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Leben und Lernen

Bistum Hamburg schließt Schulen

Katholiken wagen Pilotprojekt zur Schulrettung - und scheitern

Es schien ein guter Plan zu sein: Prominente Katholiken wollten mit Gründung einer Genossenschaft die Schließung von acht katholischen Schulen verhindern. Nun steht das Projekt vor dem Aus. Was ist passiert?

DPA

Demo für den Erhalt von 21 katholischen Schulen in Hamburg (Februar 2018)

Von
Mittwoch, 04.07.2018   14:16 Uhr

Man wollte etwas Gemeinsames erschaffen, ein bundesweit neues Kooperationsmodell wagen - und so mehrere katholische Schulen in Hamburg vor der Schließung bewahren. Schnell wurde klar, dass es nicht harmonisch lief zwischen dem Erzbistum und der Initiative für eine Schulgenossenschaft, die der Kirchenleitung in finanziell schwierigen Zeiten beistehen wollte. Doch dass sich beide Seiten letztendlich so zerstreiten würden, das hatte kaum jemand erwartet.

Doch der Reihe nach: Im Januar hatte die Bistumsleitung verkündet, wegen hoher Schulden und Sanierungsstau bis zu acht der 21 katholischen Schulen in Hamburg zu schließen. Die Nachricht überrumpelte Schüler, Eltern und Lehrer - und mobilisierte sie.

Die Initiative "Rettet 21" organisierte Andachten und Märsche. Die Schulleiter schickten einen Protestbrief ans Erzbistum. Fast 20.000 Menschen unterzeichneten online ein Hilfegesuch an Papst Franziskus. Und prominente Hamburger Katholiken wie der ehemalige Staatsrat Nikolas Hill und der Präsident des Finanzgerichts Christoph Schoenfeld kündigten die Gründung einer Genossenschaft an, die helfen sollte, zumindest einige der gefährdeten Schulen zu retten.

Erzbistum als Träger, Genossenschaft als Betreiber

Über den Verkauf von Genossenschaftsanteilen zu je 1000 Euro sollte zunächst ein Startkapital von mindestens drei Millionen Euro zusammenkommen. Vertreter der Genossenschaftsinitiative HSGI, der Erzbischof und sein Generalvikar verabredeten Anfang Mai, bis zum 5. Juli zusammen ein Modell ausarbeiten zu wollen, wie Schulen in gemeinsamer Verantwortung weitergeführt werden könnten.

Man gründete fünf Arbeitsgruppen, eine Steuerungsgruppe und ein sogenanntes Partizipatives Forum, in dem Schulleiter und Vertreter von Eltern, Schülern und Schulmitarbeitern regelmäßig über die Verhandlungen informiert werden und Feedback geben sollten. Bei der HSGI allein hätten sich 15 Menschen ein halbes Jahr lang in ihrer Freizeit mit nichts anderem beschäftigt, sagt deren Sprecher Hinrich Bernzen.

Die Trägerschaft von mindestens vier Pilotschulen im südlichen Hamburg sollte weiterhin beim Erzbistum liegen, die Genossenschaft wollte als Betreiber auftreten. Es hätte ein bundesweites Vorzeigeprojekt werden können, das vormacht, wie ein überschuldetes Bistum einen Partner aus der Zivilgesellschaft ins Boot holt, um jungen Menschen Bildung und Glauben näherbringen zu können. Denn auch andere Bistümer kämpfen - auch wegen sinkender Katholikenzahlen - mit ähnlichen Problemen.

Gremien lehnen Entwurf mehrheitlich ab

Doch nun stellt sich heraus: Die Kooperation ist wohl gescheitert. Das letzte Wort liegt bei Erzbischof Stefan Heße, der bis Ende der Woche offiziell verkünden will, wie es weitergeht. Doch alles deutet darauf hin, dass die Entscheidung längst gefallen ist.

Denn der Erzbischof will sich nach dem Votum von zehn schulischen und kirchlichen Gremien richten, darunter der Priesterrat, der Kirchensteuerrat, die Pfarrerkonferenz, die Gesamtelternvertretung und die Schulleiterkonferenz. Und die haben sich mehrheitlich gegen den Entwurf für ein Rahmenprogramm ausgesprochen, den die HSGI am 24. Juni vorgelegt hatte.

Die Gesamtelternvertretung kritisiert daran zum Beispiel, dass die HSGI von teilweise deutlich steigenden Schülerzahlen ausgeht, was unrealistisch sei, und "die finanziellen Risiken allein beim Erzbistum verbleiben", wie es in ihrer Stellungnahme heißt. Die Schulleiter monieren, dass die Genossenschaftsinitiative im operativen Geschäft fürs erste Jahr weiterhin ein Defizit veranschlagt habe.

Das Minus ergebe sich dadurch, dass sich in diesem Jahr keine Schüler anmelden konnten, sagt HSGI-Sprecher Bernzen. Man habe den bestmöglichen Vorschlag erarbeitet, mehr sei nicht drin gewesen - auch wegen der kurzen Vorbereitungszeit. "Wir hätten gern alle offenen Fragen mit dem Erzbistum gemeinsam geklärt." Doch dort habe man kein echtes Interesse an einer Zusammenarbeit gezeigt, habe wichtige Zahlen nicht herausgegeben und viel zu enge Fristen gesetzt.

Das Erzbistum weist die Kritik zurück. Alle Zahlen seien der HSGI übermittelt worden, heißt es. Man habe viel Kraft und Energie in die Kooperation gesteckt. Doch die Genossenschaftsinitiative habe nicht "plausibel, substantiiert und prüffähig" nachgewiesen, wie sie ihren Anteil innerhalb einer Kooperation mit dem Erzbistum "ökonomisch, organisatorisch, fachlich und personell darstellen" will.

Ringen um Macht und Einfluss in der Kirche

Es sind jedoch nicht nur die vielen inhaltlich schwierigen Fragen, die die Beteiligten angestrengt haben. Unterschwellig geht es auch um ein Ringen darum, wie Macht und Einfluss künftig in der Kirche verteilt sein sollen. Traditionell sind Katholiken hierarchisch organisiert - und das empfinden viele nicht mehr als zeitgemäß. "Wo zwei oder drei Gläubige zusammenkommen, wird Kirche gelebt", sagt Bernzen. "Warum sollte es uns also nicht gelingen, dass auch wir katholische Schule machen?"

Wie vergiftet die Stimmung zuletzt war, zeigt eine Stellungnahme, die das Generalvikariat Ende Juni an alle zehn Gremien schickte, die sich mit dem Kooperationsprojekt befasst hatten. Es unterstellt der HSGI darin "Trickserei", "erhebliche Camouflage" und "politische Erpressung" und wirft ihr vor, die Pilotschulen letztlich in eine eigene Trägerschaft überführen zu wollen. Die HSGI verneint das.

Auch den Vorwurf des Erzbistums, die HSGI habe sich mit vertraulichen Informationen an die Presse gewandt, will Bernzen so nicht stehen lassen. Vertraulichkeit sei immer gewahrt worden. Und man könne nur partizipativ arbeiten, wenn man möglichst viele Menschen über die Verhandlungen informiere.

Der Ton sei in der Tat etwas "scharf" gewesen, räumt ein Sprecher des Erzbistums ein. In die Stellungnahme seien "Formulierung hineingerutscht, die sachlicher hätten ausfallen müssen". Das sei auch der "Ermüdung nach einem langen Arbeitsprozess" geschuldet.

Dieser dürfte nun bald vorbei sein. Erholung wird fürs Erzbistum darauf jedoch wohl kaum folgen. Die HSGI wäre zwar raus, die Gründung der Genossenschaft hat sie bereits abgesagt. Doch Eltern, Schüler und Lehrer haben angekündigt, trotzdem weiter für ihre Schulen kämpfen zu wollen.

insgesamt 26 Beiträge
misterknowitall2 04.07.2018
1. Typisch Pfaffen
Das war zu erwarten. Die Kirche läßt sich ungerne was aus der Hand nehmen. Wenn sie die Schulen nicht weiterführen MÖCHTE, hat das gefälligst auch kein anderer zu tun. Und warum macht nicht eins dieser superreichen Bistümer [...]
Das war zu erwarten. Die Kirche läßt sich ungerne was aus der Hand nehmen. Wenn sie die Schulen nicht weiterführen MÖCHTE, hat das gefälligst auch kein anderer zu tun. Und warum macht nicht eins dieser superreichen Bistümer den Säckl ein wenig auf? Na klar, es geht ja auch darum sozialen Druck aufzubauen um: die Löhne noch weiter zu drücken; ihre Arbeitsbedingungen zum Manifestieren, oder, und das ist sehr wahrscheinlich, mehr Geld vom Staat wollen. Es ist jedenfalls bezeichnend, wie die Kirche hier mit engagierten Katholiken umgeht.
dasfred 04.07.2018
2. Eine katholische Schule ist keine bessere Schule
Es sei denn, man sieht es als Vorteil, dass eben nicht jeder angenommen wird, und dass die Kinder in etwas der gleichen bürgerlichen Schicht entstammen. In Hamburg muss kein Kind ohne Schule aufwachsen. Höchstens ohne [...]
Es sei denn, man sieht es als Vorteil, dass eben nicht jeder angenommen wird, und dass die Kinder in etwas der gleichen bürgerlichen Schicht entstammen. In Hamburg muss kein Kind ohne Schule aufwachsen. Höchstens ohne Wunschschule. Wenn die katholische Kirche ihr Angebot aus nachvollziehbaren Gründen einschränken muss, ist das eben so. Es bleibt ja der Initiative unbenommen, Privatschulen zu gründen, die den katholischen Glauben mit einbeziehen. Ich habe eher das Gefühl, die Initiative möchte für den eigenen Nachwuchs einen Sonderstatus erzwingen, der sie vor den "verkommenen" Stadtteilschülern schützt.
unpolit 04.07.2018
3. Vielleicht sollte man mal die Außenkommunikation anpassen,
denn es gibt wohl immer noch Zeitgenossen, die mit Christentum solche Werte wie Moral, Anstand, Nächstenliebe, Verantwortung usw usf. verbinden. Aber wenn schon diese Institution nicht bereit ist, zu teilen, dann brauch sich [...]
denn es gibt wohl immer noch Zeitgenossen, die mit Christentum solche Werte wie Moral, Anstand, Nächstenliebe, Verantwortung usw usf. verbinden. Aber wenn schon diese Institution nicht bereit ist, zu teilen, dann brauch sich doch keiner Wundern über solche Themen wie Länderfinanzausgleich, Finanzierung von Schwachen, Kranken. Dann mögen die Verantwortlichen aber bitte auch ihre Sonntagsreden anpassen und Klartext reden: Wir wollen Macht - und brauchen dazu euer Geld. Her damit.
ambulans 04.07.2018
4. man
kanns auch einfach, klar & deutlich ausdrücken: in der katholischen kirche deutschlands tobt z.zt. ein veritabler "links/rechts"-konflikt - wie nicht nur der ominöse beschwerde-brief der sieben (bischöfe) an den [...]
kanns auch einfach, klar & deutlich ausdrücken: in der katholischen kirche deutschlands tobt z.zt. ein veritabler "links/rechts"-konflikt - wie nicht nur der ominöse beschwerde-brief der sieben (bischöfe) an den papst wg. der reichlich seltenen möglichkeit, eine quasi ökomenische kommunion für gemischt-konfessionelle ehepaare zu ermöglichen, zweifelsfrei erwiesen hat. frankie in rom hat mehr oder weniger das gleiche problem wie ex-(US)-präsident obama - bei dem einen wars die falsche hautfarbe, der andere leidet unter dem verdacht, der des generellen aufstands beschuldigten kirche süd-amerikas (zu) nahe zu stehen: verkehrte welt ... dr. ambulans (alle kassen)
Glauben verloren 04.07.2018
5. Berechnender Totesstoß am letzen Schultag - Kirche in Glaubwürdigkeits
Ein Schelm wer Böses dabei denkt: erst Ankündigung der Schliessungsplanung unmittelbar vor Weihnachten (!), dann Konkretisierung der Liste abzuwickelnder Schulen kurz vor Anmeldeschluss für das nächste Schuljahr Ende Januar. [...]
Ein Schelm wer Böses dabei denkt: erst Ankündigung der Schliessungsplanung unmittelbar vor Weihnachten (!), dann Konkretisierung der Liste abzuwickelnder Schulen kurz vor Anmeldeschluss für das nächste Schuljahr Ende Januar. Nun Absage an Schulrettung am letzten Schultag in HH (hat sich übrigens kein Kirchenvertreter bei der Verabschiedung der Abgangsklassen sehen lassen)... WIe es scheint erfolgt das immer mit dem gemeinen Plan in Ferien und Auszeiten Gras darüber wachsen zu lassen. Wird es hoffentlich nicht! Allein das erbärmliche Vorgehen von Kirchenführung und Leitung der Schulbehörde verdient es, noch lange und offen in Presse und Öffentlichkeit diskutiert zu werden. Ich hoffe auch, dass die Stadt sehr darauf achtet, was mit den vor 10 Jahren geschenkten Grundstücken passiert. Auflage war Sanierung (nie erfolgt) und Schulbetrieb (nun eingestellt). Die Übertragung sollte angefochten und Denkmalschutzauflagen eingehalten werden...
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