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Leben und Lernen

Prognose bis 2025

An Grundschulen fehlen 35.000 Lehrer

Mehr Schüler als erwartet und mehr Unterricht: Deutschlands Schulen gehen die Lehrer aus. Eine Studie listet auf, was die Politik tun müsste.

DPA

Grundschüler in Baden-Württemberg

Von
Mittwoch, 31.01.2018   05:22 Uhr

In Deutschland herrscht Lehrermangel. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, die dem SPIEGEL vorliegt, wird sich die Misere noch weiter verschärfen. Demnach fehlen bis 2025 allein an Grundschulen 35.000 Lehrer.

Die Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn verglichen in ihrer Analyse, wie viele Grundschullehrer zukünftig gebraucht und wie viele Lehrer neu ausgebildet werden. Demnach reichen die Uni-Absolventen gerade so aus, um die Lehrer zu ersetzen, die in den Ruhestand gehen oder gesundheitsbedingt ausscheiden. Wegen der geplanten Ganztagsbetreuung und steigender Schülerzahlen würden aber viel mehr Lehrer gebraucht.

Die Wissenschaftler rechnen vor:

Das ergibt zusammen einen Bedarf von 105.000 Grundschullehrern. Im gleichen Zeitraum stünden aber nur 70.000 Uni-Absolventen zur Verfügung.

Bertelsmann Stiftung

Lehrermangel in der Primarstufe bis 2030

"Angesichts des bundesweiten Lehrermangels sollten sich die Länder die Lehrer nicht länger gegenseitig abwerben. Die Verantwortlichen sollten gemeinsame Lösungen suchen, um den Bedarf zu decken", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Die Forscher machen mehrere Vorschläge:

Der kurzfristige Bedarf könnte mit Teilzeitlehrern gedeckt werden, die freiwillig mehr arbeiten wollen. Dafür brauche es die richtigen Anreize wie zuverlässige Kinderbetreuung. Die sei besonders für Grundschulen wichtig, wo vor allem Frauen unterrichten, viele in Teilzeit. Eine weitere Option seien Lehrer im Ruhestand, die weiter unterrichten.

Ein Blick in die Bundesländer zeigt die Misere: Hamburg will seinen Lehrern beispielweise erlauben, künftig über die Altersgrenze hinaus zu arbeiten. Auch Baden-Württemberg wirbt verstärkt um Pensionäre, die in den Schuldienst zurückkehren sollen. Die Länder konkurrieren um Absolventen, sie locken mit mehr Geldoder einer Verbeamtung. Einige Bundesländer überlegen, ob es nicht ausreicht, wenn Lehrer nur noch ein Fachunterrichten statt zwei.

Ausgebildete Lehrer allein können den Bedarf laut der Studie jedoch nicht decken, es brauche Quereinsteiger. Auch das ist bereits gängige Praxis. In Sachsen hat derzeit jeder zweite neue Grundschullehrer nicht auf Lehramt studiert. Der Weg ins Klassenzimmer unterscheidet sich zwischen den einzelnen Bundesländern jedoch erheblich.

"Wir brauchen einheitliche Standards für die Qualifizierung von Seiteneinsteigern. Dazu gehört auch genügend Zeit für berufsbegleitendes Lernen und für das Mentoring durch erfahrene Kollegen", fordert Dräger von der Bertelsmann-Stiftung.

Auch die Gewerkschaft GEW warnt vor einem eklatanten Lehrermangel an Grundschulen. Laut einer Umfrage fehlen deutschlandweit derzeit rund 2000 Grundschullehrer, wie das ZDF berichtet. Eine Umfrage des SPIEGEL vom Oktober war zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Die GEW fordert deshalb mehr Geld von der künftigen Regierung. Bisher haben SPD und Union 3,5 Milliarden Euro zugesagt. Viel zu wenig, meint die GEW, und fordert Investitionen von 40 Milliarden Euro.

Die Bildungsforscher der Bertelsmann-Stiftung fürchten indes vor allem um die Ganztagsbetreuung an Schulen. Der Rechtsanspruch sei pädagogisch sinnvoll und von den Eltern gewollt. Er dürfe nicht an fehlenden Lehrern scheitern.

insgesamt 46 Beiträge
dasfred 31.01.2018
1. Es hat anscheinend immer zu wenig gute Lehrer gegeben
Immerhin hat die Politik ab Geburt der Kinder sechs Jahre Zeit, den Bedarf an Lehrerinnen und Lehrern zu planen und entsprechend auszubilden. Dass das nicht geschieht, scheint auf dem Versagen ihrer eigenen Ausbilder zu liegen. [...]
Immerhin hat die Politik ab Geburt der Kinder sechs Jahre Zeit, den Bedarf an Lehrerinnen und Lehrern zu planen und entsprechend auszubilden. Dass das nicht geschieht, scheint auf dem Versagen ihrer eigenen Ausbilder zu liegen. Anzahl der Geburten plus Marge für Zuwanderer geteilt durch Klassengröße. Da wird es doch jemanden geben, der diese Zahl ermitteln und mit der tatsächlichen Planung in Relation setzen kann. Auch wenn man um die schwarze Null kämpfen muss, in einem Land mit Schulpflicht für jeden, müssen auch für jeden Schüler die Räume, Sachmittel und Lehrer für alle bereit gestellt werden.
007er 31.01.2018
2. Ganztagsgrundschulen
werden sicherlich flächendeckend eingeführt, mit oder ohne genügend Lehrer. Heutige Beispiele zeigen jetzt schon, das die Schule zum Verwahrort wird, ohne genügend Lehrer u Erzieher. Die Tapferen die sich jeden Tag der Aufgabe [...]
werden sicherlich flächendeckend eingeführt, mit oder ohne genügend Lehrer. Heutige Beispiele zeigen jetzt schon, das die Schule zum Verwahrort wird, ohne genügend Lehrer u Erzieher. Die Tapferen die sich jeden Tag der Aufgabe stellen, brennen ratzfatz aus, stellen Versetzungsanträge, machen Dienst nach Vorschrift . ....Leittragende sind die Kinder und deren Familien. Da ja Schule gibt es keinen Weg, das Kind vor 16:00 aus der Verwahranstalt heraus zu bekommen. Wie sagte mal ein Lehrer: "an einer GT- GS kannst du entweder schulisches Wissen oder soziales Verhalten lehren. Beides geht nicht " Hmm... Survival of the fittest unterem Deckmantel der Chancengleichheit. Im übrigen haben sich, die nach GT-GS rufen, einmal deren Zeiten angeschaut? Was bringt eine GT-GS, wenn der Unterricht von 9:00 - 16:00 und freitags von 9:00 -11:20 geht?? Hitzefrei, früher Schluss aufgrund von Erziehermangel, u ä noch nicht inkludiert. Gibt's nicht? oh doch...gelebte Realität. Mit dem klassischen GS/Hort Prinzip lebt man als Familie weitaus entspannter. Denn hier ist auch die Ferienbetreuung geregelt und man hat die Freiheit dem Kind Musikunterricht/Vereinssport usw zu ermöglichen. Aber es muss billiger, effizienter werden.... Pisaergebnisse besser, mehr Doppelverdiener her..... für wen eigentlich? Für die DAX Unternehmen oder die zukünftigen Generationen??
lofeu 31.01.2018
3. Kurze Beine, kurze Wege
Das Prinzip, auch in Dörfern Grundschulstandorte offen zu halten wird bei dem prognostizierten Mangel erst recht nicht mehr aufrecht erhalten werden können. In Baden-Württemberg fehlen bereits heute mehrere hundert [...]
Das Prinzip, auch in Dörfern Grundschulstandorte offen zu halten wird bei dem prognostizierten Mangel erst recht nicht mehr aufrecht erhalten werden können. In Baden-Württemberg fehlen bereits heute mehrere hundert Grundschulehrer, obwohl viele Referendare zur Verfügung stehen. Das Land würde diese gerne einstellen, scheitert aber an den Standortwünschen der potentiellen Lehrer. Am liebsten nur in der großen Wunschstadt an einer beliebten Grundschule. Zu Alternativen ist man nicht bereit und bezieht lieber ALG 2 oder hofft auf vorübergehende Beschäftigung als KV am Wunschstandort. Diese ?Berufsethos? verschärft das Problem erheblich. Die Länder sollten dazu übergehen, nur dann im Referendatiat auszubilden, wenn der Lehranwärter bereit ist, danach jede Stelle anzutreten.
Phil2302 31.01.2018
4. Liebe Mitforisten,
man darf doch jedes mal hier lesen, wie einfach und überbezahlt der Job ist. Also, wagen Sie doch jetzt den Quereinstieg und profitieren Sie auch von den ganzen vermeintlichen Annehmlichkeiten. Super Bezahlung und kaum Arbeit - [...]
man darf doch jedes mal hier lesen, wie einfach und überbezahlt der Job ist. Also, wagen Sie doch jetzt den Quereinstieg und profitieren Sie auch von den ganzen vermeintlichen Annehmlichkeiten. Super Bezahlung und kaum Arbeit - da sollten die Anträge doch schon ausgefüllt werden! Z Thema: Ich persönlich kenne zwei Quereinsteiger, die völlig überfordert sind. Entgegen vorheriger Absprachen musste sofort eine Klassenleitung übernommen werden und müssen Fächer unterrichtet werden, von denen diese keine Ahnung haben. Also wenn mein Kind in die Grundschule kommt wird die erste Frage: "Wie viele Quereinsteiger arbeiten bei ihnen und wie viel Unterricht fällt bei ihnen aus?" Schlimm, dass so etwas heute als Qualitätsmerkmal herhalten muss.
mrbiggg 31.01.2018
5. Bildung in Deutschland
Die Bildung in Deutschland ist ein einziges Chaos. In einem Land, das sich selbst zu gern als "Land der Dichter und Denker" bezeichnet, dürfen solche Zustände nicht herrschen. Der Föderalismus ist (zumindest auf [...]
Die Bildung in Deutschland ist ein einziges Chaos. In einem Land, das sich selbst zu gern als "Land der Dichter und Denker" bezeichnet, dürfen solche Zustände nicht herrschen. Der Föderalismus ist (zumindest auf Bildungsebene) überholt. Es braucht bundesweit einheitliche Standards für Schüler und Lehrer. Bei Lehrern muss eine der Ansatz zur "Bestenauslese" gehen und nicht händeringend jeden Quereinsteiger nehmen, der ursprünglich nichts mit Kindern machen wollte. Man braucht vor allem Geld. Gute Bildung kostet!

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