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Leben und Lernen

Faktencheck

Bekommen Schüler wirklich immer bessere Noten?

Ein Abi mit 1,0 war nie so leicht wie heute zu erreichen, sagt der Präsident des Lehrerverbandes - und fordert ein Ende der "Inflation" guter Schulnoten. Aber gibt es tatsächlich eine Einser-Flut? Der Faktencheck.

DPA

Abi-Prüfung in Sachsen-Anhalt

Von
Montag, 05.03.2018   06:34 Uhr

Der Deutsche Lehrerverband sorgt sich um das Abitur. Seit Jahren schon warnt ihr Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger vor einer "Inflation guter Noten". Man könne bei der Masse an Einser-Abiturienten die wirklich Herausragenden gar nicht mehr erkennen, sagte er nun der Deutschen Presse-Agentur. Aber gibt es tatsächlich eine Einser-Flut an deutschen Schulen?

SPIEGEL ONLINE hat die Fakten zu den Vorwürfen geprüft:

Die Kultusministerkonferenz (KMK) veröffentlicht jährlich die Abiturnoten im Ländervergleich. Nach den jüngsten Daten war demnach der mittlere Notenwert im Schuljahr 2015/2016 in allen Bundesländern etwas besser als 2005/2006 - allerdings nur geringfügig.

Mit einer Differenz von 0,29 veränderte sich der Abi-Schnitt am stärksten in Berlin, gefolgt von Nordrhein-Westfalen, war dort aber immer noch schlechter als zum Beispiel in Bayern.

Abiturnoten im Ländervergleich

Bundesland Notendurchschnitt 2016 Notendurchschnitt 2006
Baden-Württemberg 2,43 2,38
Bayern 2,32 2,43
Berlin 2,39 2,68
Brandenburg 2,28 2,48
Bremen 2,44 2,49
Hamburg 2,44 2,57
Hessen 2,41 2,49
Mecklenburg-Vorpommern 2,31 2,40
Niedersachsen 2,58 2,71
Nordrhein-Westfalen 2,46 2,66
Rheinland-Pfalz 2,50 2,63
Saarland 2,40 2,51
Sachsen 2,32 2,44
Sachsen-Anhalt 2,39 2,41
Schleswig-Holstein 2,50 2,63
Thüringen 2,18 2,33

Aber tatsächlich wurde die Note 1,0 der KMK-Statistik zufolge in fast allen Bundesländern öfter verteilt als noch vor zehn Jahren. In Brandenburg, dem Saarland und Mecklenburg-Vorpommern lag der Anteil der 1,0-Abiturienten zuletzt bei 2,6 Prozent. Vor zehn Jahren schafften in allen drei Bundesländern deutlich weniger als zwei Prozent der Abiturienten diesen Schnitt. Nur in Baden-Württemberg hat sich die Zahl der 1,0-Abiturienten im Zehnjahresvergleich verringert.

So viele Schüler haben eine 1,0 (Anteil im Ländervergleich in %)

Bundesland Anteil 2016 Anteil 2006
Baden-Württemberg 1,4 1,79
Bayern 1,9 0,95
Berlin 1,8 0,30
Brandenburg 2,6 0,70
Bremen 1,9 1,25
Hamburg 1,4 1,04
Hessen 2,0 0,94
Mecklenburg-Vorpommern 2,6 1,19
Niedersachsen 0,9 0,49
Nordrhein-Westfalen 1,7 0,74
Rheinland-Pfalz 1,2 0,60
Saarland 2,6 1,46
Sachsen 1,6 0,83
Sachsen-Anhalt 1,4 1,13
Schleswig-Holstein 1,0 0,41
Thüringen 2,9 1,52

Das heißt, Lehrer verteilen wirklich mehr Einsen als früher. In Bayern hatten 2016 insgesamt 29 Prozent der Abiturienten im Abschlusszeugnis eine Eins vor dem Komma. 2006 waren es nur 23 Prozent. Ein Abitur mit einem Notenschnitt von schlechter als 2,9 hatten vor zehn Jahren rund 21 Prozent der bayerischen Schüler. 2016 waren es nur knapp 17 Prozent.

In Berlin schnitt 2016 kein Abiturient schlechter ab als mit 3,6 - und der Anteil der Schüler mit einem Dreier-Abi verringerte sich von knapp 26 auf 16 Prozent.

An Meidingers Forderung, das nächste Abitur müsse "wieder schwerer sein", könnte auf Basis dieser Zahlen also durchaus etwas dran sein. Aber: Im Vergleich zu 2006 sind 2016 in einigen Bundesländern auch mehr Schüler bei der Abi-Prüfung durchgefallen.

In Bayern rasselten vor zehn Jahren 1,2 Prozent der Schüler durch die Prüfung. 2016 waren es 3,1 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern hat sich die Zahl der Durchgefallenen im Vergleich zu 2006 sogar verdreifacht von 1,8 auf 6,6 Prozent.

Und ob Schüler für eine Leistung, für die sie vor zehn Jahren die Note Zwei bekommen hätten, heute tatsächlich eine Eins kriegen, wie Meidinger behauptet, ist kaum nachprüfbar. Solche Daten werden nicht erhoben.

insgesamt 129 Beiträge
karljosef 05.03.2018
1. Vor 50 Jahren gab es für spezielle Härtefälle noch eine Sonderschule
Haupt- und Realschule waren der Normalfall. Das Gymnasium war die Ausnahme. Aus der Sonderschule ist die Hauptschule geworden? Heute ist die Hochschulreife normal? Das Ergebnis muss sich doch an den Hochschulen zeigen, [...]
Haupt- und Realschule waren der Normalfall. Das Gymnasium war die Ausnahme. Aus der Sonderschule ist die Hauptschule geworden? Heute ist die Hochschulreife normal? Das Ergebnis muss sich doch an den Hochschulen zeigen, oder? Die Voraussetzungen, einen Wissenschaftler auszubilden, _müssen_ doch schlechter als vor 50 Jahren sein.
echoanswer 05.03.2018
2. Warum auch nicht
wenn die Wirtschaft nur Noch sehr gute Abschlüsse, unabhängig von den Fähigkeiten, verlangt. Allen voran die stumpfsinnigen Berufe bei Banken und Versicherungen, für die das Einmaleins reichen würde.
wenn die Wirtschaft nur Noch sehr gute Abschlüsse, unabhängig von den Fähigkeiten, verlangt. Allen voran die stumpfsinnigen Berufe bei Banken und Versicherungen, für die das Einmaleins reichen würde.
observerlbg 05.03.2018
3. wie in der Politik üblich
Elitäres, nicht nachprüfbares Geschwafel. Wir können davon ausgehen, dass profesionelle "früher war alles besser"-Quatscher, die sich in ein besseres, die aktuelle Jugend in ein schlechteres Licht stellen wollen, die [...]
Elitäres, nicht nachprüfbares Geschwafel. Wir können davon ausgehen, dass profesionelle "früher war alles besser"-Quatscher, die sich in ein besseres, die aktuelle Jugend in ein schlechteres Licht stellen wollen, die Technik der "alternativen" Fakten besser beherrschen als die Stümper aus dem weißen Haus. Wenn schon Dummtüch verbreitet wird, dann so, dass es faktisch nicht leicht widerlegbar ist. Ist aber kein neuen Phänomen, darin waren bürgerliche Defätisten schon immer gut. Meine Beobachtung ist jedenfalls, dass ich mein Abitur in den 19achtzigern geradezu geschenkt bekam im Vergleich zu heute. Ich habe den Eindruck, dass die Vorteile der Informationsflut aus dem Internet mit strengerer Unterrichtsführung und härteren Klausuren ausgeglichen werden soll. Von einer 1,0-Flut jedenfalls sind wir noch extrem entfernt.
dondon 05.03.2018
4. Inhalte
Ok, das Thema kann man diskutieren. Viel wichtiger wäre jedoch sich mehr um die Inhalte zu kümmern, die im Lehrplan festgehalten sind. Es müsste, in der Grundschule beginnend, ganz klar festgeschrieben sein, was zu welchem [...]
Ok, das Thema kann man diskutieren. Viel wichtiger wäre jedoch sich mehr um die Inhalte zu kümmern, die im Lehrplan festgehalten sind. Es müsste, in der Grundschule beginnend, ganz klar festgeschrieben sein, was zu welchem Zeitpunkt gelehrt wird. In den Ausbildungsberufen klappt das meines Erachtens doch auch sehr gut. In den Schulen fehlt so etwas meist (bundeslandbedingt).
felice2000 05.03.2018
5. Längere Reihe?
Sehr interessant! Würde mir wünschen, dieselben Zahlen auch für 1996 und, in den alten Bundesländern, auch 1986 und 1976 zu lesen.
Sehr interessant! Würde mir wünschen, dieselben Zahlen auch für 1996 und, in den alten Bundesländern, auch 1986 und 1976 zu lesen.
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