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Leben und Lernen

Eltern über Missstände in Kitas

"Mein verträumter Sohn geht im Trubel unter"

Hohe Gebühren, kurze Öffnungszeiten, gestresste Erzieherinnen und Erzieher - oder auch mal gar keine: In vielen Kitas liegt etwas im Argen. Hier berichten Eltern, was bei ihnen schiefläuft.

Getty Images/ iStockphoto

Junge allein auf der Rutsche (Symbolbild)

Montag, 01.10.2018   06:30 Uhr

Bundesweit klagen Eltern darüber, dass sie keinen Kitaplatz finden oder dass ihre Kinder nicht gut betreut seien, wenn sie in einer Einrichtung unterkommen. Ein großes Problem ist für viele der Personalmangel - auch für die Erzieher selbst, die dadurch überlastet sind.

Wie die Betreuungssituation aussieht, hängt auch vom Bundesland ab. Eine Bertelsmann-Studie hat ergeben, dass in einer Krippe in Baden-Württemberg rechnerisch eine Fachkraft auf 3,1 Kinder kommt. Erzieherinnen und Erzieher in Sachsen kümmern sich dagegen im Schnitt um 6,4 Kinder.

Die Bundesregierung will nun ein Gesetz durchbringen, das die Lage überall verbessern soll. Der Plan: Der Bund zahlt in den kommenden Jahren 5,5 Milliarden Euro an die Länder, knapp 500 Millionen Euro davon im kommenden Jahr. Das Geld soll für eine Qualitätssteigerung bei der Kita-Betreuung sorgen.

Mit jedem Land will der Bund konkrete Vereinbarungen treffen, welche Instrumente dafür nötig sind - etwa Sprachförderung oder ein besserer Betreuungsschlüssel. Doch wie sieht die Situation in einzelnen Kitas überhaupt aus?

Hier erzählen SPIEGEL-ONLINE-Leserinnen und -Leser, was sie täglich erleben:


Eine Mutter berichtet:

"Aufgrund des Mangels können sich Erzieher derzeit ihre Stellen aussuchen. In unserer Einrichtung herrscht daher ständiger Personalwechsel. Das führt zu einer schlechten Arbeitsmoral und schlechter Betreuung der Kinder. Viel zu viel Zeit geht für die Einarbeitung neuer Kollegen drauf.

Gutes Personal gewinnt man durch gute Bezahlung. Solange Kinderbetreuung deutlich schlechter bezahlt wird als zum Beispiel die Bandarbeit bei Automobilkonzernen, wird weiterhin von besserer Qualität nicht die Rede sein können."


Eine Mutter aus Nordrhein-Westfalen erzählt:

"Wir wohnen am Rand des Ruhrgebiets in einer verschuldeten Stadt. Plätze in Kitas, aber auch bei Tagesmüttern sind Mangelware. Unseren ersten Sohn haben wir damals erfolglos in vier Kitas angemeldet, ein Jahr später waren wir bei sechs Einrichtungen zum Casting. Schließlich bekamen wir zwei Plätze angeboten und entschieden uns für einen städtischen Kindergarten.

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Manchmal bereue ich diese Entscheidung. Dort arbeiten dreieinhalb Vollzeitkräfte für 30 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Nachdem in einer anderen Gruppe plötzlich eine Erzieherin ging, ist eine aus unserer Gruppe nun die halbe Woche dort und fehlt bei unserem Sohn.

Die Folge ist, dass mein stiller, schüchterner, verträumter Sohn im Trubel untergeht. Oft scheint er nicht genug zu trinken, und es wird nicht darauf geachtet, ob er dort zur Toilette geht. Manchmal hole ich nach fünf Stunden ein Kind ab, das vor Harndrang eine Stunde lang an einem Tisch gesessen hat und nichts machen wollte."


Eine Mutter aus Hessen:

"Kürzlich haben die Erzieherinnen an einer zweitägigen Fortbildung teilgenommen. Die Personaldecke war dadurch so dünn, dass Eltern eingesprungen sind und nachmittags nur eine Notbetreuung angeboten wurde für diejenigen, die ihre Kinder nicht früher abholen konnten."


Ein Vater aus Berlin erzählt:

"Einen Kitaplatz kann man sich in Berlin nicht aussuchen, sondern man kann nur mit viel Glück einen bekommen. Das führt dazu, dass die Eltern in einer unterwürfigen Bittstellerhaltung gegenüber der Kitaleitung sind und sich nicht trauen, Missstände anzusprechen.

Die Kitaleitungen haben wiederum das Problem, dass ihnen die Erzieher und Erzieherinnen weglaufen, weil sie abgeworben werden. Dadurch herrscht eine große Fluktuation, die vor allem die kleinen Krippenkinder überfordert.

Ich würde die Kitagebühren wieder einführen und dann so staffeln, dass Menschen mit kleinen Einkommen nichts oder fast nichts zahlen, Menschen mit hohen Einkommen aber deutlich mehr. Wir haben vor der Abschaffung der Gebühren 270 Euro gezahlt und wären gerne bereit, dies wieder zu tun - aber natürlich nur, wenn sich die Qualität verbessert."


Ein Video über das Berliner Kitachaos sehen Sie hier:

Foto: SPIEGEL TV

Eine Mutter aus Berlin erzählt:

"Meine drei Kinder wurden alle bereits mit vier Monaten in einer Kita in Berlin-Mitte betreut. Ich bin nun schon seit Jahren rundum zufrieden. Die Erzieherinnen und Erzieher machen einen engagierten und tollen Job. Ich schreibe das, weil mir wichtig ist, dass nicht alle nur meckern."


Eine Mutter aus Nordrhein-Westfalen:

"Wir haben vor Kurzem die Kita gewechselt. Im August fand dann die Eingewöhnung der neuen Kinder statt. Zum Teil mussten bei einer Gruppenstärke von 22 Kindern zehn neue Kinder eingewöhnt werden - bei ausgedünnter Personalsituation.

Wir sind jetzt seit sieben Wochen in der Kita, und die Gruppe wurde urlaubs- und krankheitsbedingt noch keinen einzigen Tag von allen drei Erzieherinnen gemeinsam betreut. So findet abgesehen von Bastelaktionen auch leider kein Programm statt.

Eine andere Kitagruppe hat es offenbar noch schlimmer getroffen: Wegen des häufigen Personalwechsels ist die Eingewöhnung eines Kindes vorerst gescheitert.

Wann bekommen Erzieher endlich mehr Gehalt, bessere Arbeitsbedingungen - das heißt vor allem einen sinnbringenden Personalschlüssel - und Wertschätzung? Kinder sind doch unsere Zukunft, und die ersten Lebensjahre so prägend."


Ein Vater schreibt:

"Wir wohnen etwa einen Kilometer von der Grenze zu einem anderen Bundesland entfernt - leider auf der Seite, auf der wir knapp 600 Euro pro Monat für einen Kita-Platz zahlen müssen. Jenseits der Grenze kostet der gleiche Platz nur etwas über 200 Euro.

Obwohl wir beide recht gut verdienen, können wir uns knapp 600 Euro zusätzlich nicht leisten und planen daher gerade den Umzug, der natürlich auch Kosten verursacht, aber rechnerisch in weniger als einem Jahr sich wieder ausgeglichen hat.

Die Option, die uns Lokalpolitiker vorgeschlagen haben ('Dann muss die Frau eben zu Hause bleiben'), ist leider noch weniger möglich, weil ein Gehalt für eine Familie nicht zum Leben reicht."

Getty Images/ iStockphoto

Junge mit Spielzeug (Symbolbild)


Ein Vater aus Bayern:

"Meine Frau und ich wohnen in einer eher ländlichen Gegend und arbeiten beide als Therapeuten in der Klinik der nächstgelegenen Stadt. Da die Entlohnung in diesen Berufen nicht üppig ausfällt, sind wir beide berufstätig.

Ich selbst habe eine 40-Stunden-Stelle, meine Frau arbeitet 30 Stunden in der Woche. Wir haben zwei Kinder, für deren Betreuung wir allein zuständig sind. Die Großeltern leben rund 130 Kilometer entfernt und können nur in Notfällen helfen.

Im Kindergarten gibt es immer wieder Streit wegen der Öffnungszeiten. Besonders, seitdem man sich dort entschlossen hat, Überziehungsgebühren für zu spät kommende Eltern einzuführen. Ich hole meine Tochter zweimal wöchentlich vom Kindergarten ab. Mein Dienst im Krankenhaus endet um 16 Uhr, danach muss ich zu meinem Auto hechten und die rund 15 Kilometer bis zum Kindergarten fahren, im Berufsverkehr. Der Kindergarten schließt um 16.30 Uhr. Für mich ist das nicht immer zu schaffen, obgleich ich mir große Mühe gebe.

Stimmenfang #65: Kita-Notstand in Deutschland: Warum kriegt die Politik das nicht besser hin?

Ich hatte erwartet, dort ein wenig Verständnis für arbeitende Eltern vorzufinden. Aber weit gefehlt: Man wird mit einer Funkuhr empfangen, damit auch jede Minute der Verspätung gleich erkannt und geahndet werden kann - mit fünf Euro pro angefangener Viertelstunde.

Nun geht es mir nicht unbedingt um die fünf Euro. Auch verstehe ich den Wunsch der Erzieherinnen, pünktlich nach Hause zu gehen. Dennoch fühle ich mich durch die rigide Handhabung der ohnehin knappen Öffnungszeiten bestraft und gegängelt. Und das nur, weil ich einer ganz normalen Arbeit mit ganz normalen Arbeitszeiten nachgehe.

Es mangelt an Bereitschaft, auf die zuzugehen, die nicht den Luxus einer nur halbtags arbeitenden Ehegattin oder ständig verfügbaren Oma haben. Der verantwortliche Pfarrer des kirchlichen Kindergartens sagte dazu: 'Sie haben die Öffnungszeiten doch vorher gekannt, wenn es Ihnen nicht passt, suchen Sie sich einen anderen Kindergarten. Ich muss meine Mitarbeiter schützen.'

Wovor? Vor zehn Minuten Mehrarbeit? Wenn ich noch einmal die Wahl hätte, würde ich meine Kinder nicht in diese Einrichtung schicken."

lov

insgesamt 107 Beiträge
spixel.mmartl 01.10.2018
1. Sie haben die Öffnungszeiten doch vorher gekannt
Naja, irgendwo muss ich dem Pfarrer da schon Recht geben. Mich würde mal interessieren, ob der Vater die Situation schon vor der Anmeldung angesprochen hat und versucht hat eine Lösung zu finden, die für beide Seiten passt. [...]
Naja, irgendwo muss ich dem Pfarrer da schon Recht geben. Mich würde mal interessieren, ob der Vater die Situation schon vor der Anmeldung angesprochen hat und versucht hat eine Lösung zu finden, die für beide Seiten passt. Aus Erfahrung gehe ich aber davon aus, dass das vorher nicht angesprochen wurde, schon alleine um die Zuteilung des Platzes nicht zu gefährden, und dann das Erzieherpersonal vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Und dann braucht man sich nicht wundern, wenn das Personal darauf verschnupft reagiert.
hansgustor 01.10.2018
2. Offenes Konzept
Ich bin zufrieden mit unserer Kita - beim privaten Träger. Wir haben auch einen Platz in einer öffentlichen Kita angeboten bekommen, der ein bisschen billiger war. Dort verwendet man das "offene Konzept", d.h. die [...]
Ich bin zufrieden mit unserer Kita - beim privaten Träger. Wir haben auch einen Platz in einer öffentlichen Kita angeboten bekommen, der ein bisschen billiger war. Dort verwendet man das "offene Konzept", d.h. die Kinder können sich selbst aussuchen was sie machen, z.B. in den Garten, ins Atelier, in die Werkstatt. Vorteile: weniger Personal notwendig, weniger Zusammenhalt bei den 60 Kindern, ... Ein Kind circa 4 Jahre alt, saß alleine und Kaugummi kauen in einer nicht einsehbaren Ecke und hat uns die ganze Zeit angestarrt. Es kam mit vor wie in einem US-Knast. Habe mir noch kurz überlegt welcher Gang sich unser Kind schließen sollte, aber dann doch abgesagt.
kuschmucki 01.10.2018
3. An den bayerischen Vater:
Sind Sie schon mal auf die Idee gekommen, dass eine Erzieherin das gleiche Problem haben könnte wie Sie ? Pünktlich von der Arbeit wegkommen, ins Auto hechten, durch den Berufsverkehr fahren um die eigenen Kinder abzuholen ? [...]
Sind Sie schon mal auf die Idee gekommen, dass eine Erzieherin das gleiche Problem haben könnte wie Sie ? Pünktlich von der Arbeit wegkommen, ins Auto hechten, durch den Berufsverkehr fahren um die eigenen Kinder abzuholen ? Schimpft nicht auf das kleinste Rad im System. Fangt oben an, in der Politik. Solange der Mensch, der euer Geld „betreut“ mehr verdient als der, der eure Kinder betreut, stimmt etwas nicht....
harlekin307 01.10.2018
4. Arbeitende Eltern!
Es ist politisch und gesellschaftlich gewollt,dass Eltern arbeiten. Es ist sogar so,dass die meisten Menschen das müssen,um leben und wohnen zu können!Die Mehrheit der Kindergärten schließt um 16:00 oder 16:30,was schon eher [...]
Es ist politisch und gesellschaftlich gewollt,dass Eltern arbeiten. Es ist sogar so,dass die meisten Menschen das müssen,um leben und wohnen zu können!Die Mehrheit der Kindergärten schließt um 16:00 oder 16:30,was schon eher selten ist. Bei der Offenen Ganztagsschule ein ähnliches Bild. Wie ein Vater anschaulich beschreibt: Wie weltfremd ist das denn!! Wenn aber schon das grundlegende Konzept bei Öffnungszeiten nicht der gesellschaftlichen Realität angepasst ist,sind Unzufriedenheit und vermeidbaren Stress vorprogrammiert.
MisterD 01.10.2018
5. 10 Minuten hier, 10 Minuten da...
Ich kann den letzten Vater verstehen. 10 Minuten sehen auf den ersten Blick nicht viel aus. Wenn aber jeden Tag 10 Minuten auf ein Elternteil gewartet werden muss und der eine oder andere evtl. auch morgens schon 10 Minuten [...]
Ich kann den letzten Vater verstehen. 10 Minuten sehen auf den ersten Blick nicht viel aus. Wenn aber jeden Tag 10 Minuten auf ein Elternteil gewartet werden muss und der eine oder andere evtl. auch morgens schon 10 Minuten früher auf der Matte steht... dann werden aus "mal 10 Minuten", schnell 100 Minuten pro Woche, also fast 2 Stunden zusätzlich, die nicht bezahlt werden... Schenken Sie ihrem Arbeitgeber wöchentlich 2 Stunden? Ja, ich schon, ich verdiene aber auch entsprechend gut und mache das freiwillig... Was ich allerdings nicht verstehen kann, ist die Lamentiererei von der schlecht bezahlten Erzieherin. Diese Damen und Herren verdienen als Einstiegsgehalt um die 2.600 EUR Brutto, wenn sie nach TVöD-SuE angestellt sind. Das steigt dann im Laufe der Jahre in der Gruppe 8a auf 3.600 EUR an. Fragen Sie bei Gelegenheit mal ihre Friseurin oder ihren Klempner, was der so pro Monat verdient... es wird nicht mehr sein... Es gibt auch nicht wenige Akademiker, die kaum mehr verdienen... Erzieherinnen liegen mit ihrem Gehalt, was Ausbildungsberufe angeht, schon relativ gut. Klar, mehr geht immer. Aber dann muss man auch sagen, woher es kommen soll. Ich finde jedenfalls 600 EUR als Höchstsatz für einen KiTa-Platz für völlig überzogen. Bei einem Familieneinkommen von 3.000 EUR (da liegt ungefähr die Höchstgrenze) gibt man dann 20% des Einkommens für Betreuung EINES Kindes aus. Das zweite kostet dann noch 300 EUR. Ich könnte das verstehen, wenn man verhindern will, dass gerade gutverdienende Menschen Kinder bekommen... aber Gegenteil ist ja angeblich der Fall...
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