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Leben und Lernen

Studie

Fast 50.000 Stellen fehlen für Ausbau der Ganztagsschule

Wenn 2025 acht von zehn Kindern eine Ganztagsschule besuchen sollen, muss noch viel passieren. Es fehlen Zehntausende Pädagogen, aber auch Gebäude. Eine Studie rechnet vor, wie viel das kosten würde.

DPA

Ganztagsschule in Niedersachsen (Archivbild)

Von
Dienstag, 17.10.2017   14:37 Uhr

Wenn der Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland so weitergeht wie bisher, wird es noch über 40 Jahre dauern, bis es ein Angebot für alle Schüler gibt. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Bertelsmann-Stiftung am Dienstag veröffentlichte.

Zwar habe sich die Zahl der Ganztagsplätze von 2000 bis zum Schuljahr 2015/2016 vervierfacht, doch das reiche nicht: Während sich fast drei Viertel der Eltern einen Ganztagsplatz für ihr Kind wünschten, liege die aktuelle Versorgungsquote gerade mal bei 40 Prozent. Jörg Dräger, Vorstand der Stiftung, fordert deshalb: "Die neue Bundesregierung muss dem Ganztagsausbau Priorität geben."

Die Bertelsmann-Stiftung setzt sich seit Jahren für ein stärkeres Ganztagssystem ein und hat dazu bereits mehrere Studien veröffentlicht - etwa zur mangelnden Beschäftigung vieler Lehramtsstudenten mit dem Thema Ganztag.

"Gute Ganztagsschulen sind ein Motor für die Chancen von Kindern und Jugendlichen", sagt Dräger. Deshalb sei es fatal, dass seit 2009, als das Investitionsprogramms des Bundes für Ganztagsschulen endete, der Ausbau entsprechender Angebote deutlich langsamer geworden sei.

In der neuen Untersuchung haben der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn von der Stiftung untersucht, wie teuer ein qualitativ guter und flächendeckender Ausbau des Ganztagsangebots wäre und wie lange er dauern würde.

Die Ergebnisse:

"Der Ganztagsausbau ist von den Eltern gewollt, pädagogisch geboten und finanziell machbar. Wir brauchen jetzt einen nationalen Kraftakt für gute Ganztagsschulen", sagt Jörg Dräger. Auch andere Studien hatten in der Vergangenheit gezeigt, dass es beim Thema Ganztagsschule erhebliche Verbesserungsbedarf gibt: So macht der aktuelle Kinder- und Jugendbericht des Deutschen Jugendinstituts deutlich, dass gerade für ältere Kinder die Angebote in Ganztagsschulen häufig nicht besonders anregend sind.

Um Länder und Kommunen zum Handeln zu bewegen, fordert Dräger die Bertelsmann-Stiftung einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz und verweist auf ein gesetzliches Vorbild: Auch der Ausbau der Kitas und Krippen sei erst richtig ins Rollen gekommen, als die Eltern einen entsprechenden Anspruch anmelden konnten.

insgesamt 30 Beiträge
Broko 17.10.2017
1.
Ja, ja , die Eltern wollen die Verwahrschule - ob die Kinder die auch wollen?
Ja, ja , die Eltern wollen die Verwahrschule - ob die Kinder die auch wollen?
Freier.Buerger 17.10.2017
2. Kinder brauchen Vertrauen und Freiheiten
und bis max. 10 Jahre vielleich eine Nachmittagsbetreuung ob nun Ganztagsschule oder klassisch Hort ist egal. Danach brauchen sie Vertrauen und Freiheiten, auch mal allein zum Fussball-was-auch-immer-Verein gehen, sich allein mit [...]
und bis max. 10 Jahre vielleich eine Nachmittagsbetreuung ob nun Ganztagsschule oder klassisch Hort ist egal. Danach brauchen sie Vertrauen und Freiheiten, auch mal allein zum Fussball-was-auch-immer-Verein gehen, sich allein mit Freunden am Nachmittag treffen usw. Dann werden Kinder sogar selbstständig, lernen allein zu denken, Meinungen zu haben, zu bilden und zu artikullieren. Was Kinder mit Sicherheit nicht brauchen, ist eine Rundumbetreuung und staatlich organisierte "Freiräume" in Ganztagsschulen, die den gelangweilten Eltern am besten noch jede Verantwortung für Hausaufgaben oder etwas Ordnung in den Schulsachen abnehmen. Ich, verheiratet, beide vollzeit, Kinder 12 und 16.
bwk 17.10.2017
3. Ganztagsschulen
Es gibt Kinder, die in Ganztagsschulen besser aufgehoben sind und dort u.a. Defizite aus dem vorschulischen Bereich abbauen können. Es gibt Kinder, deren beider Eltern ganztags arbeiten müssen und es gibt Kinder, deren Eltern [...]
Es gibt Kinder, die in Ganztagsschulen besser aufgehoben sind und dort u.a. Defizite aus dem vorschulischen Bereich abbauen können. Es gibt Kinder, deren beider Eltern ganztags arbeiten müssen und es gibt Kinder, deren Eltern und Großeltern noch Zeit haben um sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Ich glaube daher nicht, dass es notwendig ist, dass wir 80% der Kinder in Ganztagsschulen schicken müssen. Das Bildungsniveau wird nicht allein durch Ganztagsschulen gehoben werden, das beste Beispiel dafür ist Bayern. Bayern liegt bei der aktuellen Studie zum Lernerfolg von Viertklässlern an der Spitze.
sebtur 17.10.2017
4. Bootcamp für Arbeiter
Ich bin froh, dass ich 2008 mein Abi gemacht habe. Die Kinder heute tun mir Leid. Das Leben sollte nicht von Anfang an durch Zwänge bestimmt werden. Ich hatte noch viel Zeit meine Freizeit zu gestalten. Auch wenn ich selten [...]
Ich bin froh, dass ich 2008 mein Abi gemacht habe. Die Kinder heute tun mir Leid. Das Leben sollte nicht von Anfang an durch Zwänge bestimmt werden. Ich hatte noch viel Zeit meine Freizeit zu gestalten. Auch wenn ich selten langer als 13:20 Uhr Schule hatte, war mir das schon zu lange, weil ich oft das Gefühl hatte sinnlosten Mist zu lernen. Man muss früher Möglichkeiten finden den Kindern interessen- und fähigkeitenspezifischen Unterricht zu bieten. Mit spätestens 14 Jahren ist auch dem letzten klar, ob er sich für Gedichtanalysen interessiert oder lieber etwas über Wirtschaft lernt. Wenn ich mich auch noch Nachmittags hätte damit rumschlagen müssen, ob das blöde Gedicht nen Jambus oder Trochäus hat, wäre ich wohl schon mit Depressionen und Burnout in das Berufsleben gestartet. Ganztagsschulen sollten auf das nötigste reduziert werden. Statt dessen sollte man das Geld nutzen um ein Wirtschaftsumfeld zu schaffen, in dem es mit nur einen Vollverdiener +Teilzeitstelle möglich ist eine Familie zu versorgen. Aus Kindern, die nur den ganzen Tag betreut werden, entstehen Erwachsene, die keine Entscheidungen selbst treffen können und Betreuung benötigen. Das meiste “wichtige“ lernt man von seinen Eltern und das bleibt auf der Strecke wenn man die Eltern kaum noch sieht.
ice945 17.10.2017
5. Ich bin selber Lehrerin...
...an einer Schule, die Ganztagsplätze anbietet. Wir bieten eine Betreuung in der 7. und 8. Stunde an, also bis 15:00 Uhr. Die Betreuung wird hauptsächlich von Lehrern geleistet, die Hauptfächer unterrichten. Die meisten [...]
...an einer Schule, die Ganztagsplätze anbietet. Wir bieten eine Betreuung in der 7. und 8. Stunde an, also bis 15:00 Uhr. Die Betreuung wird hauptsächlich von Lehrern geleistet, die Hauptfächer unterrichten. Die meisten Schüler nutzen diese Zeit zum Hausaufgaben machen oder lernen für Test und Klassenarbeiten. Fragen können mit einem Fachlehrer zügig geklärt werden (insb. in höheren Klassen, wo einfach nicht mehr alle Eltern in der Lage sind zu helfen). Häufig arbeiten Schülergruppen auch an Projekten weiter, die sie gerade in einem Fach machen, obwohl das gar keine Hausaufgabe ist. Die Stimmung empfinde ich in der Regel als konzentriert, aber gelöst. Ich habe nicht das Gefühl, dass sich jemand bei uns "verwahrt" fühlt. Einige unsere Schüler erledigen hier Hausaufgaben, die sie sonst nur morgens im Bus abgeschrieben hätten. In der Betreuung arbeiten sie gemeinsam daran und lernen neben den Inhalten auch eine gute Portion Sozialkompetenz. Die Kooperation zwischen guten und schlechteren Schülern funktioniert besser als man denken würde. Auch ich als Lehrerin bin sicherlich lockerer bei der Sache. Ich muss niemanden bewerten und benoten, kann mir mehr Zeit nehmen als das im normalen Unterricht der Fall ist. Manche Schüler haben auch einfach mal Redebedarf. Das heißt nicht unbedingt, das ihre Eltern ihnen nicht zuhören, oder nicht für sie da sind. Aber ein Schüler zum Beispiel, der überlegt als erster in seiner Familie zu studieren, kann zwar von zu Hause Unterstützung erfahren, aber eben keinen Bericht über die eigene Studienzeit der Eltern bekommen. Dann dürfen wir mal aus dem Nähkästchen plaudern, können bei Vorbereitungen helfen oder auch mal an Angebote wie Arbeiterkind.de oder ähnliches verweisen. Manchmal geht es auch um Politik, Rente, Flüchtlinge, Steuererklärungen, Versicherungen, und, und, und... Auch das heißt nicht, das die Eltern hier nicht gefragt sind oder hier nichts tun. Manchmal wollen Jugendliche einfach nur die Meinung eines anderen Erwachsenen hören, der eben gerade nicht die Eltern sind. Einige Schüler gehen nach der Betreuung zum Sport. Unser örtlicher Verein nutzt die Sporthallen und Anlagen des Schulzentrums, da ist der Weg nicht mal weit. Andere treffen sich mit Freunden oder gehen einfach nach Hause. Schule (z.B. in Form von Hausaufgaben) müssen sie nicht mit nach Hause nehmen. Das entspannt für einige die Situation zu Hause enorm, wenn sich nicht ständig die Diskussion um Hausaufgaben und nicht erbracht Leistungen dreht. Ja, vielleicht bin hier ein bisschen sehr euphorisch und optimistisch. Was ich hier beschreibe, ist vielleicht nicht die Regel. Das ist mir durchaus bewusst. Vielleicht habe ich auch einfach das Bedürnis, ein Gegengewicht zu meinen Mitforisten zu bilden, die einer Nachmittagsbetreuung sehr skeptisch gegenüber stehen. Es wird immer gute und schlechte Konzepte und Umsetzungen geben, engagierte und missmute Lehrer, gutes und schlechtes Schulklima. Aber es gibt eben auch die positiven Seiten und auch die verdienen Gehör.

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