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Leben und Lernen

Arbeitspensum von Pädagogen

Sportlehrer sollten endlich mehr arbeiten!

Was macht mehr Mühe: Goethes "Faust" für die Oberstufe vorbereiten - oder mit dem Fußball in die Turnhalle schlappen? Eben. Ein Deutschlehrer fordert mehr Unterrichtsstunden für seine Sportkollegen.

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Sportlehrer beim Unterricht

Donnerstag, 03.05.2018   06:02 Uhr

Mittwoch Nachmittag, 17 Uhr, im Lehrerarbeitszimmer meiner Schule. Ich bereite gerade eine Doppelstunde zu Goethes "Faust" für meine 12. Klasse vor, als meine Augen am Klassenarbeitsplan an der Wand hängen bleiben: Kommenden Donnerstag, Langzeitklausur im Fach Deutsch, Klasse 12 - sechs Stunden. Ich seufze.

Ich lasse mich vom "Faust" ablenken und grüble, welche Aufgaben ich nächste Woche stellen könnte und wie in aller Welt ich die 22 Klausuren mit durchschnittlich 14 Textseiten noch vor dem Abitur korrigiert bekomme. Dabei fällt mein Blick durchs Fenster auf den Sportkollegen draußen, der gerade seine 9c auf dem Hartplatz Fußball spielen lässt. Neid schäumt durch meinen Körper. Denn eins steht fest: Für das gleiche Gehalt habe ich - wegen meiner Fächer - eine viel höhere Arbeitszeit!

Im Laufe eines Schuljahres korrigiere ich Tausende Seiten Deutschaufsätze, bearbeite eine zweistellige Anzahl von Lektüren und überlege mir, wie ich Grammatik und Rechtschreibung kreativ vermittelt bekomme. Dagegen schnappt sich der Sportkollege einen Fußball, und fertig ist die Unterrichtsvorbereitung.

Um Protesten vorzubeugen, räume ich ein, dass natürlich nicht jede Sportstunde so abläuft und Sportlehrer in manchen Bundesländern schon drei oder vier Unterrichtsstunden mehr abhalten müssen. Trotzdem gilt, dass alle Lehrkräfte die gleiche Arbeitszeit zu erfüllen haben, und die liegt eben qua Gesetz bei 41 Zeitstunden pro Woche und 30 Tagen Jahresurlaub. Die eigentlichen Unterrichtsstunden sind nur ein Teil davon. In unserem Fall heißt das: Ich unterrichte 25 Stunden pro Woche und mein Sportkollege ebenso. Selbst wenn sie in manchen Fällen etwas mehr unterrichten müssen, fängt das den Unterschied in Vor- und Nachbereitung zwischen beiden Fächern auf keinen Fall auf.

Und solange ich und viele Kolleginnen und Kollegen die 41-Stunden-Marke deutlich überschreiten, während andere mit weniger arbeitsintensiven Fächern sie unterschreiten, bleibt aus Gerechtigkeitsgründen nur eine Lösung: Koppelt die zu unterrichtenden Stunden an die Fächer - und zwar in allen Bundesländern angemessen!

Am Elternsprechtag zum Sportlehrer?

Oder wann haben Sie das letzte Mal eine Klassenarbeit Ihres Kindes im Fach Sport gesehen, den Sportlehrer beim Elternsprechtag treffen wollen oder ihn wegen einer schlechten Note sonntagabends am Telefon verhört? Genau: noch nie!

Währenddessen werden in Deutsch alle paar Jahre per Erlass des Kultusministeriums die Lektüren ausgewechselt, aus Liebes- wird Natur- und letztlich Reiselyrik und aus "gestaltender Interpretation" plötzlich ein Essay. Ähnliches gilt im Übrigen für die Kolleginnen und Kollegen mit Fremdsprachen, und auch die wunderbare Knallgasprobe in Chemie muss vorbereitet werden, inklusive "Gefährdungsbeurteilung" versteht sich.

Und jetzt kommen Sie

"Augen auf bei der Fächerwahl", meinte erst neulich wieder mein Nebensitzer im Lehrerzimmer (Fächer: Sport und Mathe) zu mir, als ich über die Korrekturbelastung im Abitur klagte.

Aber ist das die Lösung? Wollen wir Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Fächer aufgrund der geringen Arbeitsbelastung gewählt haben? Ich glaube kaum.

Deshalb könnte mit einer stärker nach Fächern gestaffelten Unterrichtsverpflichtung zumindest ein bisschen mehr Fairness in den Lehrerzimmern herrschen. Ich würde für meinen massiven Korrektur- und Vorbereitungsaufwand mit weniger Unterrichtsstunden entschädigt, und umgekehrt müsste mein Sportkollege einige Stunden mehr in der Sporthalle verbringen. Das wäre gerechter als der Status quo.

"Was treibst du in den Ferien?", fragte mich mein Nebensitzer, der zwei Wochen Aktivurlaub auf Mallorca gebucht hat, am letzten Schultag vor den Osterferien. "Einen Großteil der Zeit korrigieren und vorbereiten", antworte ich.

Der Autor ist Lehrer an einem baden-württembergischen Gymnasium.

insgesamt 204 Beiträge
pecx 03.05.2018
1.
Ja, es werden sowieso gleich die üblichen "Heult nicht rum" "Alle Lehrer haben eh um 13 Uhr Feierabend" Sätze kommen. Dass da dann mal wieder jemand keine Ahnung von unserem Job hat, ist zum Glück jedem [...]
Ja, es werden sowieso gleich die üblichen "Heult nicht rum" "Alle Lehrer haben eh um 13 Uhr Feierabend" Sätze kommen. Dass da dann mal wieder jemand keine Ahnung von unserem Job hat, ist zum Glück jedem rational halbwegs kompetenten Leser bewusst. Und dennoch möchte ich sagen, dass die Fächerwahl einen nicht benachteiligen sollte. Ich selbst bin kein Sportlehrer, sondern unterrichte ähnliche (wenn nicht gleich korrekturintensive) Fächer (im Schnitt 5-6 Steiten pro Klassenarbeit). Auch ich schaue mit Neid auf meinen Sportkollegen, der neben mir sitzt und an Unterrichtsvor- und Nachbereitung nicht allzu viel zu tun hat. Das gleicht er aber zum Beispiel dadurch aus, dass er viele unentgeltliche Zusatzaufgaben an der Schule übernimmt und den Schülern und Eltern bei vielerlei Problemen in einem Maße zur Seite steht, wie es kein anderer tut. Und selbst wenn er nur Dienst nach Vorschrift machen würde: Wir haben in Deutschland nicht das Problem, dass irgendwer zu wenig arbeitet. Wir haben hier das Problem, dass es die Arbeitgeber immer wieder schaffen uns gegeneinander auszuspielen, neidisch zu machen, sodass wir nicht etwa generell weniger Arbeitszeit fordern, sondern durch die Lande ziehen und unsere Kollegen anschwärzen, niederreden und ihnen den Respekt für ihre tägliche Arbeit ermangeln lassen. Jeder Arbeitnehmer sollte sich Gedanken machen, wenn er mal wieder von den "faulen Lehrern" oder einer x-beliebigen anderen Berufsgruppe mehr Arbeit verlangt, ob es nicht viel angebrachter wäre, wenn er für sich einfach weniger/flexiblere Arbeit bei gleichem Gehalt fordern würde!
fördeanwohner 03.05.2018
2. -
Die Frage zur Abstimmung ist nicht besonders geeignet, um der Thematik gerecht zu werden. Ich würde anders herum argumentieren. Es sollte geschaut werden, wie groß die Belastung der jeweiligen Lehrkraft ist. Ein Sportlehrer, der [...]
Die Frage zur Abstimmung ist nicht besonders geeignet, um der Thematik gerecht zu werden. Ich würde anders herum argumentieren. Es sollte geschaut werden, wie groß die Belastung der jeweiligen Lehrkraft ist. Ein Sportlehrer, der eine Profilklasse unterricht, macht auch Theorie und lässt lange Klausuren schreiben. Und wenn er/sie dann vielleicht noch Deutsch als zweites Fach hat, wäre es ziemlich unfair, dieser Lehrkraft mehr Stunden aufzudrücken, oder nicht? Diejenigen, die eine große Belastung durch z.B. Korrekturen haben, sollten einen Ausgleich bekommen. So rum wird ein Schuh draus.
noalk 03.05.2018
3. Es ist tatsächlich so
Ich kenne einen Sportlehrer, der - als Quereinsteiger - dieses Fach gewählt hat, weil er dann den Arbeitstag gemütlich hinter sich bringen kann, und das bei einem vergleichsweise geringen wöchentlichen Deputat.
Ich kenne einen Sportlehrer, der - als Quereinsteiger - dieses Fach gewählt hat, weil er dann den Arbeitstag gemütlich hinter sich bringen kann, und das bei einem vergleichsweise geringen wöchentlichen Deputat.
Marc Rosenberg 03.05.2018
4. Schluss mit der Neiddebatte
Ja, Sport bereitet weniger Arbeit. Ebenso Kunst oder Musik, Daher haben Lehrer dieser Fächer in der Regel auch ein etwas höheres wöchentliches Deputat, wie im Artikel beschrieben. Meiner Meinung nach ist das damit auch [...]
Ja, Sport bereitet weniger Arbeit. Ebenso Kunst oder Musik, Daher haben Lehrer dieser Fächer in der Regel auch ein etwas höheres wöchentliches Deputat, wie im Artikel beschrieben. Meiner Meinung nach ist das damit auch abgegolten und in Ordnung. Natürlich könnte man jetzt eine Rangliste der Fächer nach Aufwand erstellen. Dann noch einen Faktor für Jahrgangsstufe und Klassenstärke. Anzahl der Klassenleitungen berücksichtigen. Jedes schwer-erziehbare Kind muss natürlich extra Geld geben. Hoher Migrationsanteil an der Schule - das muss sich schon bei den Bezügen niederschlagen. Drei Kinder mit Anwalts-Eltern in der Klasse? Nochmal 50€ obendrauf. Englisch-Lehrer Herr Smith ist zweisprachig aufgewachsen, daher fällt ihm eh alles viel leichter, da wärs nur recht und billig er verdiente weniger. Oder eher mehr weil er vielleicht extra-guten Unterricht macht? Hm...
teacher20 03.05.2018
5.
Ich bin Lehrer mit den Fächern Englisch, kath. Religion und Ethik an einer Berufsschule mit Oberstufengymnasium. Die Kritik des Kollegen kann ich durchaus nachvollziehen, obwohl ich nur ein "Hauptfach" mit größerem [...]
Ich bin Lehrer mit den Fächern Englisch, kath. Religion und Ethik an einer Berufsschule mit Oberstufengymnasium. Die Kritik des Kollegen kann ich durchaus nachvollziehen, obwohl ich nur ein "Hauptfach" mit größerem Korrekturaufwand habe. Seine Ansicht über den Sportunterricht ist etwas holzschnittartig. Ein Blick in den Sportlehrplan zeigt, dass hier durchaus Anspruchsvolles geleistet werden soll, wenn auch der Leistungsgedanke in diesem Fach praktisch nicht mehr existent ist und die Schüler überhaupt nur noch zu sportlicher Bewegung "motiviert" werden sollen (zugegeben: heute schon sehr viel). Ein Sportlehrer, der sein Fach ernst nimmt (die Sache mit dem Fußball als Vorbereitung kommt mir aber aus meiner eigenen Schulzeit bekannt vor), kommt ebenfalls nicht ohne Vorbereitungen aus. Sportleistungskurse, die es nach einer erneuten "Reform" (quasi die Rolle zurück in die End-70er und 80er Jahre, allerdings unter G8) in meinem Bundesland wieder geben kann, erfordern im Bereich "Sporttheorie" ebenfalls das Anfertigen schriftlicher Klausuren. Der Rat "Augen auf bei der Fächerwahl" ist nicht so opportunistisch, wie der Kollege meint. Wer z.B. zwei korrekturintensive Fächer wie Deutsch und Französisch wählt (eine Kollegin mit Korrekturen in der Fachoberschule und im Gymnasium in beiden Fächern; Klassen- bzw. Kursarbeiten übers Jahr und Abschlussprüfungen, plus Zweitkorrekturen musste sich das vom Abteilungsleiter sagen lassen), ist selber Schuld. Was den Arbeitsaufwand angeht: man hört immer wieder von dem enormen Vorbereitungsaufwand in schriftlichen Fächern, die den guten Lehrer (angeblich) ausmachen. Ich möchte es drastisch formulieren: wer nach Jahren im Dienst immer noch unter den Vorbereitungen stöhnt, macht sicher nicht alles richtig. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, sich den Arbeitsaufwand zu erleichtern und auch das ist Teil des Lernprozesses, den ein guter Pädagoge im Lauf der Jahre durchmachen sollte.
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