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Leben und Lernen

Schüler klagen

Azubi-Mangel? Wir finden doch gar keine Lehrstellen

Wer keinen Ausbildungsplatz findet, ist selbst schuld. Schließlich gibt es in Deutschland mehr Lehrstellen als Bewerber, heißt es. Oder nicht? Jugendliche aus Bremen kämpfen für eine neue Statistik.

DPA

Dennis Quicker und Sara Scheibel

Montag, 22.05.2017   17:36 Uhr

4011 Lehrstellen und 3415 Bewerber - rein rechnerisch gab es im Herbst 2015 in Bremen für jeden Jugendlichen mehr als eine Ausbildungsstelle. "Unversorgt", wie es im Behördendeutsch heißt, blieben laut Statistik nur 174 Bewerber. Und genau das regt Sara Scheibel, 18, und Dennis Quicker, 19, auf.

Die beiden besuchen die Gesamtschule Ost in Bremen-Tenever, das als Problemviertel gilt. "Am Ende der zehnten Klasse hatten nur drei von uns einen Ausbildungsplatz", sagt Scheibel. Dabei hatten zwölf von 24 Mitschülern sich um einen beworben. "Als Schüler denkt man dann: Das liegt an mir. Irgendwas muss ja nicht richtig sein, wenn ich zu den wenigen gehöre, die keine Ausbildung kriegen." Inzwischen zweifeln sie aber nicht mehr an sich selbst - sondern machen gegen die Ausbildungsmarktstatistik mobil.

Das sind ihre Kritikpunkte:

Die Schüler fordern deshalb, dass in der Ausbildungsmarktstatistik aufgeführt wird, wie viele Jugendliche den Stempel "nicht reif" bekommen haben und dass nicht die Zahl der "unversorgten Bewerber" angegeben wird, sondern die sogenannte Einmündungsquote.

Mit diesem Wert liest sich die Statistik weniger optimistisch: In Bremen haben nur rund 37 Prozent der jungen Leute, die bei der Agentur als ausbildungsplatzsuchend gemeldet wurden, eine Lehrstelle gefunden. Nimmt man auch jene dazu, die ohne Hilfe der Arbeitsagentur eine Stelle bekamen, sind es in Bremen 66,5 und bundesweit 64,7 Prozent.

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"Zu sagen, nur 'unversorgte Bewerber' seien ohne Ausbildungsplatz, ist definitiv zu eng", sagt auch Joachim Gerd Ulrich, Forscher beim Bundesinstitut für Berufsbildung und Experte auf dem Gebiet der Ausbildungsmarktstatistik. Er betont, dass das Verständnisproblem der Lehrstellen-Statistik nicht nur in Bremen besteht.

Zum Stichtag 30. September 2016 gab es bundesweit rund 20.000 unversorgte Bewerber. Daneben waren rund 60.000 Suchende gemeldet, die in einer Alternative geparkt waren.

Diese Zahlen sind nicht geheim. Trotzdem gehen sie oft unter.

"Wir würden uns wünschen, dass die Statistik deutlich macht, wer einen Ausbildungsplatz hat und wer nicht", sagt Scheibel.

Es ist eine Forderung, die zumindest in Bremen mittlerweile prominente Unterstützer gefunden hat. "Am Ende ist niemandem damit gedient, wenn alle wissen, die Probleme am Ausbildungsmarkt sind eigentlich größer, aber wir haben es durch allerlei Zahlenspielereien hinbekommen, das Problem kleiner zu machen", sagt Martin Günthner, Bremer Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen.

Im Mai 2016 beschloss die Bremer Bürgerschaft, dass die Landesregierung die Entwicklungen auf dem regionalen Ausbildungsmarkt künftig transparent darstellen solle. Trotzdem kamen im November die neuen Zahlen der Arbeitsagentur in alter Manier heraus.

Die beiden Regierungspartner Grüne und SPD haben nun einen Antrag in der Bürgerschaft eingebracht, in dem sie von der Landesregierung eine Bundesratsinitiative fordern. Die Statistik müsse in ganz Deutschland geändert werden, um aussagefähigere Daten zu erhalten. Nur so gebe es mehr Transparenz.

Es bleibt abzuwarten, was daraus wird. Einen Effekt auf die Schüler hat die Debatte aber schon jetzt. "Es macht Mut, dass wir so viel erreicht haben, und es macht Mut, dass Schüler so etwas erreichen können", sagt Sara Scheibel. "Die Politiker haben uns recht gegeben - und das ist schon etwas Besonderes."

vet/Kristin Kruthaup/dpa

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