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Leben und Lernen

Leseschwäche deutscher Schüler

"Auch Lehrer und Eltern müssen gefördert werden"

Fast jeder fünfte Viertklässler kann nicht richtig lesen, zeigt die neue Iglu-Studie. Wo hakt es, und was kann Deutschland von anderen Ländern lernen? Ein Anruf bei der für die Studie zuständigen Wissenschaftlerin.

DPA

Viertklässler beim Lesen

Ein Interview von
Mittwoch, 06.12.2017   09:56 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Frau Wendt, Sie haben die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung als Projektleiterin begleitet. Die Ergebnisse sind für Deutschland eher durchwachsen. Es gibt jetzt mehr leistungsstarke, aber auch mehr leistungsschwache Schüler. Wieso geht die Schere so auseinander?

Wendt: Die Leistungen der Kinder hängen stark von ihrem Elternhaus ab, diese Zusammenhänge sind ja schon seit Längerem bekannt. Aber ich finde es bemerkenswert und auch tragisch, dass sich seit 2002 nichts daran geändert hat. Hier besteht doch dringend Handlungsbedarf. Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass nur eines von drei leseschwachen Kindern in der Schule zusätzlich gefördert wird. Es fehlt an systematischer Lese- und Sprachförderung in den Schulen.

Zur Person

Heike Wendt, Jahrgang 1983, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund und mit der Projektleitung der Iglu-Lesestudie betraut.

SPIEGEL ONLINE: Und wie könnte die aussehen?

Wendt: Es gibt ja schon gute Beispiele dafür, wie Lese- und Sprachförderung gelingen kann. Hamburg und Schleswig-Holstein haben sich im IQB-Bildungstrend deutlich verbessert, indem sie gezielter Schüler, aber auch Lehrer fördern. An Hamburger Schulen gibt es jetzt zum Beispiel Sprachlernberater. Die Aus- und Fortbildung für Lehrer ist generell ein wichtiger Punkt. Sie müssen besser in der Lage sein, Leseschwächen zu diagnostizieren und passende Förderangebote zu schaffen. Auch aus der Deutschdidaktik sind gute Ansätze bekannt, wie differenzierter Unterricht gelingen kann. Unsere Studie zeigt leider, dass diese häufig noch nicht umgesetzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre denn so ein Ansatz?

Wendt: Manche setzen zum Beispiel im Unterricht zusätzliche Lehrkräfte ein, die sich gezielt um leseschwache Schüler kümmern. Bewährt haben sich auch Initiativen, die auf die kontinuierliche Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus abzielen. Sehr gut umgesetzt hat das zum Beispiel Irland. Dort werden Eltern gezielt angesprochen und bekommen von Lehrern Anregung und Material, um ihre Kinder besser zu fördern. Auch Kinderärzte können da wertvolle Vermittler sein. In Hamburg bekommen alle Kinder nach der Gesundheitsuntersuchung U6 von ihrem Kinderarzt ein Paket mit Büchern.

Die wichtigsten Ergebnisse der Iglu-Studie

Fast jeder fünfte Viertklässler kann nicht richtig lesen
Die Zahl der besonders lesestarken Viertklässler erhöhte sich von 8,6 Prozent (2001) auf 11,8 Prozent (2016). Gleichzeitig erhöhte sich aber auch die Zahl der Grundschüler mit starken Leseschwächen: 2001 waren es noch 16,9 Prozent, 15 Jahre später liegt ihr Anteil bei 18,9 Prozent - 2006 und 2011 waren es deutlich weniger Kinder mit schlechten Ergebnissen.
Deutschland liegt im internationalen Vergleich nur noch im Mittelfeld
2001 gab es nur vier Länder, die signifikant besser abschnitten als Deutschland. 2016 sind 20 Länder signifikant besser. Die Viertklässler in Deutschland lesen damit zwar immer noch besser als die Gleichaltrigen im internationalen Durchschnitt (521 Punkte), aber geringfügig schlechter als Grundschüler im EU-Durchschnitt (540 Punkte) und im OECD-Durchschnitt (541 Punkte).
Die Herkunft entscheidet
In Familien, bei denen es mehr Bücher gibt und die Eltern Berufe mit höherer Qualifikation ausüben, können die Grundschüler deutlich besser lesen und mit Texten umgehen.

SPIEGEL ONLINE: In der Iglu-Rangliste gibt es viele Fußnoten und Einschränkungen. Lassen sich die Länder denn überhaupt richtig vergleichen?

Wendt: Vergleichbarkeit ist immer schwierig, das gilt ja schon für die einzelnen Bundesländer. Aber grundsätzlich sind unsere Standards hoch und sehr streng. Die Einschränkungen beziehen sich in der Regel nur auf einzelne Regionen oder Teilgruppen. Die 20 Länder, die jetzt signifikant besser abgeschnitten haben als Deutschland, stehen einfach besser da, das kann man ohne schlechtes Gewissen sagen.

insgesamt 42 Beiträge
GerhardFeder 06.12.2017
1. Gescheiterte Bildungspolitik
Wir haben 17 "Bildungsminister/innen" in unserer deutschen Kleinstaaterei. Entsprechend sind die Ergebnisse der 16+1 "Bildungspolitik". Seit der von Georg Picht vor über 50 Jahren ausgerufenen [...]
Wir haben 17 "Bildungsminister/innen" in unserer deutschen Kleinstaaterei. Entsprechend sind die Ergebnisse der 16+1 "Bildungspolitik". Seit der von Georg Picht vor über 50 Jahren ausgerufenen "Bildungskatastrophe" - wurde an unzähligen "Reformen" gebastelt, - wurden die Pädagogischen Hochschulen aufgelöst, - durften die Universitäten sich an den Mitteln für die Lehrerbildung gesunden, - wurde die 2.Phase der Lehrerausbildung permanent verändert und umstrukturiert, - wurde die Lehrerforbildung mal professionalisiert, mal entprofessionalisiert -aber permanent umgestürzt, - wurden an einer Stelle mit viel Elan betriebene Experimente zum allgemeinen Standard erklärt (natürlich ohne Mehrkosten!) - wurden Institute für Schulqualität gegründet; Institute für Universitätsqualität wären wichtiger gewesen. Kurz gesagt: Seit der von Georg Picht vor über 50 Jahren ausgerufenen "Bildungskatastrophe" wurde an -wie auch immer augedeckten- Symptomen kuriert und der Patient "Schule" siecht mehr denn je. Als Lösung werden mehr Gelder in die nutzlose Medizin der Symptom-Kuriereri gesteckt - sinnlos!
olliver_123 06.12.2017
2. Lese- und Sprachförderung nur 2. Schritt
Wenn die Kinder nach der Schule nach Hause kommen, wo Familie und Bekanntenkreis wieder ganz weit weg sind von Göthe oder Schiller, dann ist auch das am Vormittag erlernte schnell weit weg, egal wie gut das beigebracht wurde. Man [...]
Wenn die Kinder nach der Schule nach Hause kommen, wo Familie und Bekanntenkreis wieder ganz weit weg sind von Göthe oder Schiller, dann ist auch das am Vormittag erlernte schnell weit weg, egal wie gut das beigebracht wurde. Man müsste schon viel mehr in die Aufklärung der zugehörigen Familie investieren, oder im Zweifelsfall das Kind länger davon los geeist bekommen (Ganztagespflicht, Wochenendnachhilfe, oder ähnliches). Erst dann kann man im 2. Schritt die Qualität der Schulen verbessern. Hier sind Jungenämter gefragt, Sozialarbeiter etc. Nur die Schule kann da nichts machen.
Sixpack, Joe 06.12.2017
3. Gerade wegen Goethe und Schiller....
Vielleicht verlieren die Kinder heute den Lust an Lesen gerade wegen Goethe und Schiller! Warum nicht auch mal Marie Curie oder Isaac Newton?
Zitat von olliver_123Wenn die Kinder nach der Schule nach Hause kommen, wo Familie und Bekanntenkreis wieder ganz weit weg sind von Göthe oder Schiller, dann ist auch das am Vormittag erlernte schnell weit weg, egal wie gut das beigebracht wurde. Man müsste schon viel mehr in die Aufklärung der zugehörigen Familie investieren, oder im Zweifelsfall das Kind länger davon los geeist bekommen (Ganztagespflicht, Wochenendnachhilfe, oder ähnliches). Erst dann kann man im 2. Schritt die Qualität der Schulen verbessern. Hier sind Jungenämter gefragt, Sozialarbeiter etc. Nur die Schule kann da nichts machen.
Vielleicht verlieren die Kinder heute den Lust an Lesen gerade wegen Goethe und Schiller! Warum nicht auch mal Marie Curie oder Isaac Newton?
sweethobbits 06.12.2017
4. Lehrer, Eltern ... vor allem das Lehrplan-System muss geändert werden!
Selbstverständlich ist das Elternhaus mitprägend und in dem Sinn auch "mitverantwortlich" für eine Leseschwäche. Hier geht es aber ausschließlich um eine Studie, die Viertklässler unter die Lupe genommen hat. Und [...]
Selbstverständlich ist das Elternhaus mitprägend und in dem Sinn auch "mitverantwortlich" für eine Leseschwäche. Hier geht es aber ausschließlich um eine Studie, die Viertklässler unter die Lupe genommen hat. Und in dem Fall lernen die Kinder bereits länger als drei Jahre in der Schule. Da liegt ein Großteil der Verantwortung in der Schule selbst. Eine Diskussion hinsichtlich der Schüler mit Migrationshintergrund will ich hier nicht führen. Wir hätten auch ohne die Tatsache, dass uns Kinder/Schüler aus dem Ausland aufsuchen, sicherlich (noch) die gleichen Probleme. Da die Lehrer selbst fast nur ausführendes Organ sind, liegt die Ursache für Leseschwächen bei immerhin 10-Jährigen woanders. Frau Wendt gibt zu, dass es an der mangelnden Aus- und Fortbildung der Lehrer liegen kann, aber viel schwerer wiegt doch eine flasche Prioritätensetzung hinsichtlich der Gewichtung der Lesebedeutung. Darüber würde die Leseschwäche entscheidend schneller und genauer entdeckt und somit effizienter gefördert werden können. Zum anderen herrscht immer noch die unsägliche Reichen-Methode, wodurch per sogenannte Anlauttabellen, den Kindern eine Schreibweise per Gehör erlaubt ist. Korrekturen nach einer korrekten Rechtschreibung finden in den ersten 2-3 Schuljahren kaum statt. Dass dies wissenschaftlich als falsche Lernmethode angesehen wird, ist gar nicht so streitig wie in einem anderen Artikel beschrieben. Ich denke man kann stattdessen ebenso beruhigt sagen: Das ist die eigentliche Katastrophe. Wer falsch scheibt und dies auch tun darf, muss die deutsche Sprache mindestens zweimal lernen. Das geht auch auf Kosten der Lesevermögens. Wie von vielen Eltern bestätigt kommen die Probleme spätestens ab der 5. Klasse, etwa auf dem Gymnsium. Das gilt es dringend zu ändern, heißt, abzuschaffen. Lieber weg mit den Anlauttabellen in den Grundschulfibeln. Es funktioniert nicht wie (vielleicht) gedacht.
freigeistiger 06.12.2017
5. Erziehung=Bildung der Eltern ist Erziehung=Bildung der Kinder
Alle reden nur noch von Ausbildung, keiner von Bildung. __ Dass neben der Lesekompetenz auch andere Kompetenzen hauptsächlich vom Elternhaus abhängen ist bekannt. Abhängig sind die Kompetenzen hauptsächlich von der [...]
Alle reden nur noch von Ausbildung, keiner von Bildung. __ Dass neben der Lesekompetenz auch andere Kompetenzen hauptsächlich vom Elternhaus abhängen ist bekannt. Abhängig sind die Kompetenzen hauptsächlich von der Erziehung=Bildung der Eltern, und damit die Erziehung=Bildung der Kinder. In gebildeten Familien herrscht Wertschätzung, Freude an Wissen, Fertigkeiten und Lernen vor. Diesen Personen ist es peinlich, Fehler zu machen oder kritisiert zu werden. Und versuchen es durch Wissen, Dazulernen und gegenseitigem Helfen zu vermeiden. __ Bei bildungsschwachen Personen herrscht Selbstbestimmtheit, Rechte haben, Meinungsfreiheit, Gleichheit und Kante zeigen vor. Von Kompetenzen haben kein Wort. In den Medien wird diese Haltung seit Jahren befördert. Die Mitglieder dieser Gruppen und Familien ziehen sich gegenseitig herunter zur eigenen Lustgewinnung. Mit Schädigung anderer hat man Freude und Erfolge, die man mit Konstruktivem nicht hat. Kurz gesagt, sie behindern sich gegenseitig und stehen sich selber gegenseitig im Weg. Kritik wird reflexartig aggressiv abgewehrt. Es ist angelernt, und dient auch gegenüber dem Umfeld dem Eigenschutz vor Übergriffen. Dass ist sehr weit verbreitet in der gesamten Gesellschaft, und wird allgemein als Aggressivität, Gewaltbereitschaft und Rücksichtslosigkeit wahrgenommen. Und, es sind nicht immer die Anderen. Es sind alle Schichten, und Behörden. __ Ergo, Bildung muss bei den Eltern ansetzen. Gegen das Elternhaus kann keine Schule ankommen.

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