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Leben und Lernen

Abitur

Philologenverband fordert schlechtere Noten

Der Deutsche Philologenverband will, dass Abiturienten strenger bewertet werden. Das Ziel: Sie sollen besser auf Arbeitsleben oder Studium vorbereitet sein. Mit den aktuellen, viel zu laxen Noten gehe das nicht. Was ist da dran?

Getty Images

Schülerin bei einer Klausur (Archivbild)

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Montag, 07.01.2019   16:37 Uhr

Von Noteninflation ist die Rede und von zu laxen Prüfungen: Seit Jahren schon warnt der Deutsche Philologenverband davor, dass das Leistungsniveau an den Gymnasien sinkt. Der Verband, der etwa 90.000 Lehrer in Deutschland vertritt, findet die Prüfungspraxis zu lax.

Aus diesem Grund fordert die Verbandsvorsitzende Susanne Lin-Klitzing nun, dass Abiturienten strenger bewertet werden sollten. Dies sei erforderlich, "wenn wir wollen, dass die jungen Menschen gut auf das Arbeitsleben oder ein Studium vorbereitet werden".

Auch der Deutsche Lehrerverband machte bereits vor zwei Jahren darauf aufmerksam, dass die Schulnoten immer besser und die Anforderungen an die Schüler immer niedriger würden. Doch stimmt das wirklich? Der SPIEGEL hat die Fakten geprüft.

Werden die Abiturnoten immer besser?

Laut den Abiturnoten im Ländervergleich, die jedes Jahr von der Kultusministerkonferenz (KMK) veröffentlicht werden, haben sich die Noten in den vergangenen Jahren tatsächlich verbessert - allerdings nur geringfügig. Am stärksten stieg der Notendurchschnitt in den Bundesländern Brandenburg und Nordrhein-Westfalen.

Lag der Abiturschnitt im Jahr 2007 in Brandenburg noch bei 2,47, so lag er zehn Jahre später bei 2,27.

In Nordrhein-Westfalen lag der Notenschnitt 2007 bei 2,64 und im Jahr 2017 bei 2,45.

Auffällig bei den Abiturnoten ist allerdings, wie unterschiedlich der Schnitt in den einzelnen Bundesländern ist. In Thüringen etwa lag der Abiturschnitt im Jahr 2017 bei 2,18 - in Niedersachsen hingegen bei 2,57.

Abiturnoten im Ländervergleich

Bundesland Notendurchschnitt 2017 Notendurchschnitt 2007
Baden-Württemberg 2,42 2,40
Bayern 2,31 2,43
Berlin 2,41 2,57
Brandenburg 2,27 2,47
Bremen 2,47 2,47
Hamburg 2,43 2,56
Hessen 2,41 2,47
Mecklenburg-Vorpommern 2,32 2,40
Niedersachsen 2,57 2,71
Nordrhein-Westfalen 2,45 2,64
Rheinland-Pfalz 2,49 2,63
Saarland 2,37 2,51
Sachsen 2,28 2,46
Sachsen-Anhalt 2,31 2,46
Schleswig-Holstein 2,56 2,62
Thüringen 2,18 2,33

Quelle: Kultusministerkonferenz

Gibt es mehr Einser-Abis?

Auch die Verteilung der Einser-Abis zeigt starke Unterschiede. Demnach wurde 2017 ein Einser-Abitur öfter verteilt als noch vor zehn Jahren. In Brandenburg lag der Anteil der 1,0-Abiturienten zuletzt bei 2,4 Prozent, 2007 waren es lediglich 0,84 Prozent.

In Schleswig-Holstein hingegen werden die wenigsten 1,0er-Abis verteilt, dort lag der Anteil 2017 lediglich bei 0,8 Prozent. Auch in Niedersachsen lag der Anteil nur bei 0,9 Prozent. Die meisten 1,0er-Abis werden laut der KMK-Statistik in Thüringen vergeben (2,6 Prozent).

So viele Schüler haben eine 1,0 (Anteil im Ländervergleich in %)

Bundesland Anteil 2017 Anteil 2007
Baden-Württemberg 1,6 1,77
Bayern 2,0 0,90
Berlin 1,7 0,63
Brandenburg 2,4 0,84
Bremen 1,9 1,80
Hamburg 1,6 0,91
Hessen 2,0 1,21
Mecklenburg-Vorpommern 2,1 1,03
Niedersachsen 0,9 0,48
Nordrhein-Westfalen 1,8 0,72
Rheinland-Pfalz 1,2 0,63
Saarland 2,0 1,49
Sachsen 2,1 0,87
Sachsen-Anhalt 2,2 0,92
Schleswig-Holstein 0,8 0,53
Thüringen 2,6 1,31

Quelle: Kultusministerkonferenz

Werden die Noten besser, weil auch die Leistungen besser werden?

Unklar ist, ob die Lehrer besser benoten oder ob die Schüler besser geworden sind. Das lässt sich schwer überprüfen. Von der KMK heißt es, es seien in den vergangenen Jahren etliche Bildungsstandards eingeführt worden. Dies könnte eventuell zur einer Verbesserung der Noten geführt haben, zumindest sei dies das Ziel.

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, sieht das anders. Es sei heutzutage leichter, gute Noten zu bekommen. "Wer früher weniger als 50 Prozent der Punkte erhielt, ist durchgefallen. Inzwischen besteht er damit eine Prüfung", sagte Meidinger dem SPIEGEL. In manchen Fächern, wie etwa Englisch, seien die Anforderungen verwässert worden. Es sei dann fast unmöglich, eine Sechs zu bekommen.

Dahinter stecke politischer Wille. "Die Politiker wollen für ihre Reformen, wie die Einführung eines länderweiten Zentralabiturs oder von G8, nicht abgestraft werden - deswegen dürfen die Noten auch nicht schlechter werden." Augenscheinlich seien durch bessere Noten auch alle zufrieden: Schüler, Lehrer, Eltern und Politiker.

Doch dies sei ein Trugschluss: "So wird eine Generation von Schülern geschaffen, die sich selbst überschätzt", so Meidinger. Das führe zu vielen Studienabbrechern.

Christiane Heidrich ist Leiterin des Münchner Stark-Verlags. Der vertreibt Bücher, mit denen sich seit 40 Jahren Schüler auf Abschlussprüfungen vorbereiten. Heidrich hat eine andere Erklärung. In einem Interview mit dem SPIEGEL sagte sie, Schüler würden heutzutage anders lernen als vor 30 Jahren. Inzwischen gehe es darum, "theoretisches Wissen auf die Lebensrealität zu übertragen" und weniger um Fakten, die man auswendig lerne.

Zudem seien die Aufgaben heute kleinschrittiger, die Schüler würden in den Prüfungen besser angeleitet. Dadurch könnten sie die Aufgabe besser abarbeiten und Teilpunkte sammeln, sagt Christiane Heidrich: "Das wirkt sich möglicherweise positiv auf die Abschlussnote aus."

Es sei aber schwer zu vergleichen, in welchem Bundesland das Abitur leichter oder schwerer sind, da die Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich seien.

Wie soll das Abitur vergleichbarer werden?

Seit dem Schuljahr 2016/2017 gibt es einen gemeinsamen Aufgabenpool für Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch, aus dem sich die Bundesländer bedienen können. Verbindlich sind diese Pools jedoch nicht. Die Länder können bisher noch selbst entscheiden, ob und welche Aufgaben sie übernehmen, ob sie diese Aufgaben ändern oder ob sie lieber auf landeseigene Abiturfragen zurückgreifen. Trotz des Aufgabenpools hängt es damit stark vom jeweiligen Bundesland ab, wie das Abitur aussieht.

Im Juni 2018 hatten die Kultusminister entschieden, dass die Aufgaben aus dem Pool von 2021 an nicht mehr geändert werden dürfen.

Soll die Grundschulempfehlung wieder verbindlicher werden?

Der Philologenverband fordert zudem, dass die Grundschulempfehlung verbindlicher werden solle. In den meisten Bundesländern könnten die Eltern allein entscheiden, auf welche weiterführende Schule ihr Kind wechsle, sagte Verbandsvorsitzende Lin-Klitzing.

In Bayern und Sachsen spielt die Empfehlung der Grundschule eine größere Rolle. Wollen Eltern ihr Kind trotz anderslautender Empfehlung beim Gymnasium anmelden, geht das nur über ein zusätzliches Auswahlverfahren mit Probeunterricht.

In Baden-Württemberg müssen die Eltern seit vergangenem Jahr erstmals die Grundschulempfehlung bei der Anmeldung in der weiterführenden Schule vorlegen. Auch in Schleswig-Holstein sollen Eltern stärker gesteuert werden, hier sollen die Eltern in Zukunft ebenfalls die Empfehlung vorlegen. Auch in NRW soll die Rückkehr zu einer verbindlichen Schulempfehlung im Gespräch sein.

Was ist vorteilhafter für das Kind - wenn die Eltern oder die Lehrer entscheiden?

Laut Bildungsforschern ergebe eine verbindliche Grundschulempfehlung der Lehrer mehr Sinn, weil dann nach Leistung entschieden werde, wer ein Gymnasium besuchen dürfe. Wenn Eltern entscheiden, dann kommen vor allem Kinder aus gut situierten Familien auf die Gymnasien, Schüler aus bildungsfernen Schichten sind dort eher unterrepräsentiert.

Heinz-Peter Meidinger spricht sich dafür aus, dass mehr auf die Empfehlung der Lehrer vertraut werden sollte - zumal die Durchlässigkeit zu höheren Schulabschlüssen viel besser geworden sei. Schüler könnten auch zum Abitur kommen, wenn sie erst einmal auf eine Real- oder Hauptschule gingen. Besuchten sie aber gleich das Gymnasium und müssten dann wegen schlechter Noten die Schule wechseln, wäre dies ein doppelter Bruch in der Schullaufbahn.

Welche Alternative könnte es geben?

Susanne Lin-Klitzing schlug im vergangenen Jahr vor, einheitliche Tests in der vierten Klasse einzuführen. Die Ergebnisse könnten auch über die Aufnahme an einer weiterführenden Schule entscheiden.

mit Material von dpa

insgesamt 229 Beiträge
carlitom 07.01.2019
1.
Merkwürdiger Ansatz: schlechtere Noten ändern doch an dem nichts, was die Schüler lernen. Also auch nichts daran, wie sie auf Arbeit und Studium vorbereitet sind. Was für eine schräge Art zu denken von den Philologen. IHRE [...]
Merkwürdiger Ansatz: schlechtere Noten ändern doch an dem nichts, was die Schüler lernen. Also auch nichts daran, wie sie auf Arbeit und Studium vorbereitet sind. Was für eine schräge Art zu denken von den Philologen. IHRE Arbeit muss besser werden, dann sind die Schüler gut vorbereitet.
Newspeak 07.01.2019
2. ...
Wieso strengere Bewertung? Wieso nicht einfach hoehere Ansprueche? Dann folgt die Anpassung der Noten automatisch, aber vor allem wissen die Leute mit guten Noten dann auch mehr! Mir scheint, beim Deutschen Philologenverband [...]
Wieso strengere Bewertung? Wieso nicht einfach hoehere Ansprueche? Dann folgt die Anpassung der Noten automatisch, aber vor allem wissen die Leute mit guten Noten dann auch mehr! Mir scheint, beim Deutschen Philologenverband ist es mit der Logik auch nicht mehr so weit her, und es geht auch nur um Oberflaeche, statt Inhalt.
MannAusmNorden 07.01.2019
3. The Pädagogische 4....
Das hört sich nach einer "pädagogischen 4" für mich an: "Ich wollte Dich dadurch motivieren, Dich nächstes Mal mehr anzustrengen!". Wie ich diesen Satz gehasst habe! Denn so manches Mal habe ich mich sehr [...]
Das hört sich nach einer "pädagogischen 4" für mich an: "Ich wollte Dich dadurch motivieren, Dich nächstes Mal mehr anzustrengen!". Wie ich diesen Satz gehasst habe! Denn so manches Mal habe ich mich sehr stark angestrengt, und oft hat es nichts genützt. Gerade wenn man so ganz knapp an der 3- vorbei geschrammt ist tat das einfach weh. - Ich finde, dass die Schüler im Abi-Jahrgang viel mehr Zeit haben sollten sich auchs Studium vorzubereiten. Oft ist das Abi-Jahr bereits im April/Mai vorbei. Bis zum Semesterbeginn gibt es also noch viel Zeit, um Vorbereitungskurse zu besuchen. Sowas könnte auch eine Schule anbieten: Erfahrene Studenten oder Absolventen für eine Woche in die Schule holen für solche Grundkurse. Da wäre mit wenig Geld viel geholfen!
lupo62 07.01.2019
4.
Die Inflation der Abiturnoten hat schon vor 2007 begonnen. In meinem Jahrgang 1972 hatte einer eine 1,8. Alle anderen lagen über 2. Ich hatte mit meiner 2,4 ein überdurchschnittliches Ergebnis. Heute wäre das wohl nichts mehr [...]
Die Inflation der Abiturnoten hat schon vor 2007 begonnen. In meinem Jahrgang 1972 hatte einer eine 1,8. Alle anderen lagen über 2. Ich hatte mit meiner 2,4 ein überdurchschnittliches Ergebnis. Heute wäre das wohl nichts mehr wert.
blödföhn 07.01.2019
5. Mit schlechten Noten ist man besser vorbereitet ?
Wie wäre es wenn sich Schule mal nach empirisch belegten Standards richtet ? Die wenigsten Lehrer wissen doch was akademisches Arbeiten überhaupt bedeutet. Schon das dreigliedrige Schulsystem ist quasi Antik, die [...]
Wie wäre es wenn sich Schule mal nach empirisch belegten Standards richtet ? Die wenigsten Lehrer wissen doch was akademisches Arbeiten überhaupt bedeutet. Schon das dreigliedrige Schulsystem ist quasi Antik, die Schulorganisation auch, und existiert nur noch nach dem Moto "hat mir auch nicht geschadet". Armselig !
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