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Leben und Lernen

Fotografie

Hurra, hurra, die Schule bröckelt

Wie fühlt sich eine verlassene Schule an? Wie riecht ein Lehrerzimmer, lang nachdem der letzte Lehrer gegangen ist? Christian Sünderwald kennt die Antwort - er fotografiert verwaiste Gebäude.

Christian Sünderwald
Mittwoch, 23.09.2015   12:15 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Sie fotografieren in Ihrer Freizeit verlassene Gebäude. Warum?

Sünderwald: Es fasziniert mich, dass es in Städten - oft nur eine Fassadenbreite von unserem gewohnten urbanen Alltag entfernt - Orte gibt, an denen die Zeit wie eingefroren ist. Wenn man so ein Bauwerk betritt, ist es, als würde man einen kleinen Zeitsprung machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt sich eine verlassene Schule an?

Sünderwald: Seltsam und spannend. Man erwartet das Trampeln auf den Treppen, das Stimmengewirr von Schülern, das Bimmeln der Schulglocke. Tatsächlich jedoch hört man jeden Wassertropfen, der durch das meist undichte Dach auf den Boden fällt, jeden Windstoß, der durch die geborstenen Fenster heult und das Knarzen der alten Türen, die vom Wind erfasst werden.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich unheimlich an.

Sünderwald: Das ist es auch. Ich gebe gern zu, alleine, ohne meine Frau, hätte ich mich anfangs nicht hineingetraut. Mittlerweile ist der Gruselfaktor zwar nicht mehr ganz so hoch, aber doch immer noch da. Wenn man mutterseelenallein in so einem verlassenen Riesengebäude steht, in dem es oft nur wenig bis gar kein Licht gibt - das ist schon sehr unheimlich - aber gleichzeitig auch sehr reizvoll.

SPIEGEL ONLINE: Woran merken Sie, dass Sie in einer Schule stehen - und nicht in einem alten Bürohaus?

Sünderwald: Oft gibt es noch Überreste der Einrichtung: Tafeln, Pulte, Schulbänke. Und interessanterweise behalten die Gebäude auch sehr viel später noch ihren charakteristischen Geruch. Eine Schule zum Beispiel riecht nach Schule, auch noch zig Jahre später. Das ist dieser Linoleumboden, der fast überall verwendet wurde. Ein einziger Raum des meist riesigen Gebäudes riecht auch nach jahrzehntelang in die Fassade eingezogenem Zigarettenqualm. Dann weiß ich: Ich habe das Lehrerzimmer gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie eine Schule fotografieren, denken Sie auch an Ihre eigene Schulzeit?

Sünderwald: Ja, auch wenn ich kein begeisterter Schüler war. Wenn ich einen alten Klassenraum fotografiere, sehe ich mich da wieder auf der Schulbank sitzen - letzte Reihe, versteht sich. Und vor meinem geistigen Auge steht dann der kauzige Lehrer, der die Kreide kreischend über den Schiefer zieht. Ich war nie gern Schüler und es ist ein subtil triumphierendes Gefühl, eine verfallende Schule zu besuchen. Vergangenheitsbewältigung der anderen Art.

Das Interview führte Christian Engel.

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