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Leben und Lernen

Meuthen in Brandenburg

Kommt ein AfD-Chef in die Schule...

AfD-Chef Meuthen hat die Podiumsdiskussion eines Gymnasiums in Brandenburg besucht - das sorgte im Vorfeld für Protest. Und nun? Verlief alles friedlich.

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Im Von-Saldern-Gymnasium sitzen von links nach rechts: Jacob Schrot (CDU), ehemaliger Schülersprecher, die Bundestagsabgeordnete Dietlind Tiemann (CDU), die Bundestagsabgeordnete Linda Teuteberg (FDP) und der Europaabgeordnete Jörg Meuthen (AfD)

Von Timo Lehmann, Brandenburg an der Havel
Mittwoch, 09.05.2018   21:02 Uhr

"Ich bin da ganz bei Frau Domscheit-Berg", sagt der AfD-Parteivorsitzende Jörg Meuthen und nickt lächelnd in die Runde der Podiumsdiskussion. Wenige Minuten später hebt die Linken-Politikerin Anke Domscheit-Berg den Zeigefinger und sagt: "Ich wollte nur sagen, dass ich nicht bei Herrn Meuthen bin." Ein Raunen geht durch das Publikum.

Wie umgehen mit der AfD? Auf ihre Aussagen eingehen oder sie ignorieren? Diese Frage sorgte in den vergangenen Tagen am Von-Saldern-Gymnasium in der 70.000-Einwohner-Stadt Brandenburg an der Havel für einigen Wirbel. Ein Dutzend Medien berichtete im Vorfeld über den "Schultalk mit der AfD", wie die "Berliner Zeitung" titelte.

Schüler protestierten und wollten den Besuch des AfD-Europaabgeordneten Meuthen verhindern - dabei hatte ein anderer Teil der Schülerschaft ihn persönlich zu ihrem Europatag eingeladen.

Sachliche Diskussion, viele Kontroversen

"Macht und Verantwortung - Deutschlands Rolle in Europa in Anbetracht globaler Krisen", hieß das Thema der Diskussion. Neben Meuthen saßen in der Runde die Bundestagsabgeordneten Dietlind Tiemann (CDU), Anke Domscheit-Berg (parteilos, aber Mitglied der Linksfraktion) und Linda Teuteberg (FDP) sowie die Landtagsabgeordneten Ralf Holzschuher (SPD) und Marie-Luise von Halem (Grüne) - alle mit Wahlkreisen in Brandenburg. Zudem noch ein zweiter CDU-Politiker, Jacob Schrot, der früher selbst hier zur Schule ging.

Die Diskussion vor den rund 50 Schülern der zehnten und elften Klasse lief weitestgehend sachlich ab. Kontroversen entwickelten sich vor allem bei den Themen EU-Außengrenze und Flüchtlinge. "Wir helfen Afrika nicht, indem wir selbst zu Afrika werden", sagte Meuthen. Domscheit-Berg verglich die "tödlichen Grenzen" der EU mit der ehemaligen Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Größtenteils plauderten die Politiker die Programme ihrer Parteien herunter.

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Meuthen hat Ende 2017 als Nachrücker den Platz im EU-Parlament von Beatrix von Storch eingenommen, die in den Bundestag wechselte. Er ist nun der einzig übrig gebliebene AfD-Politiker in Brüssel - die anderen haben die Partei alle verlassen. Im Von-Saldern-Gymnasium war der beurlaubte Wirtschaftsprofessor der einzige EU-Politiker, und eben auch der einzige, der keinen regionalen Bezug zu Brandenburg hat.

"Ein so hochrangiger Politiker wird der Veranstaltung überhaupt nicht gerecht"

"Ich finde es nicht gut, dass er hier ist", kommentierte Domscheit-Berg im Vorfeld des Podiums. Durchaus sei sie bereit, mit einem Vertreter der AfD zu diskutieren, das tue sie regelmäßig, doch der Rahmen ärgere sie. "Das ist das falsche Level. Ein so hochrangiger Politiker wird der Veranstaltung überhaupt nicht gerecht. Außerdem zieht er die Aufmerksamkeit vom Sachthema weg."

"Es wurden alle Parteien gleichwertig angefragt", rechtfertigt sich Schulleiter Thomas Reuß und betont, die AfD habe eben schnell mit der Zusage Meuthens reagiert, während FDP, Linke und Grüne erst zugesagt hätten, als sie erfuhren, dass der AfD-Chef auf dem Podium sitzen werde.

Protest einer anonymen Gruppe

Organisiert hat die Veranstaltung der Politik-Leistungskurs unter Leitung des Lehrers Ulli Hadraht, 27: "Die Schüler haben viel über die Frage diskutiert, ob man die AfD einladen soll oder nicht - schließlich entschied sich die Mehrheit dafür, alle anzuhören und sich inhaltlich mit ihnen auseinanderzusetzen." Eine Einzelveranstaltung eines AfD-Politikers sei hingegen nicht infrage gekommen.

Im Vorfeld gab es Proteste von einer anonymen Gruppe. In einer Nachtaktion verteilte sie Plakate und Handzettel um das Schulgelände herum. "Zeig Courage gegen Rechts und verhindere den Auftritt von Vertreter*innen einer rassistischen Partei und die Verbreitung menschenverachtenden Gedankengutes am Europatag!", heißt es auf dem Flugblatt. Auch im Internet zeigt sich die Gruppe unzufrieden mit der Einladung des Politikers.

Wir wollen friedlich verhindern, dass die AfD ein Podium bekommt! �� Wir finden es nicht hinnehmbar, dass die AfD eingeladen wurde. Rassismus darf kein Podium geboten werden. Rassismus überall bekämpfen!!!❌❌❌ Handle antirassistisch!!! ���� Wir sind 4 acht und neunt Klässlerinnen, die da hinter stehen. #fcknzs #keinmenschistillegal #fckafd #keinbockaufnazis #einhörner #love #sauer #links #afdraus #antiafd #gegenafd #gegenrassismus #noracism #schule #refugeeswelcome #regenbogen #noafd #fuckafd #noborder #cool #against #info

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Auf schriftliche Nachfrage antwortet die Gruppe, man sei ein kleines Team von Schülern am Gymnasium und werde von etwa 40 Klassenkameraden unterstützt. Zu erkennen wollen sich die Initiatoren nicht geben, weil sie "schulische Nachteile" und "Repressionen" fürchten. Kurz vor ihrem Abitur wollen sie nach eigenen Angaben keinen Ärger mit ihren Lehrern haben.

Am Tag der Schulveranstaltung selbst protestierte nur eine kleine Gruppe von Studenten aus Potsdam vor dem Gebäude. Ansonsten blieb es friedlich.

Bei den Schülern kam die Diskussion gut an. Der 18-jährige Max Lainer findet, Meuthen sei eine "sehr interessante Person". Eine Meinung zu der Partei habe er aber noch nicht. Auch andere Schüler zeigen sich angetan, dass es kontrovers zuging.

Als die Podiumsdiskussion zu Ende ist, kommt ein Schüler und macht Fotos von sich mit Meuthen. So ein Rummel hier, sagt ein Lehrer. Meuthen erwidert: "Dieses Theater wird noch eine Zeit gehen, aber bald wird so ein Schulbesuch der AfD etwas ganz Normales sein."

insgesamt 44 Beiträge
kopi4 09.05.2018
1.
Beim letzten Satz stimme ich Meuthen ausnahmsweise zu. Von Höcke bis Meuthen,von Gauland bis Storch: sie können alle noch viel lernen, es ist also nie zu spät um die Schulbank zu drücken.
Beim letzten Satz stimme ich Meuthen ausnahmsweise zu. Von Höcke bis Meuthen,von Gauland bis Storch: sie können alle noch viel lernen, es ist also nie zu spät um die Schulbank zu drücken.
langenscheidt 09.05.2018
2. Was will man tun...
... wenn die AfD bei der nächsten Bundestagswahl 15 Prozent der Stimmen erhält? Weiter so tun, als ob man mit der AfD nicht reden wolle? Die AfD ist drittstärkste Kraft im Bundestag, unter ferner liefen sind FDP, Linke und [...]
... wenn die AfD bei der nächsten Bundestagswahl 15 Prozent der Stimmen erhält? Weiter so tun, als ob man mit der AfD nicht reden wolle? Die AfD ist drittstärkste Kraft im Bundestag, unter ferner liefen sind FDP, Linke und Grüne. Man tauscht sich doch lediglich Positionen aus. Mit der NPD brauchte man nicht reden, weil die gar nicht reden konnten und eine Sprache sprachen, die nur ihresgleichen verstand. Am Besten kann man politisch sich bilden, wenn man Positionen öffentlich austauscht, um sich ein Bild zu machen. Mit Ausgrenzung und Etepetete macht man den politischen Gegner interessanter.
Senf-Dazugeberin 09.05.2018
3. Respekt vor dieser Schule
Die Beteiligten haben das Wesen einer Demokratie besser verstanden als der Großteil der Altparteien-Politiker.
Die Beteiligten haben das Wesen einer Demokratie besser verstanden als der Großteil der Altparteien-Politiker.
Phil2302 09.05.2018
4. Hatten wir auch
Ein Lehrer unserer Schule hatte alle Spitzenkandidaten unserer Stadt eingeladen, vor der letzten BW. Das lief auch relativ friedlich ab. Gerade die muslimischen Schüler hatte natürlich ein Diskussionsbedürfnis mit dem AFD [...]
Ein Lehrer unserer Schule hatte alle Spitzenkandidaten unserer Stadt eingeladen, vor der letzten BW. Das lief auch relativ friedlich ab. Gerade die muslimischen Schüler hatte natürlich ein Diskussionsbedürfnis mit dem AFD Kandidaten, und die Gräben waren natürlich nicht zu überwinden, aber ganz im demokratischen Sinne hat bei uns niemand dagegen demonstriert, dass der Kandidat auch eingeladen wurde. Einzig die Kandidatin der Linken hatte abgesagt, da sie sich an der Runde nicht beteiligen wollte.
zynik 09.05.2018
5. Jaja, die netten Biedermänner von nebenan.
Ein Beispiel von vielen: "Doch mindestens 27 der Fraktions- und Abgeordnetenmitarbeiter der AfD haben einen eindeutig rechtsradikalen bis rechtsextremen Hintergrund. 18 AfD-Mandatsträger beschäftigen Mitarbeiter aus [...]
Zitat von langenscheidt... wenn die AfD bei der nächsten Bundestagswahl 15 Prozent der Stimmen erhält? Weiter so tun, als ob man mit der AfD nicht reden wolle? Die AfD ist drittstärkste Kraft im Bundestag, unter ferner liefen sind FDP, Linke und Grüne. Man tauscht sich doch lediglich Positionen aus. Mit der NPD brauchte man nicht reden, weil die gar nicht reden konnten und eine Sprache sprachen, die nur ihresgleichen verstand. Am Besten kann man politisch sich bilden, wenn man Positionen öffentlich austauscht, um sich ein Bild zu machen. Mit Ausgrenzung und Etepetete macht man den politischen Gegner interessanter.
Ein Beispiel von vielen: "Doch mindestens 27 der Fraktions- und Abgeordnetenmitarbeiter der AfD haben einen eindeutig rechtsradikalen bis rechtsextremen Hintergrund. 18 AfD-Mandatsträger beschäftigen Mitarbeiter aus diesem Milieu. Unter ihnen sind Anhänger der NPD und der neonazistischen, verbotenen Organisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ), Aktivisten der Identitären Bewegung und der rechtsradikalen Gruppe Ein Prozent, extrem rechte Burschenschafter und neurechte Ideologen." https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-03/afd-bundestag-mitarbeiter-rechtsextreme-identitaere-bewegungDoch mindestens 27
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