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Leben und Lernen

Angriffe auf Lehrer

Gewalt und Mobbing an jeder zweiten Schule

Die Gewerkschaft VBE schlägt Alarm: Laut einer Umfrage gab es an fast der Hälfte aller Schulen in den vergangenen fünf Jahren Drohungen und Gewalt gegen Lehrer. Mit dem "Märchen vom Einzelfall" müsse Schluss sein.

DPA

Schülerin mit Klappmesser (Symbolbild)

Von
Mittwoch, 02.05.2018   14:47 Uhr

Udo Beckmann ist für deutliche Worte bekannt. So verzichtete der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) auch am Mittwoch bei der Präsentation einer neuen Studie zur Gewalt gegen Lehrkräfte auf jede diplomatische Ausgewogenheit. "Erschütternd" seien die Ergebnisse der Untersuchung, die Politik solle endlich das Gerede "mit dem Märchen vom Einzelfall" lassen.

Was Beckmann so in Rage bringt, sind die Ergebnisse einer VBE-Umfrage unter Schulleitern. Die zeigen: An fast jeder zweiten Schule in Deutschland hat es in den vergangenen fünf Jahren Gewalttaten gegen Lehrkräfte gegeben - und zwar nicht nur durch Schüler, sondern teilweise auch durch Eltern. Von den Schulministerien fühlt Beckmann sich im Stich gelassen: "Die Politik darf mit ihrer 'Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß'-Haltung in keinem einzigen Bundesland mehr durchkommen", schimpft der VBE-Vorsitzende.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie:

"Die Fakten beweisen erneut, dass die Kultusministerien mit ihrer Einschätzung, dass 'Gewalt gegen Lehrkräfte' lediglich Einzelfälle sind, schlicht falsch liegen", sagt Beckmann. Er sieht eine VBE-Umfrage vom November 2016 bestätigt, bei der Lehrerinnen und Lehrer ebenfalls von zahlreichen Gewalttaten berichtet hatten. Welche Ursachen es für Gewalt gegen Lehrkräfte gibt, wurde in der aktuellen Studie nicht thematisiert.

Auch in den vergangenen Wochen hatte es mehrfach Berichte über gewalttätige Schüler gegeben. So hatten unter anderem Lehrer einer Schule in Sachsen-Anhalt in einem Brandbrief um Hilfe gebeten, in Berlin musste an mehreren Grundschulen ein Sicherheitsdienst eingesetzt werden.

Um deutlich zu machen, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handele, fordert der VBE öffentliche Statistiken zu Drohungen und Gewalttaten gegen Lehrer. "Nur wenn das Ausmaß für die Ministerien greifbar wird, werden sie die angemessenen Maßnahmen umsetzen, um Lehrkräfte besser zu schützen", sagt Udo Beckmann.

Im Zuge der jetzt vorgestellten Studie hatte der VBE auch die 16 Landesministerien angeschrieben und nach entsprechenden Daten gefragt. Vier Ministerien hatten gar nicht geantwortet, weitere fünf teilten mit, dass Gewalttaten gegen Lehrkräfte nicht eigens erfasst werden.

Ein Landesministerium schrieb: "Auch wenn keine Statistik betreffend Gewaltvorfällen gegen Lehrpersonen geführt wird (wohl aber betreffend 'besondere Vorkommnisse' aller Art), können wir versichern, dass es nur um Einzelfälle geht." Udo Beckmann wundert sich angesichts solcher Aussagen: "Da muss man sich schon fragen, woher diese Gewissheit genommen wird."

Saarbrücken-Bruchwiese: Eine Schule in Angst

Um an Schulen besser für den Umgang mit Gewaltsituationen gerüstet zu sein, fordert der VBE neben offiziellen Statistiken massive Investitionen in multiprofessionelle Teams mit Schulpsychologen, Schulsozialarbeitern und weiteren Fachkräften. Außerdem sollten Lehrer durch ein breites Fortbildungsangebot "auf den Umgang mit Heterogenität und das Verhalten in Konfliktsituationen vorbereitet werden".

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Lehrer einer hessischen Schule hätten in einem Brandbrief um Hilfe gebeten. Es handelt sich dabei allerdings um eine Schule in Sachsen-Anhalt. Wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 86 Beiträge
norgejenta 02.05.2018
1. ja wie jetzt...
Ich dachte Deutschland wird immer sicherer?
Ich dachte Deutschland wird immer sicherer?
muellerthomas 02.05.2018
2.
Tatsächlich widerlegt die Umfrage die Aussage vom Einzelfall - ob korrekt oder nicht sei dahingestellt - nicht. Die Umfrage hatte u.a. das Ergebnis, dass an knapp der Hälfte der Schulen Lehrer in den vergangenen 5 Jahren verbal [...]
Tatsächlich widerlegt die Umfrage die Aussage vom Einzelfall - ob korrekt oder nicht sei dahingestellt - nicht. Die Umfrage hatte u.a. das Ergebnis, dass an knapp der Hälfte der Schulen Lehrer in den vergangenen 5 Jahren verbal bedroht wurden. Wenn das jeweils ein Fall innerhalb der fünf Jahre war, sind das selbstverständlich Einzelfälle. Vermutlich war es anders, aber das Design der Umfrage gibt da leider nicht mehr her.
Loulani 02.05.2018
3.
Da fragt man sich ja schon, woher diese Gewaltbereitschaft vor allem gegen Lehrer kommt? Ich kann nur von meiner Schulzeit ausgehen (Gymnasium, 1990er-2000er Jahre, Sachsen-Anhalt), aber da gab es das so nicht. Klar waren die [...]
Da fragt man sich ja schon, woher diese Gewaltbereitschaft vor allem gegen Lehrer kommt? Ich kann nur von meiner Schulzeit ausgehen (Gymnasium, 1990er-2000er Jahre, Sachsen-Anhalt), aber da gab es das so nicht. Klar waren die Schüler zum Teil "frech" und/oder vorlaut mit "coolen" Sprüchen, aber Beschimpfungen und Drohungen habe ich gegen Lehrer weder direkt noch indirekt (auf dem Schulhof unter Freunden) erlebt. Tätliche Angriffe schon gar nicht. Woran liegt das also? Laissez-faire-Mentalität der Eltern? Die Klagewut mancher Eltern gegen Lehrer wegen "Ungleichbehandlung", die dazu führt, dass den Lehrern jegliche Handhabe und Autorität abgesprochen wird? Wenn es statistisch jede zweite Schule betrifft, dürfte ja auch das Argument "sozialer Brennpunkt" kaum noch greifen, da es sich scheinbar um ein flächendeckendes Problem handelt.
darthmax 02.05.2018
4. Elternhaus
offensichtlich sind nicht alle Eltern geeignet, ihre Kinder zu erziehen oder sich so zu verhalten, dass die Lehrer sich nicht in Heterogenität ( von was eigentlich ) fortbilden müssen.
offensichtlich sind nicht alle Eltern geeignet, ihre Kinder zu erziehen oder sich so zu verhalten, dass die Lehrer sich nicht in Heterogenität ( von was eigentlich ) fortbilden müssen.
kritischer-spiegelleser 02.05.2018
5. Da wird ja auch reingepresst was geht!
Lehrer auf den Umgang mit Heterogenität und das Verhalten in Konfliktsituationen vorbereiten? Nein! Die Schüler müssen für die Schule reif sein! Und wenn sie das nicht sind gehören sie nicht dorthin.
Lehrer auf den Umgang mit Heterogenität und das Verhalten in Konfliktsituationen vorbereiten? Nein! Die Schüler müssen für die Schule reif sein! Und wenn sie das nicht sind gehören sie nicht dorthin.
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