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Leben und Lernen

Ganztagsbetreuung für Grundschüler

"Ein Rechtsanspruch schafft keinen einzigen Betreuungsplatz"

Haben Grundschüler bald ein Recht auf Ganztagsbetreuung? Die Jamaika-Parteien haben sich darauf geeinigt, wenn auch unter Vorbehalt. Bildungsexperten halten das Vorhaben jedoch für utopisch.

DPA

Grundschüler in Niedersachsen

Von
Dienstag, 14.11.2017   17:41 Uhr

Wenn Mama und Papa arbeiten, kann die Einschulung zum Problem werden. Während es seit 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz gibt, hängt die Nachmittagsbetreuung an Grundschulen stark vom Wohnort ab. Manche Bundesländer reden bereits vom Ganztag, wenn sie nur vier zusätzliche Wochenstunden anbieten.

Union, FDP und Grüne haben nun reagiert und wollen Grundschülern einen Anspruch auf eine Ganztagsbetreuung einräumen. Doch Experten zweifeln daran, dass sich das tatsächlich umsetzen lässt.

In der Primarstufe besucht derzeit etwa jeder dritte Grundschüler eine Ganztagsschule, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Um bis 2025 für 80 Prozent der Grundschüler einen Ganztagsschulplatz anbieten zu können, fallen laut Bertelsmann-Stiftung allein 1,5 Milliarden Euro für Personalkosten an, weil 18.000 Lehrer und 9500 Erzieher zusätzlich eingestellt werden müssten. Sollen auch Schüler der Sekundarstufe einen Anspruch bekommen, werden demnach sogar 2,6 Milliarden Euro fällig.

"Die Kommunen dürfen nicht auf den Kosten sitzengelassen werden"

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hält die Pläne der Jamaika-Parteien wegen der hohen Kosten für nicht umsetzbar. Der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, sagt: "Mit einem Rechtsanspruch schaffen wir keinen einzigen zusätzlichen Betreuungsplatz und wecken unnötig Erwartungen bei den Menschen, die in absehbarer Zeit nicht zu erfüllen sein werden."

Dass ein Rechtsanspruch allein nicht genügt, hat auch der Ausbau der Kitaplätze gezeigt. Bis 2025 werden voraussichtlich 400.000 neue Kitaplätze benötigt, doch nur für ein Viertel davon steht genügend Geld bereit, obwohl es einen gesetzlichen Anspruch gibt.

Der Präsident des Deutsche Städte- und Gemeindebunds, Uwe Brandl, kündigte an, "alle Karten zu spielen", um gegen die Jamaika-Versprechen zulasten der Kommunen vorzugehen. Er fordert eine seriöse Gegenfinanzierung mit Geldern vom Bund. Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) fordert eine gemeinsame Finanzierung. "Die Kommunen dürfen nicht auf den Kosten sitzengelassen werden", sagt der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann.

FDP will nur Geld bereitstellen, wenn der Bund mitreden darf

Die FDP hat dem Rechtsanspruch ohnehin nur unter Finanzierungsvorbehalt zugestimmt. Die Länder sollten demnach nur dann Geld für Bildung vom Bund erhalten, wenn es klare Qualitätsvorgaben gibt. Das widerspricht jedoch dem Kooperationsverbot im Grundgesetz. Demnach ist Bildung Ländersache, der Bund durfte bisher nur in Ausnahmefällen Gelder bereitstellen. Das Kooperationsverbot ins Grundgesetz aufzunehmen, sei ein folgenschwerer Fehler gewesen, schrieb FDP-Chef Christian Lindner in der FAZ.

Laut Experten mangelt es jedoch nicht nur am Geld. "Selbst, wenn sich die möglichen Koalitionspartner auf eine Finanzierung einigen, gibt es nicht genügend Personal", sagt Bildungsexperte Dirk Zorn von der Bertelsmann-Stiftung zum SPIEGEL.

Bereits jetzt haben Schulen Probleme, freie Stellen zu besetzten. Deshalb werden zunehmend Quereinsteiger oder nicht fertig ausgebildete Referendare eingestellt; bereits pensionierte Lehrer werden in den Schuldienst zurückgeholt. Hinzu kommen steigende Schülerzahlen. In weniger als zehn Jahren wird es etwa eine Million Schüler mehr geben als erwartet. Auch für die werden mehr Lehrer benötigt. Bisher gebe es nicht einmal verlässliche Zahlen, wie viele Lehrer tatsächlich gebraucht werden, kritisiert Zorn.

Der VBE sieht das ähnlich: "Die möglichen Koalitionspartner machen den zweiten vor dem ersten Schritt. Hier werden Erwartungen von Eltern geschürt, die bei der momentanen Personallage schlicht nicht umgesetzt werden können", moniert VBE-Vorsitzende Beckmann.

Mit Material von dpa

insgesamt 36 Beiträge
Palmstroem 14.11.2017
1. Problematisch - nicht utopisch
Welches Kind will schon den ganzen Tag betreut werden!
Welches Kind will schon den ganzen Tag betreut werden!
robert_ritter 14.11.2017
2. Welches Kind will schon den ganzen Tag betreut werden!
Also ich fands geil. Hatte aber auch ne scharfe Lehrerin und Betreuerin.
Also ich fands geil. Hatte aber auch ne scharfe Lehrerin und Betreuerin.
moistvonlipwik 14.11.2017
3.
Welches Kind will allein gelassen werden?
Zitat von PalmstroemWelches Kind will schon den ganzen Tag betreut werden!
Welches Kind will allein gelassen werden?
schwelle 14.11.2017
4. "Ganztag" heißt nicht "den ganzen Tag"
Als Ganztagsbetreuung bezeichnet man die Betreuung nach Unterrichtsende und diese geht nicht zwingend bis z.B. 16 oder 17 Uhr! Bedeutet: Das Kind kann z.B. in der Grundschule nach Unterrichtsende (bei uns um 11:20 Uhr) in der [...]
Als Ganztagsbetreuung bezeichnet man die Betreuung nach Unterrichtsende und diese geht nicht zwingend bis z.B. 16 oder 17 Uhr! Bedeutet: Das Kind kann z.B. in der Grundschule nach Unterrichtsende (bei uns um 11:20 Uhr) in der Betreuung bleiben (z.B. bis 14:00 Uhr). Das scheinen nicht alle zu wissen, sonst kämen nicht ständig diese Kommentare, wie schlimm es für Kinder ist bis zum Abend alleine in der Schule zu bleiben.
Teilzeitalleinerzieherin 14.11.2017
5. hoffentlich wird das dann nicht wieder eine Zwangsbeglückung...
Es gibt nämlich durchaus Kinder - und Eltern (!), die vor 16:00 Uhr zuhause sein bzw. ihre Kinder daheim haben wollen. Und es gibt leider schon heute Horte, die die vorzeitige Abholung offen missbilligen oder sogar vertraglich [...]
Es gibt nämlich durchaus Kinder - und Eltern (!), die vor 16:00 Uhr zuhause sein bzw. ihre Kinder daheim haben wollen. Und es gibt leider schon heute Horte, die die vorzeitige Abholung offen missbilligen oder sogar vertraglich vorgeben, dass die Kinder nicht vor einer bestimmten Uhrzeit abgeholt werden. Begründet wird das damit, dass sonst keine "pädagogische Arbeit" möglich ist (die allerdings gerne mal so aussieht, dass die Betreuer mit den Kindern am PC daddeln).

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