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Leben und Lernen

Dramatischer Rektorenmangel

"Ich leite drei Schulen gleichzeitig"

Stress, Überstunden, wenig Geld: Der Job als Schulleiter ist unbeliebt. In einigen Bundesländern sucht jede achte Schule einen neuen Chefpädagogen - manche schon seit Jahren. Zwei Rektoren berichten, woran es hapert.

DPA

Unterricht (Symbolfoto)

Von
Freitag, 10.11.2017   14:17 Uhr

Schulleiter Gunter Fischer freut sich über Ferien, dann hat er endlich genug Zeit, die Arbeit zu erledigen, die während der Schulzeit liegenbleibt. Er leitet das Clara-Schumann-Gymnasium Dülken in Nordrhein-Westfalen. Die Schule hat etwa 800 Schüler. Die Region ist eher ländlich, die nächste größere Stadt ist Mönchengladbach. "Es ist hier schon schwer, Lehrer zu finden, da können Sie sich ja vorstellen, wie es bei Schulleitern aussieht", so Fischer.

In Nordrhein-Westfalen ist derzeit etwa jeder achte Schulleiterposten nicht besetzt, bei den Hauptschulen ist es sogar fast jede zweite. In vielen anderen Bundesländern sieht es nicht besser aus. In Baden-Württemberg wurden im Schuljahr 2015/2016 mehr als 540 Schulleiter gesucht. In Niedersachsen fehlt derzeit jeder zehnten Grundschule die Schulleitung. Grundschulleiter und Lehrer haben dort sogar wegen zu vieler Überstunden gegen das Land geklagt.

Laut einer aktuellen Umfrage der "Wirtschaftswoche" sind in ganz Deutschland 1800 Rektorenstellen derzeit nicht besetzt. Die Lehrergewerkschaft GEW kritisiert die Situation von Schulleitern schon seit Langem. "Wir haben immer noch das Problem, dass vor allem die Schulleitungen an den vielen kleinen Schulen behandelt werden, als sei Schulleitung ein Nebenjob. Die Chefinnen und Chefs an der Schule brauchen mehr Zeit und bessere Qualifizierungsangebote", sagt Doro Moritz von der GEW.

Neues Konzept in Mecklenburg-Vorpommern

In Mecklenburg-Vorpommern hat die Landesregierung reagiert. Schulleiter sollen ab dem kommenden Schuljahr bestimmte Aufgaben an Verwaltungspersonal abgeben. Die Idee findet Fischer gut. Er und das Kollegium hätten viele Aufgaben, die seiner Meinung nach nicht vom Schulleiter und Lehrern erledigt werden müssten, beispielsweise wenn es um die Bürokratie bei Klassenfahrten geht. "Da müssen jede Menge Verträge ausgehandelt werden", sagt Fischer.

Doch Hilfskräfte könnten nicht nur die Schulleiter entlasten. "In Frankreich gibt es beispielsweise Assistenten, die schon vor der Physikstunde die Versuche aufbauen, dadurch hat der Lehrer mehr Zeit für die pädagogische Vorbereitung des Unterrichts." Hilfskräfte könnten auch Klausuren beaufsichtigen.

Joachim Eichhorn

Schulleiter Eichhorn

Fischer arbeitet derzeit etwa 60 Stunden in der Woche, wie er sagt: "Meine E-Mails arbeite ich immer schon am Sonntagnachmittag ab, damit ich am Montag nicht so viel Stress habe." Die Arbeitslast habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Früher sei beispielsweise die Bezirksregierung für die Personalplanung verantwortlich gewesen, heute sind es die Schulen.

"Das ist natürlich gut, weil die Schulen jetzt mehr Mitsprache haben, auf der anderen Seite ist es viel zeitintensiver." Früher hat Fischer noch 16 Stunden in der Woche selbst unterrichtet - heute nur noch anderthalb.

Im Januar geht Fischer in Pension. "Ich wusste, wie schwierig es werden könnte, deshalb habe ich meinen Stellvertreter gezielt ausgesucht und aufgebaut." Eine Grundschule im baden-württembergischen Maulbronn suchte dagegen zwei Jahre lang vergebens nach einer Schulleitung. Das Städtchen hat etwa 6500 Einwohner und liegt im nördlichen Schwarzwald zwischen Pforzheim und Heilbronn. In diesem Sommer fand sich endlich eine neue Schulleiterin, sie war die einzige Bewerberin, doch leider wurde sie krank.

Nebenjob Rektor

Joachim Eichhorn übernahm die Aufgabe kommissarisch, quasi als Nebenjob. "Ich leite gerade drei Schulen", sagt der 58-Jährige. Er ist Schulleiter der Kirnbachschule in Niefern, zu der eine Grundschule und eine Werkrealschule mit insgesamt 570 Schülern zusammengefasst wurden. Er pendelt zwischen beiden Gebäuden, die etwa fünf Minuten zu Fuß voneinander entfernt sind. Einmal in der Woche fährt Eichhorn nun auch noch zur Grundschule ins etwa 15 Kilometer entfernte Maulbronn, zum "Dokumente unterschreiben", wie er sagt.

"Das funktioniert aber nur, weil die Lehrerinnen sich selbst gut organisieren und wir eine hervorragende Sekretärin haben", sagt Eichhorn. Deshalb müsse er sich beispielsweise nicht um die Stunden- und Vertretungspläne kümmern. Doch manchmal sei eben doch der Schulleiter gefragt. "Wenn akute Probleme auftreten, bin ich immer per E-Mail oder WhatsApp zu erreichen", erzählt der 58-Jährige. Wenn sich das Problem nicht lösen lasse, fahre er selbst zur Schule, etwa wenn er zu einem Elterngespräch dazu gebeten wird.

Gunter Fischer

Schulleiter Fischer

Eine Entschädigung für die zusätzliche Arbeit gibt es kaum. Eichhorn muss zwar zwei Stunden weniger unterrichten, seit er den kommissarischen Posten in Maulbronn übernommen hat. Allerdings musste er auch schon zuvor kaum noch Stunden geben. Immerhin werden ihm die Fahrtkosten nach Maulbronn erstattet; mit 30 Cent pro Kilometer.

"Ich bin noch in einer vergleichsweise komfortablen Situation", sagt Eichhorn. Meist müssten Grundschulleiter selbst noch 18 Stunden unterrichten. Das sei einer der Gründe, warum der Job so unattraktiv sei. Der andere sei das Geld: Bei kleinen Grundschulen gibt es nur rund 100 Euro mehr Gehalt, bei größeren bis zu 250. Ein weiteres Problem sei das langwierige Verfahren. Es dauere oft Monate, bis ein Schulleiter feststeht. Das schrecke viele ab.

Wie lange Eichhorn die Grundschule in Maulbronn noch leiten muss, weiß er nicht. Sein Kollege aus Nordrhein-Westfalen, Gunter Fischer, genießt indes seine letzten Monate als Schulleiter. Er hat in seinen mehr als 18 Jahren als Schulleiter Tausende Überstunden angesammelt. Ob er es trotzdem wieder machen würde? "Ja, das ist ja das Schlimme", sagt Fischer lachend und fügt hinzu: "Es ist eben auch eine interessante und vielfältige Aufgabe, da man als Chef-Pädagoge einer Schule viele Gestaltungsmöglichkeiten hat."

insgesamt 84 Beiträge
Nordstadtbewohner 10.11.2017
1. Zu wenig Ehrlichkeit bei diesem Thema
"In Nordrhein-Westfalen ist derzeit etwa jeder achte Schulleiterposten nicht besetzt, bei den Hauptschulen ist es sogar fast jede zweite." Die Frage, warum genau an Hauptschulen jeder zweite Schulleiterposten nicht [...]
"In Nordrhein-Westfalen ist derzeit etwa jeder achte Schulleiterposten nicht besetzt, bei den Hauptschulen ist es sogar fast jede zweite." Die Frage, warum genau an Hauptschulen jeder zweite Schulleiterposten nicht besetzt ist, wird nicht wirklich gestellt. So etwas erfährt man leider nur bei direkten Gesprächen unter der Hand. Es liegt nicht immer an der Bezahlung oder am hohen Zeitaufwand. Man schaue sich mitunter einfach mal die Zusammensetzung der Schülerschaft an und die Neigung mancher Eltern, bei Unstimmigkeiten den privaten Wohnsitz des Schulleiters aufzusuchen. Meine Kinder besuchen eine Schule in freier Trägerschaft, die Schulgeld erhebt. Bei der Besetzung der Schulleitung vor einiger Zeit gab es viele Bewerber. Das liegt zum einen an der deutlich besseren Bezahlung und zum anderen an der ausgesuchten Schülerschaft, die dem Schulleiter die Arbeit einfach macht und nicht auf Ärger/ Stress aus ist.
UnitedEurope 10.11.2017
2.
Solange es irgendwie geht und man sich durchwurschteln kann wird sich nichts ändern. Aber meinen Respekt an die Herren und Damen, die so viel Arbeit und Stress auf sich nehmen, und das für manchmal nur 100? extra. Dafür würde [...]
Solange es irgendwie geht und man sich durchwurschteln kann wird sich nichts ändern. Aber meinen Respekt an die Herren und Damen, die so viel Arbeit und Stress auf sich nehmen, und das für manchmal nur 100? extra. Dafür würde in der Wirtschaft niemand solch einen Posten annehmen.
dialogischen 10.11.2017
3. Inkompetenzschaulaufen
Wenn in NRW jede zweite Hauptschule keinen Schulleiter hat, dann sind dort entweder Schulleiter überflüssig - oder die Kultusbürokratie inkl. Minister.
Wenn in NRW jede zweite Hauptschule keinen Schulleiter hat, dann sind dort entweder Schulleiter überflüssig - oder die Kultusbürokratie inkl. Minister.
heinrich.busch 10.11.2017
4. Geld ist genug da,
aber das ist nicht der einzige Grund. Aus meiner Sicht ist es zum Einen die gnadenlose Bürokratiekeule und zum Anderen das extrem schwierige Schülerklientel von der unsere "ahnungsvolle Kanzlerin" behauptet wir [...]
aber das ist nicht der einzige Grund. Aus meiner Sicht ist es zum Einen die gnadenlose Bürokratiekeule und zum Anderen das extrem schwierige Schülerklientel von der unsere "ahnungsvolle Kanzlerin" behauptet wir schaffen das. Ich behaupte Mal es wird noch schlimmer.
commencal 10.11.2017
5. Zwischen den Stühlen
In der heutigen Selbst-Verwirklichungs-Machbarkeits-und Gleichheitsgesellschaft sitzt man als Schulleiter zwischen sämtlichen Stühlen. Man soll Schulentwicklung voranbringen, Personal-Rekrutierung, Personal-Führung, [...]
In der heutigen Selbst-Verwirklichungs-Machbarkeits-und Gleichheitsgesellschaft sitzt man als Schulleiter zwischen sämtlichen Stühlen. Man soll Schulentwicklung voranbringen, Personal-Rekrutierung, Personal-Führung, Verwaltungsarbeit Elternberatung und, Öffentlichkeitsarbeit leisten, Kontakte zu vorgesetzten Behörden, Industrie, Betrieben, Schulen im Ausland und Behörden vor Ort wie Jugendamt, DRK, oder Aids-Prävention etc. halten und pflegen und -. beinahe hätte ich es vergessen - Prüfungen abnehmen und Unterricht halten.. Dabei ist man in seinem Tun beständig im Focus aller erwähnten Stellen und muss letztlich für etwaige - oft unverschuldete -Defizite in jedem einzelnen dieser Bereichen auch noch gerade stehen. Dass sich im Zeitalter um sich greifender Lernverweigerung, Permissivität, Erziehungsunwillen und Leistungsfrust dies kaum jemand mehr antun will - qwen wunderts. Merke, jenseits der Bezahlung gibt es eine ganze Menge anderer Gründe in selbstschonender Vorausschau diesen Posten zu meiden.

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