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Leben und Lernen

Politische Debatte

Kopftuch für Mädchen verbieten - ja oder nein?

Ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren: Politiker sind darüber genauso uneins wie Islamexperten. Es geht dabei um die Frage, was Kinder mehr einschränkt - das Tuch oder dessen Verbot.

DPA

Schülerin mit Kopftuch

Montag, 09.04.2018   16:44 Uhr

Österreich plant es, Nordrhein-Westfalen scheint auch nicht abgeneigt: ein Kopftuchverbot für Mädchen, die noch nicht in der Pubertät sind. Vergangene Woche hatte Österreichs Regierung eine Gesetzesvorlage angekündigt, die Kindern das Tragen von Kopftüchern an Kindergärten und Grundschulen verbieten soll.

Es gehe darum, muslimische Kleinkinder vor Diskriminierung zu schützen, aber auch der Entwicklung von Parallelgesellschaften entgegenzutreten, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz, der einer Regierung aus der konservativen Volkspartei und der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei FPÖ vorsteht.

Am Wochenende war zu dem Thema dann auch in Deutschland eine Debatte entbrannt: Der nordrhein-westfälische Integrationsminister und FDP-Politiker Joachim Stamp kündigte an, ebenfalls ein Kopftuchverbot für junge Mädchen zu prüfen. Denn Kinder unter 14 Jahren könnten nicht selbstbestimmt entscheiden, ob sie ein Kopftuch tragen wollen.

Ein Kopftuch ist nicht immer Zwang

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet unterstützte diesen Kurs. Bei Kindern sei ein Kopftuch etwas, das mit Religion nichts zu tun habe. "Das nimmt den Kindern die Chance, selbst zu entscheiden. Und deshalb ist das ein guter Vorschlag, den wir auch umsetzen wollen", sagte der CDU-Politiker.

Wie viele Mädchen im Kindergarten- und Grundschulalter ein Kopftuch tragen, wissen weder die deutsche noch die österreichische Regierung genau. Ihre Zahl dürfte gering sein, denn in der Regel tragen muslimische Mädchen erst ab der Pubertät ein Kopftuch, wenn überhaupt.

Ebenso wenig ist erhoben, wie oft ein Kopftuch mit Zwang verbunden ist. Und wenn Mädchen aus freien Stücken eine Kopfbedeckung tragen möchten, nähme nicht das Tuch ihnen die Chance, selbstbestimmt zu handeln - sondern dessen Verbot.

Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer hält es für falsch, davon auszugehen, dass Mädchen unter 14 Jahren nicht selbst entscheiden könnten, ob sie ein Kopftuch tragen wollen oder nicht. "Es sind nicht immer die Eltern, die Mädchen dazu auffordern, ein Kopftuch zu tragen. Viele machen das auch von sich aus", sagte Kiefer dem SPIEGEL.

Statt eines pauschalen gesetzlichen Verbots sollten Lehrer lieber das Gespräch mit betroffenen Mädchen und deren Eltern suchen und klären, warum die Kinder ein Kopftuch trügen.

Auch Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann äußerte sich skeptisch: Toleranz, Weltoffenheit und Diversität gehörten an jede Schule und an jeden Kindergarten, sagte die CDU-Politikerin. "Deshalb arbeiten wir auch nicht mit Untersagen." Sie erwarte, dass bei Problemen in Kitas und Schulen mit den Eltern gesprochen werde.

Entmündigung oder Totalitarismus?

Noch kritischer äußerte sich der Vorsitzende des Islamrats für Deutschland, Burhan Kesici: "Kopftuchzwang und Kopftuchverbot schlagen in dieselbe Kerbe: Beide entmündigen Musliminnen." Kesici nannte die Debatte "populistisch, symbolgeladen und inhaltsleer". Der Islamrat ist einer von mehreren Dachverbänden von Moscheegemeinden und anderen muslimischen Einrichtungen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände (BAGIV) sprach sich hingegen für ein Kopftuchverbot für Mädchen in Kindergärten und Grundschulen aus, wie es Österreich plant. Staat und Gesellschaft seien dem Kindeswohl verpflichtet, erklärte der Präsident der Arbeitsgemeinschaft, Ali Ertan Toprak. Vor allem Kleinkinder müssten "vor dem religiösen Totalitarismus der Eltern geschützt werden".

Auch die Bundespolitik beschäftigt die Frage, was muslimische Mädchen können und brauchen. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner sagte am Montag: "Kinder brauchen Freiräume, wo es eben auch keine kruden Geschlechterbilder gibt. Und das sollte die Schule sein."

"Aufgeheizte Diskussion"

Auch FDP-Chef Christian Lindner tritt für ein Kopftuchverbot ein. Das stärke die Persönlichkeitsentwicklung der Mädchen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration bedauerte "die aufgeheizte Diskussion". Der Vizevorsitzende Haci Halil Uslucan stellte aber fest: "Aus religiöser islamischer Perspektive gibt es keinen Grund, vor dem Erreichen der Geschlechtsreife ein Kopftuch zu tragen."

Der Chef des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meininger, sagte der "Bild"-Zeitung, ein Kopftuchverbot würde dazu beitragen, Diskriminierung aus religiösen Gründen zumindest tendenziell den Boden zu entziehen. Er forderte, eine "bewusste Demonstration religiöser Symbole bei religionsunmündigen Kindern" zu unterlassen.

Im Video: Mein Kopftuch

Foto: dbate

koe/lov/AFP/dpa

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