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Leben und Lernen

Problemschüler

Wie Lehrer Leben retten

Sie sind aggressiv, lernen nicht, haben null Respekt: Lehrer Michael Wegmann konnte seine Schülerinnen lange nicht erreichen. Dann traf er einen Sozialarbeiter aus dem Ruhrgebiet, der den entscheidenden Tipp gab.

Ingo Rappers
Von
Dienstag, 12.12.2017   10:02 Uhr

Medina weiß, was sie und ihre Mitschüler dem neuen, jungen Lehrer angetan haben. In der 7. Klasse hatte er sie übernommen. "Wir haben ihm das Leben zur Hölle gemacht", sagt die heute 18-Jährige.

"Wir sind absichtlich zu spät gekommen, haben patzige Antworten gegeben, während der Stunde gequatscht und Sachen durch den Raum geworfen. Wir haben uns geprügelt, andere gemobbt und furchtbare Wörter benutzt. Und wenn er uns ermahnt hat, haben wir gesagt: 'Ey, ich hab' keinen Bock mehr, ich geh nach Hause.'" Sie hätten, so sagt es Medina heute, die Grenzen ausgetestet.

Der Lehrer heißt Michael Wegmann, Medina und ihre Mitschüler waren seine erste eigene Klasse nach dem Referendariat. "Das war schon schwierig", erinnert er sich. "Eine Schülerin hat Stühle durch die Klasse geschmissen."

Viele Lehrer verzweifeln an solchen Schülern, sehr viele. Weil die Jugendlichen keinen Lernwillen zeigen und null Respekt. Weil sie aggressiv sind und destruktiv. Weil sie sich so grundlegend anders verhalten, als es die meisten Pädagogen aus ihrer eigenen Biografie mit Gymnasium, Studium und Reihenhaus kennen.

Ingo Rappers

Jörg Knüfken

Auch Wegmann hatte am Anfang Schlafstörungen, wusste aber gleichzeitig: "Ich will diese Kinder nicht bestrafen und aus der Klasse schmeißen. Die werden ihr Leben lang weggeschickt." Dann lernte er den damaligen Sozialarbeiter seiner Schule kennen, Jörg Knüfken und dessen ChangeWriters-Methode.

Knüfken hatte bereits jahrelang an Problemschulen im Ruhrgebiet gearbeitet, wo er teilweise nur noch Aufbewahrung betrieb und froh war, wenn einer schlafend mit dem Kopf auf dem Tisch lag und nicht mit einer Kopfverletzung am Boden. "Meine Kaputten", nannte er seine schlimmsten Schüler. In einer Gruppe beschloss Knüfken, nur noch Videos zu zeigen, mehr sei nicht möglich, dachte er.

So stieß Knüfken auf den Film Freedom Writers, der die wahre Geschichte der Lehrerin Erin Gruwell erzählt, die 1994 in Long Beach, Kalifornien, auf 150 "nicht erziehbare Risikoschüler" traf. Gruwell löste sich von den Lehrplänen, gab den Schülern Tagebücher - und hatte Erfolg: Alle Schüler schafften den Abschluss.

Also verteilte auch Knüfken Tagebücher an seine Hauptschüler. Der Deal: Die Bücher bleiben in der Schule und die Jugendlichen entscheiden selbst, ob der Lehrer reinschauen darf. Viele durfte Knüfken lesen. Und plötzlich hatte er nicht mehr Täter vor sich, die den sorgsam vorbereiteten Unterricht störten. Sondern Kinder, die von ihren Vätern blutig geschlagen wurden. Deren Geschwister in Heimen lebten. Deren Mütter im Wohnzimmer der Familie dealten. Die unter der Trennung der Eltern litten. Oder unter dem Gefühl: Ich bin hier falsch, ich kann doch eigentlich mehr.

Schülerin Medina übers Tagebuchschreiben:

Foto: SPIEGEL ONLINE

Ein Tagebuch löst solche Probleme nicht. Aber kombiniert mit Vertrauensübungen und Teamaufgaben in der Gruppe wurden die Teenager langsam auch untereinander offener, ruhiger und hilfsbereiter. Sie blieben sogar freiwillig länger in der Schule, um mit Knüfken "Schindlers Liste" zu gucken.

So wie Dilara. "Ich habe immer so getan, als sei mir alles egal, aber das stimmte nicht", erinnert sie sich. "Was in mir etwas verändert hat, waren die Nachfragen von Herrn Knüfken zu meinen Tagebucheinträgen. Am Anfang hatte ich ja keinen Bock aufs Schreiben, deshalb waren das banale Dinge, zum Beispiel, dass ich Angst vor einer Klausur hatte."

Es war das Gefühl, das zählte: Zum ersten Mal fragte sie ein Pädagoge nach mehr als Unterrichtsstoff. "Ich ging mit einem besseren Gefühl in die Schule." Und aus der Schülerin, die am liebsten mit Jacke und verschränkten Armen im Unterricht saß, Ein-Wort-Antworten gab und sich gefühllos gab, wurde eine heute 21-Jährige, die eine Ausbildung zur Erzieherin macht, die mit Knüfken Kontakt hält und die, wenn es ihr nicht gut geht, darüber sprechen kann.

Ingo Rappers

Medina (l.) und Dilara

Michael Wegmann erfuhr über die Tagebücher, dass seine Schülerin Medina eine schwere Kindheit und Jugend hatte: Als sie sieben Jahre alt war, zogen ihr Vater und ihre Stiefmutter mit ihr nach Deutschland, ihre Mutter und ihre Geschwister blieben in Bosnien. Medina wurde in der Grundschule im nordrhein-westfälischen Dorsten gehänselt, weil sie so klein war und schlecht Deutsch sprach. "Ich war immer allein", sagt sie. Ihre Noten waren nicht gut, vor allem in Mathe. "Da ist mein Kopf wie blockiert", sagt Medina.

Medina kam auf die Hauptschule, wo sie ihren neuen Klassenlehrer Michael Wegmann und Mitschüler mobbte, sich ritzte und oft sehr verzweifelt war. Auch weil es zu Hause so furchtbar war. Durch die ChangeWriters-Übungen, sagt sie, merkte sie, "dass es den anderen auch nicht gut geht, und dass man sich eher zusammensetzen sollte, statt sich zu beschimpfen". Und sie strengte sich in der Schule mehr an. "Ich war so voll Streber. Ohne Herrn Wegmann hätte ich die neunte Klasse nicht geschafft", sagt Medina, und pult an ihren Nägeln mit dem Glitzernagellack: "Er hat mein Leben gerettet."

Lehrer Michael Wegmann über den Umgang mit Problemschülern:

Foto: SPIEGEL ONLINE

Jörg Knüfken und Michael Wegmann sind laut eigener Angabe die ersten und bislang einzigen Lehrer in Deutschland, die sich in Erin Gruwells Freedom-Writers-Foundation in Kalifornien haben ausbilden lassen. Knüfken gründete danach in Dorsten den Verein ChangeWriters und gibt die Methoden jetzt in Seminaren und Workshops bundesweit an Pädagogen weiter: Wie man Schüler ans Tagebuchschreiben heranführt, und welche Gruppenspiele Vertrauen schaffen.

Zum Beispiel das Linienspiel, bei dem Fragen gestellt werden wie "Sind deine Eltern getrennt?", "Wurdest du zu Hause schon mal geschlagen?" oder "Hattest du schon mal mit der Polizei zu tun?". Wer diese mit Ja beantwortet, muss einen Schritt nach vorn machen und an die Linie treten - und sieht dann, wem es genauso geht. Ziel dabei ist laut Knüfken auch "die Selbstwirksamkeit der Lehrer wiederherzustellen" und ihnen zu zeigen, dass sie wirklich etwas tun können.

"Schwierig wird es", sagt Wegmann, "wenn ich von Missbrauch, Gewalt, Drogen durch die Eltern erfahre. Das müsste ich eigentlich dem Jugendamt oder gar der Polizei melden." Aber das mache er nur, wenn die Schüler das auch möchten: "Ihr Vertrauen ist mir zunächst wichtiger." Wenn die Jugendlichen zustimmen, begleitet er sie auch zur Drogenberatung oder sogar in die Psychiatrie.

"Viele Lehrer nehmen es persönlich, wenn Schüler im Unterricht stören", sagt Dilara. "Aber meistens ist das gar nicht gegen den Lehrer gerichtet. Sondern es gibt Dinge im Leben, die schwerer sind als der Unterricht."

insgesamt 75 Beiträge
weltraumschrott 12.12.2017
1. Solche Meldungen machen Hoffnung...
... und hoffentlich lassen deutsche Schulbehörden solche Unterrichtsmethoden auch zu, statt an Lehrplänen zu kleben, die mit Problemschülern ohnehin nicht eingehalten werden können.
... und hoffentlich lassen deutsche Schulbehörden solche Unterrichtsmethoden auch zu, statt an Lehrplänen zu kleben, die mit Problemschülern ohnehin nicht eingehalten werden können.
a-cologne 12.12.2017
2.
Klingt nach einem tollen Ansatz und scheint laut dem Bericht zu funktionieren, wenn der Lehrer mit der nötigen Empathie bei der Sache ist. Und das ist er wohl. Ich wünsche allen heutigen und zukünftig Beteiligten weiterhin viel [...]
Klingt nach einem tollen Ansatz und scheint laut dem Bericht zu funktionieren, wenn der Lehrer mit der nötigen Empathie bei der Sache ist. Und das ist er wohl. Ich wünsche allen heutigen und zukünftig Beteiligten weiterhin viel Erfolg mit dieser Methode.
nadennmallos 12.12.2017
3. Toll, meinen allergrößten Respekt ...
.. vor dem Lehrer und (ausdrücklich) den Schülern.
.. vor dem Lehrer und (ausdrücklich) den Schülern.
bau-mann 12.12.2017
4. Wenn der Standard zur Nebensache wird.
Meine Hochachtung. Meinen Respekt. An alle, die nicht das System, sondern die Menschen besser machen wollen. Gottseidank gibt es EUCH und dafür bin ich wirklich dankbar. Wieder ein Stück bessere Welt.
Meine Hochachtung. Meinen Respekt. An alle, die nicht das System, sondern die Menschen besser machen wollen. Gottseidank gibt es EUCH und dafür bin ich wirklich dankbar. Wieder ein Stück bessere Welt.
observerlbg 12.12.2017
5. Sehr ermutigend!
Es gibt also einen Weg aus der Hoffnungslosigkeit. Nur wo sind die Pädagogen, die dazu in der Lage sind? Ich bin vielen Jugendlichen begegnet, die schon Früh in einer aussichtslosen Lage waren. Später hörte ich dann, wie sie [...]
Es gibt also einen Weg aus der Hoffnungslosigkeit. Nur wo sind die Pädagogen, die dazu in der Lage sind? Ich bin vielen Jugendlichen begegnet, die schon Früh in einer aussichtslosen Lage waren. Später hörte ich dann, wie sie im Drogensumpf untergingen oder für sehr lange im Knast landeten.

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