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Leben und Lernen

Fortbildung der Pädagogen

"Wir können nicht auf den biologischen Austausch der Lehrerschaft warten"

800.000 Lehrer in Deutschland sollen sich kontinuierlich fortbilden. Doch das Thema wird sträflich vernachlässigt, sagt Schulforscher Peter Daschner.

DPA

Lehrer im Unterricht

Ein Interview von
Montag, 06.08.2018   07:46 Uhr

Was kostet die Lehrerfortbildung in Deutschland - und was bringt sie? Eigentlich, sagt Peter Daschner, seien das doch einfache Fragen, deren Antworten wichtig seien für die Schulministerien der Bundesländer. Nur: Beantworten kann oder will diese Fragen kaum ein Ministerium. Das stellte Daschner, früherer Landesschulrat in Hamburg, bei den Recherchen für eine Bestandsaufnahme zur Lehrerfortbildung in Deutschland fest.

Die bisher unveröffentlichte Untersuchung, die dem SPIEGEL vorliegt, zeigt: Die Lehrerfortbildung wird in Deutschland massiv unterbewertet. Wissenschaftliche Literatur dazu gibt es kaum, die Ausgaben wurden kontinuierlich zurückgefahren, und "die Formate sind in der großen Mehrheit nicht auf Wirksamkeit und Nachhaltigkeit angelegt", wie Daschner schreibt. Unterstützt wurde die Studie von der Robert Bosch Stiftung, entstanden ist sie im Rahmen eines Projekts des Deutschen Vereins zur Förderung der Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Daschner, Sie haben die Lehrerfortbildungen untersucht, sprechen im Vorwort der Studie von "überwiegend kritischen Befunden" und ziehen ein trauriges Fazit. Was läuft denn schief?

Peter Daschner: Fangen wir mit etwas Grundlegendem an: Auch Lehrer müssen lernen. Das klingt nach einer Banalität, aber wenn wir den Unterricht flächendeckend verbessern wollen, können wir nicht auf den biologischen Austausch der Lehrerschaft warten. Lehrerfortbildung ist der Schlüssel für relativ schnelle Qualitätsverbesserungen des Unterrichts und für eine gute Schulentwicklung insgesamt. Das Problem ist allerdings: Wir investieren hier viel zu wenig - und verzichten damit in der Folge auch auf bessere Schülerleistungen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Schulgesetze der Länder betonen doch ganz klar die Bedeutung von Fortbildungen für Lehrer. Warum reicht Ihnen das nicht?

Daschner: Die Papierlage ist gut, das stimmt - aber eben auch nur die. Das fängt schon damit an, dass wir keinen Überblick haben: Eine zusammenfassende Darstellung der Fortbildungsdaten oder gar eine systematische Berichterstattung gibt es nicht. Jedes Land macht letztlich, was es will. Es gibt keine Standards und zu wenig Kooperation untereinander. Und Bund und Länder geben zwar 500 Millionen Euro für die Qualitätsoffensive Lehrerbildung aus, aber darin ist kein einziger Cent für die Weiterbildung enthalten.

SPIEGEL ONLINE: Dabei gibt es doch Bundesländer mit einer klar definierten Fortbildungspflicht, etwa Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg. Sind das keine Vorbilder?

Daschner: Wenn das mit einer sorgfältigen Analyse des Bedarfs und mit konkreten Fortbildungsplänen für die einzelnen Schulen gekoppelt ist, dann schon. Aber es gibt eine aktuelle Studie der Pädagogischen Hochschule in Freiburg, die sich über 110.000 Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer angeschaut hat. Da gibt es erhebliche Defizite.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Daschner: Es gibt zwar ermutigende Beispiele, etwa bei Angeboten in der Berufseingangsphase und für Schulleiter. Aber wenn Sie zum Beispiel das Thema Inklusion nehmen, sehen Sie: 42 Prozent der Fortbildungen dazu sind kürzer als sechs Stunden. Wie soll man denn ein so umfassendes Thema in einem halben Tag abhandeln? Oder der Umgang mit Migration - das ist an jeder Schule in Deutschland ein Thema, kommt aber in den Fortbildungsangeboten viel zu selten vor. Für die berufslange Weiterqualifizierung in einem solch wichtigen Bereich ist das ein Armutszeugnis.

SPIEGEL ONLINE: Die geschätzt 130 Millionen Euro, die im Jahr 2014 bundesweit pro Jahr für Lehrerfortbildungen ausgegeben werden, sind also nicht genug?

Daschner: Nein. Die Investitionen ins Personal sind von 2002 bis 2015 um zehn Prozent gesunken, während die Gesamtausgaben für das Schulwesen in dieser Zeit um mehr als ein Drittel nach oben gegangen sind. Lehrerfortbildungen scheinen also für die Verantwortlichen weniger wichtig geworden zu sein. Da müssen wir uns über den geringen Transfer von neuem Wissen in den Unterricht hinein nicht wundern.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn es um guten Unterricht geht, müsste die Politik doch hellhörig werden.

Daschner: Ich nehme bei vielen Bildungspolitikern eher Desinteresse wahr: Die Kultusminister haben sich jedenfalls an einer OECD-Studie zur Lehrerfortbildung gar nicht erst beteiligt. Das war ihnen wohl nicht wichtig genug. Und auch unsere Anfragen zu Umfang, Kosten und Nutzen der Weiterbildung wollten die meisten Länder nicht beantworten. Entweder, weil sie es nicht wussten, weil ihnen die Fragen zu brisant waren, oder weil sie sich keinen Erkenntniswert erhofft haben.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste passieren?

Daschner: Wir müssen darüber diskutieren, was uns die Qualifizierung der 800.000 Lehrkräfte in Deutschland wert ist - und zwar das ganze Berufsleben lang, nicht nur während des Studiums und des Referendariats. Wenn es selbstverständlich geworden ist, dass es in jeder Schule eine gemeinsame Fortbildungsplanung gibt, ein intensiver Austausch der Lehrer untereinander stattfindet und Zeit dafür zur Verfügung steht, dann haben wir den nötigen Kulturwandel geschafft - und dann werden wir viel schneller zu besserem Unterricht kommen, als wenn wir immer nur auf die nächste, angeblich besser ausgebildete Generation warten. Denn bis die dann richtig im Beruf angekommen sind, ist deren Wissen auch schon wieder von gestern.

Video: Lehrermangel in Deutschland

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 107 Beiträge
fatherted98 06.08.2018
1. Wie wäre es...
...wenn zur Abwechslung mal Unterricht gemacht würde....ganz normaler Unterricht....ich meine: lesen, schreiben, rechnen lernen...vielleicht noch etwas Geographie und Geschichte.....aber dazu reicht es anscheinend nicht....dann [...]
...wenn zur Abwechslung mal Unterricht gemacht würde....ganz normaler Unterricht....ich meine: lesen, schreiben, rechnen lernen...vielleicht noch etwas Geographie und Geschichte.....aber dazu reicht es anscheinend nicht....dann doch lieber Fortbildung....Supervision....oder sonstiger Mumpitz. In Frankreich geht man den richtigen Weg....Handys raus aus der Schule....in Deutschland undenkbar...schon die Wegnahme eines Smartphones im Unterricht kann den Lehrer eine Anzeige einbringen.....
Pecaven 06.08.2018
2.
Es zeigt sich einmal mehr, das Beamtentum versagt auf der ganzen Linie. Nicht nur im Wohnungsbau (Buerokratie), Ueberwachung der Vorgaben in der Automobilindustrie (Abgasskandal), Grossbauvorhaben wie BER (Korruption oder [...]
Es zeigt sich einmal mehr, das Beamtentum versagt auf der ganzen Linie. Nicht nur im Wohnungsbau (Buerokratie), Ueberwachung der Vorgaben in der Automobilindustrie (Abgasskandal), Grossbauvorhaben wie BER (Korruption oder Unfaehigkeit), Krankensysteme, usw.,. Wie sollen sie dann im Schulsystem etwas richtig machen?
Roland Bender 06.08.2018
3. Ich halte wenig davon Lehrer weiterzubilden
Mittlerweile haben es die Lehrer geschafft, dass Fortbildungen überwiegend während der Schulzeit angeboten werden. Und das bedeutet noch mehr Unterrichtsausfall. Gott bewahre, daß die Herrschaften in den Ferien arbeiten [...]
Mittlerweile haben es die Lehrer geschafft, dass Fortbildungen überwiegend während der Schulzeit angeboten werden. Und das bedeutet noch mehr Unterrichtsausfall. Gott bewahre, daß die Herrschaften in den Ferien arbeiten müssen.
spontanistin 06.08.2018
4. Das ganze System gehört auf den Prüfstand!
Wenn angeblich in Holland aktuell ein Achtjähriger die Abiturprüfung besteht - offensichtlich mit individueller Betreuung durch Privatlehrer - dann gibt es wohl erhebliche Effizienzverluste im jetzigen System.
Wenn angeblich in Holland aktuell ein Achtjähriger die Abiturprüfung besteht - offensichtlich mit individueller Betreuung durch Privatlehrer - dann gibt es wohl erhebliche Effizienzverluste im jetzigen System.
dasfred 06.08.2018
5. Schön, mal davon gehört zu haben
Aber es braucht zuerst die aktive Teilnahme der Lehrer, die Erkenntnis, dass sie sich immer neuen Herausforderungen anpassen müssen. Nur aus dem Gefühl heraus funktioniert das nicht. Dann muss es auch konkrete Zielvorgaben [...]
Aber es braucht zuerst die aktive Teilnahme der Lehrer, die Erkenntnis, dass sie sich immer neuen Herausforderungen anpassen müssen. Nur aus dem Gefühl heraus funktioniert das nicht. Dann muss es auch konkrete Zielvorgaben geben.

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