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Leben und Lernen

Sparmaßnahmen an Schulen

Mit den Ferien kommt die Entlassung

Tausende angestellte Lehrer werden vom Staat pünktlich zu Beginn der Sommerferien für sechs Wochen in die Arbeitslosigkeit geschickt. Einige Bundesländer fallen dabei besonders auf.

DPA

Lehrer in Bayern (Archivbild)

Von
Montag, 09.07.2018   16:25 Uhr

Für bundesweit 4900 Lehrer markierte im vergangenen Jahr der letzte Tag des Schuljahres nicht nur den Start in die Sommerferien, sondern auch den in die Arbeitslosigkeit. Denn häufig laufen befristete Verträge pünktlich zu Beginn der großen Ferien aus - und werden dann, ebenso pünktlich, zum ersten Tag des neuen Schuljahrs wieder geschlossen.

Eine Strategie, an der manche Bundesländer trotz des immer stärker werdenden Lehrermangels festhalten - auch in diesem Sommer. "Es zeichnet sich wieder deutlich ab", sagt Marlis Tepe, Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. Betroffen sind vor allem Vertretungslehrer im Angestelltenverhältnis, zeigt eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter den zuständigen Kultusministerien.

Die Länder sparen dadurch Millionen ein: Alleine in Baden-Württemberg, wo jetzt 3300 Verträge auslaufen, würden Beschäftigung und Bezahlung der Vertretungslehrer in den Sommerferien 12,5 Millionen Euro kosten.

Arbeitslosigkeit von Lehrern während der Sommerferien 2017

Anteil an den gesamten Meldungen zur Arbeitslosigkeit während des jeweiligen Schuljahrs



Bundesweit meldeten sich nach einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit in den Sommerferien 2017 rund 4900 Lehrkräfte arbeitslos. In der Analyse heißt es, "dass die Zahl arbeitsloser Lehrkräfte regelmäßig in den Sommerferien stark ansteigt. Nach den Sommerferien geht die Arbeitslosenzahl wieder zurück". Die tatsächliche Zahl der betroffenen Lehrer dürfte aber höher liegen, meint Tepe. Denn nicht alle meldeten sich arbeitslos.

Baden-Württemberg mit den meisten Fällen

Schon im vergangenen Jahr konzentrierte sich die Ferien-Arbeitslosigkeit vor allem auf drei Bundesländer: Von den rund 4900 Arbeitslosenmeldungen in den Sommerferien 2017 entfielen die meisten auf Baden-Württemberg (1680), Bayern (860) und Niedersachsen (470). Aus diesen drei Ländern kamen 61 Prozent der Sommerferien-Arbeitslosmeldungen. Auch im relativ kleinen Hamburg (260) war das Phänomen gut erkennbar.

Insgesamt war die Sommerarbeitslosigkeit von Lehrern nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit im vergangenen Jahr etwas niedriger als in den drei Jahren zuvor.

Den Eindruck, in Baden-Württemberg würden Lehrer ohne Grund in die Arbeitslosigkeit entlassen, wies eine Sprecherin des Stuttgarter Kultusministeriums auf SPIEGEL-Anfrage zurück. Von den 3300 befristet angestellten Lehrkräften, deren Arbeitsvertrag spätestens mit dem Beginn der Sommerferien endet, könne 2000 keine unbefristete Stelle angeboten werden, weil die Voraussetzung dafür fehlten: "Sie haben keine Lehramtsausbildung absolviert oder die Ausbildung noch nicht abgeschlossen. Unter den restlichen 1300 befristet angestellten Lehrkräften sind knapp die Hälfte Pensionäre, die faktisch gar nicht arbeitslos werden."

"Angebot ausgeschlagen"

Unter den dann noch verbleibenden etwa 650 Lehrern hätten sich einige klar für diese Situation entschieden: "Sie haben sich auf besetzbare, unbefristete Stellen bewusst nicht beworben oder ein solches Angebot ausgeschlagen, weil dies ihrem Ortswunsch nicht entsprach, und stattdessen lieber eine befristete Krankheitsvertretungsstelle im gewünschten örtlichen Umfeld angetreten", so die Sprecherin des Ministeriums. Einen Handlungsbedarf sieht sie deshalb nicht.

In anderen Bundesländern sieht man das vor dem Hintergrund des akuten Lehrermangels anders: So will Rheinland-Pfalz ab 2019 alle Vertretungslehrer auch in den Ferien bezahlen. Und in Nordrhein-Westfalen werden die Sommerferien in aller Regel schon jetzt in die Vertragszeit miteinbezogen, sodass ein Sprecher der Landes-GEW bestätigt: "Das ist in NRW kein großes Problem."

Auch die GEW-Vorsitzende Tepe bestätigt einen Rückgang der Fälle, hält aber an der Kritik fest: "Das macht unseren Beruf nicht attraktiv. Wir sind ja eher in der Situation, dass wir einen drastischen Mangel an Fachkräften bekommen werden. Man muss den Beruf attraktiv gestalten und nicht sagen: Wir brauchen Euch in den Sommerferien nicht."

Auch Referendare stehen laut Tepe in einigen Bundesländern in den Sommerferien zu Tausenden ohne Gehalt da. Nach GEW-Angaben haben die Nachwuchslehrer keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, weil sie als Beamte auf Widerruf während des Vorbereitungsdienstes nicht in der Arbeitslosenversicherung versichert seien. Die Konsequenz: Für sechseinhalb Wochen werden sie zu Hartz-IV-Beziehern.

Mitarbeit: Lisa-Marie Eckhardt

insgesamt 165 Beiträge
anark 09.07.2018
1.
Und so zeigen unsere ach so integren Politiker ihren Respekt vor den Menschen, die die Arbeit machen. Und nun kann sich jeder bei der nächsten Sonntagsrede sein Bild von diesen "Herrschaften" machen.
Und so zeigen unsere ach so integren Politiker ihren Respekt vor den Menschen, die die Arbeit machen. Und nun kann sich jeder bei der nächsten Sonntagsrede sein Bild von diesen "Herrschaften" machen.
gluonball 09.07.2018
2. Fachkräftemangel? Lehrermangel?
Die Presse muss sich mal einigen. Es kann nicht beides geben. Entweder gibt es einen Mangel oder man behandelt die Angestellten wie Dreck. http://www.sueddeutsche.de/bildung/lehrer-konkurrenz-verdirbt-das-geschaeft-1.3996241 [...]
Die Presse muss sich mal einigen. Es kann nicht beides geben. Entweder gibt es einen Mangel oder man behandelt die Angestellten wie Dreck. http://www.sueddeutsche.de/bildung/lehrer-konkurrenz-verdirbt-das-geschaeft-1.3996241 https://www.news4teachers.de/2017/10/jetzt-werben-sich-die-bundeslaender-gegenseitig-die-lehrer-ab-hessisches-kultusministerium-ist-sauer-ueber-berliner-lehrkraeftekampagne/
Tharsonius 09.07.2018
3. Unfassbar
die ganze Bildungspolitik Deutschlands samt dieser Vorgehensweise zum Nachteil der ohnehin zu geringen lehrkräfte ist eine einzige Farce. Lächerlich
die ganze Bildungspolitik Deutschlands samt dieser Vorgehensweise zum Nachteil der ohnehin zu geringen lehrkräfte ist eine einzige Farce. Lächerlich
inovatech 09.07.2018
4. Ich dachte
es gibt genügend Geld durch Steuereinnagmen etc. Es soll uns doch so gut gehen - also warum diese Sauerei ?
es gibt genügend Geld durch Steuereinnagmen etc. Es soll uns doch so gut gehen - also warum diese Sauerei ?
williwupp 09.07.2018
5. Heuchler
Diese (illegalen Kettenverträge) Massnahmen werden genau von den Politkern gestützt, die sich dann über Zeitarbeitsfirmen ereifern die genau dasselbe mit ihren MItarbeitern praktizieren. Der Staat sollte als vorbildlicher [...]
Diese (illegalen Kettenverträge) Massnahmen werden genau von den Politkern gestützt, die sich dann über Zeitarbeitsfirmen ereifern die genau dasselbe mit ihren MItarbeitern praktizieren. Der Staat sollte als vorbildlicher Arbeitgeber auftreten und nicht genau wie dubiose Leiharbeitsvermittler agieren. Es sind ja angeblich so viele MIttel im Staatshaushalt vorhanden ..... ach ja , die werden ja für die Abgeordnetengehälter, Abgeordneten Pensionen und die Parteienfinanzierung gebraucht. Und da wundern sich die Damen und Herren Politschauspieler wenn "Politiker" inzwischen ein Schimpfwort ist.

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