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Leben und Lernen

Statt Tabletten

Was Schüler gegen Kopfschmerzen tun können

Tabletten gegen Kopfweh gehören für viele Jugendliche zum Alltag. Schmerztherapeuten und Lehrer sind alarmiert und wollen Eltern und Schüler besser aufklären.

DPA

Mädchen nimmt eine Tablette in den Mund

Dienstag, 02.01.2018   16:01 Uhr

Wenn ihre Schüler im Unterricht Kopfschmerzen haben, bitten sie Karin Frisch immer häufiger um Schmerztabletten. Sie ist Lehrerin an einer Gesamtschule in Wiesbaden. Auch laut der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft nehmen Kopfschmerzen im Kinder- und Jugendalter tendenziell zu.

Die Ursachen sind vielfältig: Rauchen kann ebenso zu Kopfschmerzen führen wie Alkoholkonsum, koffeinhaltige Getränke, zu wenig Bewegung, Stress und Muskelanspannungen in den Schultern oder im Nacken. Als weitere Faktoren gelten laut Forschern eine Überforderung der Schüler und Mobbing.

Lehrerin Frisch will dem aus ihrer Sicht gravierendem Anstieg von Kopfschmerzerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen entgegenwirken und startete die "Aktion Mütze - Kindheit ohne Kopfzerbrechen". Unterstützung bekommt sie vom Direktor der Schmerzklinik Kiel, Hartmut Göbel. Die beiden haben Unterrichtsmaterial entwickelt, das Schüler, Lehrer und Eltern besser aufklären soll.

Schmerztablette zum Pausenbrot

Kopfschmerzen seien die Volkserkrankung schlechthin, sagt Göbel. Viele Menschen wüssten jedoch nicht, wie sie vorbeugen könnten. "Viele Kinder werden schon wie selbstverständlich mit Kopfschmerztabletten in die Schule geschickt, das gehört dazu wie das Pausenbrot." Im Unterricht informieren die Experten, wie gefährlich Medikamentenmissbrauch sein kann, wie die Schüler den Schmerzen vorbeugen und wie sich die Ursachen bekämpfen lassen.

"Kopfschmerzen kann man durch Wissen verhindern. Wissen ist die beste Medizin, die beste Prävention", sagt Göbel. Mehr als 70.000 Schüler hätten inzwischen mit den Unterlagen gearbeitet. Die Unterrichtseinheit können alle siebten Klassen in Deutschland kostenfrei bekommen, sagen die Initiatoren.

Schmerzfaktor: Ernährung

Schmerztherapeut Göbel hält Ernährung für einen entscheidenden Ansatzpunkt. "Das kindliche Nervensystem braucht Kohlenhydrate." Damit seien aber nicht Süßigkeiten gemeint, sondern Kartoffeln, Reis, Vollkorn oder Nudeln. Ein Frühstück, ein Pausenbrot und ein festes Mittagessen vor 13 Uhr hält er für wichtig.

Regelmäßiges Trinken dürfe auch nicht vergessen werden. "Es gibt immer noch Schulen, wo das verboten ist", kritisiert er. Auch am Abend sollten Kinder etwas essen, damit sie am nächsten Morgen nicht mit Kopfschmerzen aufwachten.

Schmerzfaktor: Überforderung

"Alles zu Schnelle, alles zu Viele, alles zu Plötzliche, alles zu Intensive kann Migräneattacken auslösen", mahnt Göbel. Daher sei Regelmäßigkeit im Alltag wichtig. "Kinder sollten einen gleichmäßigen Tagesablauf haben." Außerdem sollten sie zumindest eine halbe Stunde am Tag mal nichts tun: "Handy weglegen, Hinsetzen, zur Ruhe kommen, Träumen und an gar nichts denken", rät er. "Wenn man das Kindern erklärt, verstehen sie das ganz gut."

Frische Luft, Sport und ein Spaziergang seien auch hilfreich. "Viele kommen aber gar nicht mehr dazu, weil sie schon wieder hinter den Büchern am Schreibtisch sitzen müssen." Dazu komme der Medienkonsum, der den Tag schnell verrinnen lasse, weil sich das kindliche Gehirn kaum lösen könne von den wechselnden Reizen. "Das Nervensystem ist ständig in Aktion. Das belastet natürlich sehr." Hilfreich sei zudem, Entspannungsverfahren zu lernen.

Schmerzfaktor: Zu viele Tabletten

Schmerzexperte Göbel warnt davor, Kopfschmerzen zu häufig mit Schmerzmitteln zu bekämpfen. Denn Schmerzmittel reduzieren die Schmerzempfindlichkeit. Nimmt man sie über einen längeren Zeitraum sehr häufig ein, reagiert das Nervensystems sensibler auf Schmerzen.

Lässt die Wirkung des Schmerzmittels nach, schießt die Schmerzempfindlichkeit hoch, es treten spontan sogenannte Rückschlagkopfschmerzen auf, die erneut die Schmerzmitteleinnahme fordern - ein Teufelskreis. Betroffene können dem nur entkommen, wenn sie bis zu 30 Tage komplett auf Schmerzmittel verzichten, so Göbel. Er empfiehlt die sogenannte 10-20 Regel: Demnach sollten an höchstens zehn Tagen im Monat Schmerzmittel eingenommen werden, 20 von 30 Tagen sollte man ohne die Medikamente überstehen.

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Die Initiatoren sind mit ihrer Aktion zufrieden. Mehr als zwei Drittel der befragten Schüler mit Kopfweh hätten angegeben, dass sie die Unterrichtsmappe häufiger anschauten und ihnen die Tipps geholfen hätten, den Schmerz zu lindern.

Eine Münchner Untersuchung zu Kopfschmerzen bei Gymnasiasten (Mukis) kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Schon eine einstündige Schulstunde über die Risikofaktoren von Kopfschmerzen und Migräne habe demnach einen messbaren Effekt auf die Schüler. An der Studie hatten 1000 Schüler teilgenommen.

Ira Schaible/dpa/koe

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