dort in Häusern, in denen es weder Fenster noch Installationen gibt. Und die Straßen von Damaskus sind ziemlich matschig. Dort laufen viele Kinder herum, die Plastik sammeln, das dann in Recyclingfabriken aufgearbeitet wird.

SPIEGEL ONLINE: Welche Spuren hat der Krieg im Leben der Kinder hinterlassen, die in den SOS-Kinderdörfern wohnen?

Etter: Jedes Kind hat etwas anderes erlebt und verarbeitet das unterschiedlich. Es gibt Kinder, denen es scheinbar ganz gut geht. Sie lachen und bewegen sich recht selbstsicher. Andere Kinder ziehen sich völlig zurück. Es gab zum Beispiel einen Jungen, der in den ersten Monaten, in denen er in dem Kinderdorf war, kein einziges Wort gesagt hat, aber sich jetzt langsam öffnet und wieder anfängt, sich mitzuteilen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es Ihnen schwergefallen, mit den Kindern zu reden?

Etter: Die Gespräche liefen über die Bezugspersonen der Kinder. Das sind Psychologen, SOS-Mütter und Übersetzer. Sie wissen, mit welchem Kind man über was reden kann. Manche Kinder haben Traumatisches hinter sich. Andere Kinder sind offener, sie reden aus freien Stücken über das, was ihnen passiert ist. Ich hatte nur die Sorge, alte Wunden aufzureißen, also habe ich nicht nachgebohrt. Aber grundsätzlich muss man sehr vorsichtig sein, wenn man diese Kinder fotografiert.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Wo haben Sie die Kinder fotografiert?

Etter: Auf ihren Betten. Das ist der einzige Ort, den sie wirklich für sich haben. In den Übergangsheimen wohnen manchmal zwölf Kinder in einem Raum, der mehr Jugendherberge als Zuhause ist. Aber dort bleiben sie meist nur eine kurze Zeit, in den SOS-Kinderdörfern teilen sich zwei oder vier Kinder ein Zimmer.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es da aus?

Etter: Das sind kleine bescheidene Häuschen, die sehr landestypisch und funktional eingerichtet sind, in denen es etwa auch einen kleinen Fernseher gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie verbringen die Kinder ihren Tag?

Etter: Sie stehen morgens auf, frühstücken zusammen, gehen zur Schule, essen, machen ihre Hausaufgaben, spielen draußen Fußball. Es ist schon überraschend, wie normal so ein Leben dort verläuft. Natürlich wird man auf der Straße beäugt, es gibt Kontrollen und in der Ferne hört man Bomben einschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Die Einrichtungen der Kinder sind aber sicher?

Etter: Das kann man nie so genau sagen, aber im Prinzip schon. Der Abstand zu den Frontlinien ist groß. Es musste bislang nur einmal ein SOS-Kinderdorf evakuiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen sich die Kinder in den SOS-Kinderdörfern die Zukunft vor?

Etter: Viele träumen davon, einmal Lehrer oder Psychologe zu werden, oft explizit weil sie das Bedürfnis haben, anderen zu helfen.

Fotostrecke

Damaskus: Leben im SOS-Kinderdorf

SPIEGEL ONLINE: Wollen die Kinder Syrien verlassen?

Etter: Darüber denken sie nicht nach, es sind ja noch Kinder, die kein Konzept von einem Leben außerhalb des Landes haben. Allerdings dachte ein Junge, wir seien gekommen, um ihn mitzunehmen. Das ist natürlich traurig. Der Psychologe musste das Missverständnis dann aufklären. Bei dem Jungen hat man schon gemerkt, dass er sich nach einem normalen Familienleben sehnt - wie auch immer das aussieht. Ob das jetzt in Deutschland oder in Syrien ist. Er wollte einfach wieder eine Familie haben.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie die Schicksale der Kinder mit nach Hause?

Etter: In meinem Beruf bin ich recht häufig mit vielen schlimmen Schicksalen konfrontiert, wenn ich die alle mit nach Hause nehmen würde, dann würde es mir nicht gut gehen. Manche Geschichten gehen mir aber schon sehr nah und ich denke lange darüber nach. Es gibt immer einen Punkt, an dem die Geschichten der Menschen zum Teil der eigenen Geschichte werden und dann wird es schwierig. Wenn man viel Zeit mit ihnen verbringt, und eine Beziehung zu ihnen aufbaut, ist es natürlich etwas anderes als bei Kindern, die man nur kurz sieht.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Ihr Blick auf Deutschland verändert, seitdem Sie Fotos wie diese machen?

Etter: Natürlich rückt das die Probleme, die wir in Deutschland haben in eine andere Perspektive. Vieles erscheint einem nicht wichtig, über das wir uns aufregen. Aber ich finde es immer schwierig, Vergleiche zu ziehen, weil es in Deutschland auch Menschen gibt, die schwere Schicksalsschläge hatten und das kann man nicht gegenüber anderen Schicksalen aufwiegen.



Die Fotos von Daniel Etter sind bis zum 18. Oktober in der Galerie von Leica Fotografie International, Springeltwiete 4, in Hamburg zu sehen.

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