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Leben und Lernen

Streit über Zensuren

Hessen weicht Notenzwang auf

Viele Lehrer hadern damit, Noten zwischen Eins und Sechs geben zu müssen. In Hessen dürfen Schüler nun auch schriftlich bewertet werden - zumindest an einigen Schulen.

DPA

Notenvergabe in der Grundschule (Symbolbild)

Donnerstag, 31.01.2019   17:15 Uhr

Schüler müssen nicht mehr unbedingt Noten bekommen, sondern dürfen auch anders bewertet werden, etwa mit schriftlichen Beurteilungen. Diese Möglichkeit will das Land Hessen zunächst einmal bis zu 30 Schulen einräumen. Das teilte ein Sprecher des hessischen Kultusministers Alexander Lorz (CDU) mit und bestätigte einen Bericht der "FAZ".

Es handele sich um ein Angebot, das Schulen annehmen könnten - oder auch nicht. Schüler, Eltern und Lehrer sollten gemeinsam entscheiden, ob sie auf Noten verzichten wollen. "Das ist kein Weg, den die Behörde anordnet", sagte der Sprecher. Das Angebot eigne sich vor allem für Gesamtschulen. Es steht letztlich aber allen Schulformen offen.

Entschließt sich eine Schule, Zensuren abzuschaffen, muss sie ein alternatives Konzept vorlegen. Die Schulkonferenz muss zustimmen. Allerdings: Der Notenverzicht ist nur möglich, wenn kein Wechsel auf eine weiterführende Schule oder ein Schulabschluss anstehen. Dann brauchen Schüler Zeugnisse mit herkömmlichen Zensuren. "Es muss die Vergleichbarkeit gegeben sein", sagte der Sprecher.

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Das Angebot gilt damit letztlich nur für Schüler bis Jahrgang acht - und außerdem nur für einen kleinen Teil der hessischen Schulen. In den kommenden fünf Jahren dürfen die Option pro Jahr maximal 30 Schulen nutzen, insgesamt also nicht mehr als 150. In Hessen gibt es 1800 Schulen.

"Endlich einen Aufbruch ermöglichen"

Grundlage für den Notenverzicht ist der Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung. Schulen sollen die Möglichkeit bekommen, "pädagogisch neue Wege bei der Erreichung der Bildungsziele zu gehen", heißt es darin, auch bei der "Ausgestaltung der Leistungsnachweise".

"Das ist der entscheidende, neue Passus", sagte der Behördensprecher. Bisher stehe allerdings noch relativ wenig konkreter Inhalt dahinter. Praktisch könne es mit dem Notenverzicht frühestens ab kommendem Schuljahr losgehen.

Die Forderung kommt von den Grünen. Sie wollten Schulen "endlich einen Aufbruch ermöglichen", sagte deren Fraktionsvorsitzender im hessischen Landtag, Mathias Wagner, der "FAZ". "Die Bildungsziele sind mit einer anderen Pädagogik teilweise besser zu erreichen."

Thema mit "Sprengkraft"

Die hessische CDU hatte bei der Landtagswahl im Oktober 2018 starke Wählerverluste hinnehmen müssen. In den Koalitionsverhandlungen mit den Grünen musste sie entsprechend Kompromisse eingehen - und stimmte der Neuregelung zur Notenvergabe zu. In der Union gibt es jedoch große Vorbehalte dagegen, wie die "FAZ" berichtet. Ein Parteimitglied spricht von einem Thema mit "Sprengkraft".

Über die Frage, ob Schüler Zensuren bekommen sollen oder nicht, streiten Eltern, Lehrer, Experten und Bildungspolitiker seit Jahren. Noten zumindest punktuell abzuschaffen, ist nicht neu. Es gibt in Deutschland bereits viele Grundschulen und auch einige Gesamtschulen, die zumindest teilweise auf Zensuren verzichten. Die Regeln sind von Bundesland zu Bundesland verschieden.

Beispiel Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein etwa hatte vor wenigen Jahren eine Koalition aus SPD, Grünen und SSW die Regeln zur Notenvergabe aufgeweicht. An Grundschulen gab es in den Klassen eins und zwei ohnehin keine Zensuren, in den Klassen drei und vier wurden sie regulär ebenfalls abgeschafft. Zeugnisse mit Ziffern gab es dann nur noch, wenn eine Schule dies ausdrücklich für sich festlegte.

Die nachfolgende Regierung aus CDU, Grünen und FDP änderte die Regeln zuletzt allerdings wieder. Nun ist es umgekehrt: Schulen müssen ab Klasse drei Noten vergeben - es sei denn, die Schule beschließt selbst, darauf zu verzichten.

An den schleswig-holsteinischen Gemeinschaftsschulen gilt: Für die Klassen fünf bis sieben kann die Schulkonferenz festlegen, dass Notenzeugnisse durch ausformulierte Beurteilungen ersetzt werden. Diese Beschlüsse sind allerdings nur wirksam, wenn die Mehrheit der gewählten Lehrkräfte zustimmt, sagte eine Sprecherin der Schulbehörde.

fok

insgesamt 135 Beiträge
mas81 31.01.2019
1. blödsinn
noten gehören dazu, welche endnote sich ergibt ist eine andere Sache, da gibt es noch viele Faktoren... und dann die Vergleichbarkeit, also ich weiß nicht was sie sich dabei gedacht haben...
noten gehören dazu, welche endnote sich ergibt ist eine andere Sache, da gibt es noch viele Faktoren... und dann die Vergleichbarkeit, also ich weiß nicht was sie sich dabei gedacht haben...
graf koks 31.01.2019
2. wie Arbeitszeugnisse?
Das wird doch wie mit den Arbeitszeugnissen. Schwachpunkte werden nur noch verklausuliert, und viele Zeugnisse landen auf Anwaltstischen, um versteckte Negativbewertungen zu finden.
Das wird doch wie mit den Arbeitszeugnissen. Schwachpunkte werden nur noch verklausuliert, und viele Zeugnisse landen auf Anwaltstischen, um versteckte Negativbewertungen zu finden.
gruffelo 31.01.2019
3. Kapitulationserklärung
Eine andere Art zu sagen, das deutsche Schulsystem steht vor dem Kollaps und kann seinen Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen?
Eine andere Art zu sagen, das deutsche Schulsystem steht vor dem Kollaps und kann seinen Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen?
Bln79 31.01.2019
4.
Wenn ein Lehrer damit hadert, eine Leistung innerhalb eines gewissen Spektrums objektiv zu bewerten, dann sollte die Person überlegen, ob sie sich für den richtigen Beruf entschieden hat. Das wird langsam alles immer [...]
Wenn ein Lehrer damit hadert, eine Leistung innerhalb eines gewissen Spektrums objektiv zu bewerten, dann sollte die Person überlegen, ob sie sich für den richtigen Beruf entschieden hat. Das wird langsam alles immer abstruser.
exHotelmanager 31.01.2019
5. Warum
bereitet man Kinder nicht auf das Leben vor, anstatt das Leben zeitweilig den Kindern anzupassen? Genügt es nicht, dass man mit den derzeitigen Schulabgängern weder in der Berufsausbildungen noch im Studium ohne zusätzliche [...]
bereitet man Kinder nicht auf das Leben vor, anstatt das Leben zeitweilig den Kindern anzupassen? Genügt es nicht, dass man mit den derzeitigen Schulabgängern weder in der Berufsausbildungen noch im Studium ohne zusätzliche Vorbereitungskurse und psychosoziale Begleitung nichts anfangen kann?

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