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Leben und Lernen

Cem Özdemir

"Meine Nachhilfelehrerin war für mich die Rettung"

In Deutsch hatte er nur Fünfen, dann trat Frau Naumann in sein Leben. Wie eine Nachhilfelehrerin das Leben von Grünen-Politiker Cem Özdemir verändert hat.

DPA

Cem Özdemir

Donnerstag, 08.02.2018   08:10 Uhr

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir verdankt seine Karriere auch einer Nachhilfelehrerin. Er sei in der Schule so schlecht gewesen, dass er ohne sie nur einen Hauptschulabschluss geschafft hätte, sagte Özdemir der "Zeit". "In Deutsch hatte ich bis zur fünften Klasse immer eine Fünf, ich war der Schlechteste."

So wie ihm geht es vielen Kindern und Enkeln türkischer Einwanderer. Auch wenn sie in Deutschland aufgewachsen und in deutsche Schulen gegangen sind, glänzen sie in Bildungsstatistiken relativ selten. Sie brechen häufiger die Schule ab, sind stärker von Armut bedroht und verdienen im Schnitt weniger. Nur acht Prozent schließen ein Studium ab, in Familien ohne Migrationshintergrund sind es laut Statistischem Bundesamt 24 Prozent.

50 Fehler auf zwei Seiten

Türkischstämmige schneiden damit deutlich schlechter ab als die Nachkommen von Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion und ähnlich schlecht wie Kinder italienischer Einwanderer. Die Gründe dafür sind vielfältig: Vorbehalte der Lehrer, weniger Unterstützung von zu Hause oder Diskriminierung. Eine Analyse zum Thema lesen Sie hier.

Auch Özdemir berichtet von Problemen in der Schule. Beim Diktat habe er auf zwei Seiten 50 Fehler gehabt. "Das war schon rekordverdächtig,", sagt Özdemir heute. Seine Eltern hätten ihm dann eine Nachhilfelehrerin finanziert, berichtete der 52-Jährige weiter: Frau Naumann. Sie sei für ihn eine Art Rettung gewesen.

"Dank ihr schaffte ich den Übergang von der Hauptschule an die Realschule. Sie gab mir Selbstvertrauen und die Zuversicht, dass ich das irgendwie packe", sagte der frühere Grünen-Chef. Als Jugendlicher arbeitete Özdemir auf dem Bau und in einer Fabrik. "Ich merkte schnell, so richtig Spaß macht mir das nicht", sagt der Grünen-Politiker. Später holte er die Fachhochschulreife nach und studierte Sozialpädagogik.

Özdemir berichtet auch von Hänseleien in der Schule. "Der Cem kann ja nichts dafür, dass er Türke ist", hätten seine Mitschüler gesagt. Das habe sich für Özdemir angehört, als hätte er eine Vorstufe von Lepra. Als er Mitglied bei den Grünen wurde, habe er es als ungerecht empfunden, dass er nicht wählen durfte. Heute sei es für ihn eine Genugtuung, dass er quasi mit der deutschen Sprache sein Geld verdient.

Bis vor zwei Wochen war der 52-Jährige aus Bad Urach in Baden-Württemberg einer von zwei Bundesvorsitzenden der Grünen. Er ist nun Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag. Als erster Abgeordneter mit türkischen Eltern zog er 1994 in den Bundestag ein.

koe/dpa/AFP

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