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Leben und Lernen

Afghanistan

Zwei von drei Mädchen gehen nicht zur Schule

Große Armut und ein kaputtes Bildungssystem: Zwei Drittel der Mädchen in Afghanistan bekommen keine Schulausbildung. Menschenrechtsaktivisten werfen der Regierung vor, das Problem schönzureden.

REUTERS

Eine Ausnahme: Die afghanische Lehrerin Mahajera Armani und ihre Schülerinnen in Jalalabad (Archivbild)

Dienstag, 17.10.2017   13:24 Uhr

Die Herrschaft der Gotteskrieger wirkt nach: Auch 16 Jahre nach dem Ende des Taliban-Regimes besuchen in Afghanistan zwei Drittel der Mädchen keine Schule. Das schreibt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in einem neuen Bericht.

Die Aktivisten widersprechen damit deutlich den offiziellen Schätzungen der afghanischen Regierung. Das Bildungsministerium hatte mitgeteilt, dass aktuell 39 Prozent der 9,3 Millionen Schüler Mädchen seien. Die Organisation hält diese Zahlen unglaubwürdig.

Ihr Bericht basiert auf Studien in vier Provinzen sowie Daten der afghanischen Regierung. Tatsächlich sei die Situation wahrscheinlich sogar noch schlechter, heißt es von der Menschenrechtsorganisation. Wer in Afghanistan keine Schule besucht, wird erst nach drei Jahren in der offiziellen Statistik erfasst.

"Die afghanische Regierung und die Geber haben im Jahr 2001 großspurig versprochen, allen Mädchen eine Schulbildung zu geben. Doch Unsicherheit, Armut und Vertreibung zwingen heute viele Mädchen, der Schule fernzubleiben", sagt Liesl Gerntholtz, Leiterin der Frauenrechtsabteilung von Human Rights Watch. Nach ihren Schätzungen sind rund 85 Prozent der 3,5 Millionen Kinder, die keine Schule besuchen, Mädchen.

Fortschritte sind in Gefahr

Zwar gebe es heute deutlich mehr afghanische Mädchen, die eine Schule besuchen, als während der Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001. Aber die Fortschritte seien "unvollständig und zerbrechlich", heißt es in dem 132-Seiten-Bericht. Millionen Mädchen besuchten gar nicht oder nur kurz den Unterricht. In manchen Landesteilen sinke der Mädchenanteil in Schulen sogar. Nur 37 Prozent der weiblichen Jugendlichen können lesen und schreiben, bei den männlichen Jugendlichen sind es 66 Prozent.

Die Gründe dafür sind dem Bericht zufolge vielfältig. Es fehle an Schulen, weiblichen Lehrkräften und Infrastruktur wie Toiletten, das Bildungssystem ist marode. Als Folge des andauernden Konflikts zwischen Regierungstruppen und radikalislamischen Taliban mussten Tausende Familien ihr Zuhause verlassen. Viele Mädchen arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen. Islamistische Milizen und Kriminelle bedrohen Mädchen und junge Frauen.

him/AFP

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