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Leben und Lernen

Johanna Wanka

Die Unbejubelte

Die scheidende Bildungsministerin Johanna Wanka hat in den vergangenen fünf Jahren keinen schlechten Job gemacht. Trotzdem ist ihr Abschied glanzlos.

DPA

Bildungsministerin Wanka

Von
Dienstag, 13.03.2018   14:04 Uhr

Auf dem CDU-Parteitag wurden drei Minister von Kanzlerin Angela Merkel verabschiedet: Gesundheitsminister Herrmann Gröhe, Innenminister Thomas de Maizière und Bildungsministerin Johanna Wanka. Bei den Dankesworten an Gröhe und de Maizière standen alle Delegierten auf. Bei Wanka blieben sie sitzen.

Die scheidende Bildungsministerin wurde in der Partei zuletzt weitgehend ignoriert - dabei war sie mal eine ihrer Hoffnungsträgerinnen. Anfang der 2000er-Jahre wollten gleich zwei Ministerpräsidenten sie in ihren Landesregierungen haben. Bildungssenatorin in Hamburg zu werden lehnte sie ab, stattdessen ging sie als Wissenschaftsministerin zu Christian Wulff nach Niedersachsen.

Dass eine Wissenschafts- und Forschungsministerin aus Brandenburg gleich von mehreren Ministerpräsidenten umworben wird, ist alleine schon bemerkenswert. Dass Wanka aus Ostdeutschland stammt und die Angebote aus dem Westen kamen, noch ein bisschen mehr. Es zeigt, wie kompetent Johanna Wanka in ihrem Feld ist - und warum nur logisch war, dass die Mathematikern im Februar 2013 Nachfolgerin der zurückgetretenen Annette Schavan im Bund wurde.

Etat des Bildungsministeriums ist um vier Milliarden gestiegen

Als "Aufstieg in die Machtlosigkeit" hatte der SPIEGEL diese Ernennung zur Bundesministerin damals beschrieben. Fünf Jahre später ist klar: Johanna Wanka hat die vermeintliche Machtlosigkeit ziemlich gut genutzt. Aber kaum jemand lobt sie dafür.

Den Etat ihre Bundesministeriums konnte sie von 2013 bis 2017 um knapp vier Milliarden Euro steigern - ein Plus von 27 Prozent. 17,6 Milliarden Euro stehen aktuell in der Jahresplanung. 7,7 Milliarden davon sind für Hochschulen und Studenten eingeplant.

Ebenfalls auf der Plus-Seite: die Verlängerung der Exzellenzinitiative, die als "Exzellenzstrategie" im Herbst 2018 in die nächste Förderrunde startet und eine Handvoll herausragende Hochschulen herausstellen soll - was jedoch auch die Kritik einbrachte, dass vielmehr alle Hochschulen unterstützt werden sollten, und nicht nur ein paar Leuchttürme.

Dazu die Initiative zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses mit deutschlandweit rund tausend Tenure-Track-Professuren und die Hochschulpakte, mit denen zusätzliche Studienplätze finanziert wurden.

Von diesen Erfolgen spricht derzeit kaum jemand. Vielleicht, weil im Politik- und Medienbetrieb die Lauten und Ruppigen eher wahrgenommen werden. Vielleicht aber auch, weil die Nöte derer, die bisher nicht vom Geldregen des Bundes profitiert haben, noch dringlicher geworden sind.

"Mit einem Drei-Jahres-Vertrag kann auch ein Familienvater leben"

Überall im Land klagen Hochschulrektoren über marode Gebäude, fehlendes Personal, veraltete Technik und Mangel an Forschungsgeldern. 93 Prozent aller Stellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs sind befristet. Die meisten Doktoranden haben keine Chance, jemals eine Professur zu ergattern. Und wer es doch schafft, ist im Schnitt knapp über 40 Jahre alt. Mit einem Familienleben ist das schwer vereinbar.

Und was sagte Wanka dazu? "Mit einem Drei-Jahres-Vertrag kann auch ein Familienvater leben." Bei den Betroffenen sorgte das für große Empörung, sie warfen der Ministerin Realitätsferne vor.

Und es blieb nicht bei diesem einen Ausrutscher. Vor einem Jahr kündigte sie einen Digitalpakt an: Fünf Milliarden Euro für die digitale Ausstattung der Schulen versprach die Ministerin den Ländern. Dumm nur, dass dieser Pakt finanziell gar nicht abgesichert war. Finanzminister Wolfgang Schäuble jedenfalls ließ seine Parteifreundin mit dem Projekt einfach auflaufen.

Verkalkuliert hatte Wanka sich auch 2015, als es um die Übernahme der Bafög-Kosten durch den Bund ging. Im Gegenzug, so hatte sie es sich versprechen lassen, sollten die Bundesländer ihre freiwerdenden Mittel anderswo im Hochschulbereich einsetzen. Doch manche Länder nutzen das Geld lieber zur generellen Haushaltssanierung.

Schmerzhafte Lernprozesse

"Ich kann nicht akzeptieren, dass man dieses Geld nimmt, nicht für die geplanten Zwecke verwendet, aber zugleich für genau diese Zwecke neues Geld reklamiert. Das funktioniert nicht", kommentierte Wanka den Wortbruch mit sichtbarer Enttäuschung - vielleicht auch ein Grund dafür, warum sie nie eine echte Bafög-Reform angepackt hat.

Für die Mathematikerin waren das, manchmal schmerzhafte, Lernprozesse. Zu ihren Stärken gehörte es jedoch auch, eigene Fehleinschätzungen korrigieren zu können und dann auch dazu zu stehen - keine Selbstverständlichkeit im Politikbetrieb.

2005 etwa kämpfte Johanna Wanka als Präsidentin der Kultusministerkonferenz für die umstrittene Rechtschreibreform. Ein paar Monate später gab sie im SPIEGEL zu: "Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden."

Auch bei der Frauenförderung bekannte sie sich zu einer frühen Fehleinschätzung. "Ich war Anfang der 90er Jahre strikt gegen Frauenförderung und gegen Frauenquote. Ich hatte schlechte Erfahrungen aus der DDR-Zeit", sagte Wanka einmal in einem "Bild"-Interview zur Forderung nach einer gesetzlichen Frauenquote. Um dann klar zu machen: "Im Laufe der Jahre habe ich dazugelernt."

Anja Karliczek: "Mein Bildungsweg ist so, wie er ist"

Mit Johanna Wanka geht eine ruhige und nachdenkliche Bildungsministerin. Auf sie, die Mathematikerin, die langjährige Hochschulrektorin, folgt Anja Karliczek - eine Hotelfachfrau mit BWL-Fernstudium. Es ist der größtmögliche Kontrast.

"Ein Ministerium zu führen, in dem so viele Menschen mit so viel Know-how arbeiten, ist vor allem auch eine Managementaufgabe", sagt Karliczek. Nun wird sich zeigen, ob das stimmt.

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