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Leben und Lernen

Probleme mit Gewalt

Berliner Grundschule heuert Sicherheitsdienst an

An einer Grundschule in Berlin patrouillieren Security-Mitarbeiter, um die Lehrer zu entlasten. Was können - und was dürfen sie?

RSD

Sicherheitsdienst vor Spreewald-Grundschule

Von
Donnerstag, 01.03.2018   18:20 Uhr

Zwei Grundschüler prügeln sich in der Pause, einer liegt am Boden, der andere tritt nach. Oder: Ältere Freunde eines Sechstklässlers reißen während des Unterrichts die Klassentür auf und rufen "He, Alter, komm raus, wir gehen jetzt!"

Es sind Vorfälle wie diese, die laut Schulleitung dazu geführt haben, dass an der Spreewald-Grundschule im Berliner Stadtteil Schöneberg seit Montag zur Unterrichtszeit ein Sicherheitsdienst im Einsatz ist.

"Wir müssen den Problemen ins Auge schauen", sagt Rektorin Doris Unzeitig dem SPIEGEL. Das Aggressionspotenzial an der Schule sei hoch und das Unterrichten schwierig. Der Sicherheitsdienst solle zu einem "entspannteren Klima" verhelfen.

Dass Wachleute an Berliner Schulen patrouillieren, ist nicht neu. Der Nachbarbezirk Neukölln, wo Lehrer der Rütli-Schule 2006 in einem Brandbrief um Hilfe baten, finanziert solch eine Maßnahme an mehreren Schulen schon seit gut zehn Jahren.

Doch bisher sind andere Bezirke diesem Weg nicht gefolgt. Auch dass nun eine Grundschule mit sechs- bis zwölfjährigen Kindern Sicherheitspersonal engagiert, ist ungewöhnlich.

Die Spreewald-Grundschule liege in einem schwierigen Viertel mit vielen bildungsfernen Familien, sagt Rektorin Unzeitig. Seit Schuljahresbeginn habe es etwa 30 gewalttätige Vorfälle gegeben, in denen zum Beispiel Lehrer beleidigt oder Schüler bedroht und verletzt worden seien.

Ob diese Zahl in den vergangenen Jahren zugenommen hat und ob sie verglichen mit anderen Schulen besonders auffällig ist, konnte am Donnerstag weder die Schulleitung noch die Berliner Polizei beantworten. Aus dem Bildungssenat heißt es: "Es liegen vermehrt Gewaltmeldungen zur Gefährdungsstufe eins vor." Dort hinein fallen zum Beispiel Mobbing und Beleidigungen.

Laut Schulleiterin Unzeitig ist das Kollegium überlastet und fühle sich allein gelassen. In den vergangenen Jahren habe man die Aufsicht verstärkt, Konfliktschlichter eingesetzt und Lehrer, Erzieher und Schüler in Gewaltprävention geschult. Doch das Schulklima habe sich nicht gebessert. "Wir bitten seit drei Jahren das Jugendamt erfolglos um einen zweiten Schulsozialarbeiter."

picture alliance / Bildagentur-o

Spreewald-Grundschule in Berlin-Schöneberg

Ob ein Wachdienst eine sinnvolle Alternative ist, um die Schuldisziplin zu stärken, ist umstritten.

Man habe in Neukölln gute Erfahrungen gemacht, wo seine Mitarbeiter täglich an derzeit sieben Oberschulen im Einsatz seien, sagt Masieh Jahn von der Firma Rheinische Sicherheitsdienste, die auch die Spreewald-Schule engagiert hat.

"Wir passen auf, dass die Kinder sich benehmen und wir schauen, wer rein- und rausgeht", sagt Jahn. Das helfe den Lehrern und beruhige Eltern. Die Mitarbeiter hätten vorher mehrwöchige Schulungen in Deeskalation und interkulturellem Umgang absolviert. An der Spreewald-Grundschule seien zwei Männer und eine Frau unterwegs, die neben Deutsch auch Türkisch, Kurdisch und Arabisch sprächen.

Die Schulleiterin ist bisher zufrieden. Die Schulkonferenz habe vor Weihnachten dafür gestimmt, es mit dem Wachdienst zu versuchen, sagt Unzeitig. Bezahlt würden die gut 1700 Euro pro Woche aus Mitteln des Bonus-Programms, das Schulen in sozial schwachen Gegenden unterstützen soll.

Die zwei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes schreiben auch Schüler auf, die zu spät kommen, und sehen auf den Toiletten nach dem Rechten. Außerdem helfen sie zu unterbinden, dass fremde Jugendliche und junge Erwachsene ins Schulgebäude kämen, "um sich aufzuwärmen", sagt Unzeitig. Und sie sollen prügelnde Kinder auf dem Pausenhof trennen.

"Nur zur Durchsetzung des Hausrechts"

Das sei allerdings gar nicht ihre Aufgabe, heißt es aus der Berliner Polizei. Der Sicherheitsdienst sei "ausschließlich zur Durchsetzung des Hausrechts" an der Schule, sagte ein Sprecher. Er kann also Personen vom Schulgelände verweisen, die dort nichts zu suchen haben.

"Körperlichen Zwang" dürften die Mitarbeiter jedoch nur "im Rahmen der Notwehr" anwenden. Wenn sie also eine Schlägerei verhindern und einen Schüler dafür etwas härter anfassen müssten, tun sie das auf eigenes Risiko. "Sie könnten dafür theoretisch mit einem Strafermittlungsverfahren wegen Körperverletzung belangt werden", so der Polizeisprecher.

Die Schulbehörde teilt dazu verhalten mit: "Es wäre pädagogisch sinnvoll, wenn die Konfliktlösungen auch durch Pädagogen erfolgen." Und das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg hat abgelehnt, den Wachdienst zu finanzieren.

Er soll an der Spreewald-Grundschule zunächst bis April im Einsatz sein. Dann will die Schule eine Bilanz ziehen - und beim Bezirk gegebenenfalls noch einmal um eine Finanzierung bitten.

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