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Leben und Lernen

Lehrergeständnis

"Ich gebe nur noch gute Noten"

Ist es gerecht, Schülern die Zukunft zu verbauen, weil Lehrer ihnen schlechte Noten geben? Das hat sich eine Lehrerin gefragt - und entschieden: Bei ihr besteht jeder das Abitur.

Getty Images/Westend61

Lehrerin vor Tafel (Symbolbild)

Donnerstag, 10.01.2019   09:35 Uhr

"Vor zwei Jahren hatte ich einen Schüler in meiner Lerngruppe - nennen wir ihn Tarik - der das Schuljahr wiederholen musste, weil er durchs Abi gefallen war. In einer Übungsstunde vor der letzten Abiturprüfung ahnte Tarik, dass es wieder eng werden würde und war besorgt: 'Wenn ich es jetzt wieder nicht schaffe, werden meine Eltern das nicht verkraften, sie werden mich nicht mehr akzeptieren und rauswerfen. Ich hab Angst, dass ich in ein Loch falle und nicht rauskomme, dass ich kriminell werde...'

Wir redeten damals lange miteinander, und ich erfuhr viel über die familiäre Situation des Schülers. Seine Familie kam vor gut zehn Jahren aus einem Kriegsgebiet nach Deutschland. Tariks Vater ist nach einem Unfall im Heimatland arbeitsunfähig geworden und daher unterstützt Tarik als Ältester von fünf Geschwistern die Familie finanziell.

Er begleitet seine Eltern und Geschwister auch zu Amts- und Arztbesuchen, um sie sprachlich zu unterstützen. In den vergangenen Monaten stand Tarik seiner Mutter bei, weil sie sehr unter dem Tod ihrer Mutter litt.

Im Kulturkreis seiner Familie ist es undenkbar, das Abitur nicht zu schaffen. 'Ich setze mich gerade zu sehr unter Druck und kriege gar nichts mehr hin in den Prüfungen', sagte Tarik. Ich spürte, dass er am Ende seiner Kräfte war.

Lehrergeständnisse

Ein anderer Schüler verfolgte das Gespräch und sagte zu uns: 'Eigentlich sind die Lehrer doch Pädagogen und müssten genau dafür da sein, um aufzufangen, wenn zu Hause etwas schiefläuft, wenn sehr viel Druck da ist.'

Tarik hatte sich trotz aller Herausforderungen im letzten Schuljahr in fast allen Fächern auf Noten zwischen eins und drei verbessert, nur in einem Nebenfach stand er auf mangelhaft und in einem Prüfungsfach auf ausreichend. Damit würde er beim Abi wieder knapp scheitern. Mir wurde klar, wie ungerecht das in diesem Fall wäre.

Das Beurteilen zählt zu den Aufgaben jedes Lehrers. Dazu schreibt die Kultusministerkonferenz (KMK), dass Lehrerinnen und Lehrer 'kompetent, gerecht und verantwortungsbewusst' beurteilen sollen. 'Junge Menschen müssen in der Schule erfahren, dass sie fair und gerecht behandelt und beurteilt werden und sie ihre Bildungschancen voll ausschöpfen können.'

Diesem Satz stimme ich absolut zu, nur: Ist es gerecht, wenn Schülerinnen und Schüler aufgrund meiner Note nicht studieren können oder nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden? Woher weiß ich, wie sich jemand in Zukunft noch entwickelt und wozu er fähig ist? Selbst bei meinen eigenen Kindern kann ich das nicht genau sagen.

Es ist eine Illusion, dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Noten gerecht und verantwortungsbewusst Leistungen widerspiegeln können.

Jeder bekommt eine Studienberechtigung

Der Notendruck macht vielen Schülern Angst, er frustriert und manipuliert sie, behindert häufig das Lernen oder auch, dass sie sich zu verantwortungsbewussten Personen entwickeln können. Dabei soll Schule doch ein Ort dafür sein, sich zu entwickeln. Dennoch muss ich Noten geben. Das ist ein Dilemma, das viele Lehrer und Lehrerinnen, mit denen ich spreche, ähnlich empfinden.

Ich habe das Gefühl, dass ich durch die Notengebung meiner Aufgabe, die Schüler beim Lernen zu unterstützen, nicht mehr genug nachkomme. Als mir das klar wurde, beschloss ich, meine Notengebung umzustellen. Seitdem gibt es in meinem Unterricht nur noch gute Noten: Jeder bekommt eine Studienberechtigung. Gleichzeitig mache ich meinen Lerngruppen die hohen Anforderungen eines Studiums bewusst und berate jeden persönlich.

Da die Noten als Druckmittel wegfallen, ist keine Schülerin und kein Schüler mehr dazu gezwungen, sich mit bestimmten Unterrichtsinhalten auseinanderzusetzen oder sich an etwas anzupassen. Ich muss nun also andere Wege finden, wenn ich möchte, dass sich die Schüler mit einem Thema beschäftigen. Das ist manchmal anstrengend. Aber vor allem macht es ganz viel Freude.

Ich kann mich nun endlich darauf konzentrieren, sinnstiftende Fachinhalte interessant zu vermitteln, weil ich nicht mehr darüber nachdenken muss, ob genug fair überprüfbarer Lernstoff darunter ist.

Die Schüler und Schülerinnen motiviert es, wenn sie ihr Lernen nun noch mehr selbst steuern und verantworten können. Und wenn man ihnen richtig viel zutraut. Dann entsteht mehr Raum für Teamgeist, Ehrlichkeit, Verantwortungsgefühl und Motivation - Grundlagen für nachhaltiges Lernen. Es fühlt sich richtig an, wenn sich alle im Klassenraum gerade aus Überzeugung und nicht aus Angst vor Konsequenzen ruhig verhalten.

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Zurück zu Tarik: Auf meine wiederholte Fürsprache hin entschied sich ein Kollege, ihm doch eine bessere Noten zu geben, und so durfte ich ihm wenig später zu seiner bestandenen Hochschulreife gratulieren. Ich versuche jederzeit, meine Aufgaben als Lehrer nach bestem Können, Wissen und Gewissen gerecht zu erfüllen."

Die Autorin ist Lehrerin an einer Schule in Nordrhein-Westfalen.

insgesamt 315 Beiträge
grotefend 10.01.2019
1. Fragwürdige Kollegin
Naja zunächst einmal muss festgestellt werde, dass Lehrer keine Dienstleister sind, zu denen man kommen kann und am Ende garantiert einen Schulabschluss erhält. Leistung müssen die Schüler selbst bringen. Der Lehrer muss [...]
Naja zunächst einmal muss festgestellt werde, dass Lehrer keine Dienstleister sind, zu denen man kommen kann und am Ende garantiert einen Schulabschluss erhält. Leistung müssen die Schüler selbst bringen. Der Lehrer muss allerdings genug Lernangebote zu verfügung stellen, damit Schüler - bei entsprechender intellektueller Voraussetzung - den Stoff erlernen und vielmehr auch anwenden kann. Das Feedback und der Zugang zu gewissen Bildungsmöglichkeiten wird nun über Noten geregelt. Der Notendruck entsteht allerdings nicht und er Schule, sondern er ist das Produkt einer Gesellschaft, in der - teils politisch forciert - ein Mensch ohne Abitur zu Menschen zweiter Klasse gemacht wird. Hier muss die Gesellschaft umdenken. In einer Zeit, in akuter Fachkräftemangel herrscht, sollte beispielsweise das Handwerk wieder als ehrenhaft erscheinen. Dann erledigt sich das mit dem Notendruck von ganz allein.
max.meier.089 10.01.2019
2. Gerechtigkeit???
Das Wort "gerecht" kommt in diesem Artikel sehr oft vor - aber wie gerecht kann es sein, wenn eine einzige Lehrerin - auf eigene Faust und vermutlich gesetzeswidrig - entscheidet "keine schlechten Noten mehr zu [...]
Das Wort "gerecht" kommt in diesem Artikel sehr oft vor - aber wie gerecht kann es sein, wenn eine einzige Lehrerin - auf eigene Faust und vermutlich gesetzeswidrig - entscheidet "keine schlechten Noten mehr zu geben"? Man kann natürlich in begründeten Einzelfällen Milde walten lassen, aber als grundsätzliches Vorgehen ist das eine krasse Benachteiligung aller anderen Schüler, die keine so nette Lehrerin haben. Davon abgesehen sollte man sich in NRW auch eher mehr Gedanken über schulische *Leistung* machen als über Noten.
consectetur 10.01.2019
3.
"Seitdem gibt es in meinem Unterricht nur noch gute Noten: Jeder bekommt eine Studienberechtigung" Das ist einfach nur verantwortungslos. Und dann wundern sich alle, warum die Studienanfänger völlig unterqualifiziert [...]
"Seitdem gibt es in meinem Unterricht nur noch gute Noten: Jeder bekommt eine Studienberechtigung" Das ist einfach nur verantwortungslos. Und dann wundern sich alle, warum die Studienanfänger völlig unterqualifiziert sind. Weil Lehrer/innen wie sie hier genannte aus weichherzigen Gründen ihren Job nicht machen.
curiosus_ 10.01.2019
4. Ist doch schön, wenn...
...jeder sich die Welt so machen darf wie es ihm (oder ihr) in den Sinn kommt. Und sich damit bei Bedarf über demokratisch zustande gekommene Regeln (also in der Gemeinschaft abgestimmte Regeln) meint hinwegsetzen zu dürfen. [...]
...jeder sich die Welt so machen darf wie es ihm (oder ihr) in den Sinn kommt. Und sich damit bei Bedarf über demokratisch zustande gekommene Regeln (also in der Gemeinschaft abgestimmte Regeln) meint hinwegsetzen zu dürfen. Dummerweise funktioniert eine Gemeinschaft irgendwann nicht mehr, wenn jeder nach dem Motto "America first", also nach dem was er/sie für richtig hält, handelt. Da sollte doch mal über den kategorischen Imperativ und seine Auswirkungen nachgedacht werden. Bei der Dame sollte das Disziplinarrecht (falls verbeamtet) zum Einsatz kommen oder eine Abmahnung erfolgen.
phillyst 10.01.2019
5. Ist das Satire?
Bei allem Verständnis für den Gedankengang - ja, es ist "fies" einem jungen Menschen so die Zukunft zu verbauen - frage ich mich schon, ob das Satire sein soll. Gut gemeint ist schliesslich nicht gut gemacht. Es gibt [...]
Bei allem Verständnis für den Gedankengang - ja, es ist "fies" einem jungen Menschen so die Zukunft zu verbauen - frage ich mich schon, ob das Satire sein soll. Gut gemeint ist schliesslich nicht gut gemacht. Es gibt zahlreiche Karrieremöglichkeiten abseits vom Studium, auch ohne Abitur kann man später immer noch studieren, auch berufsbegleitend - ein gescheiterter Abiturient rutscht nicht automatisch ins kriminelle Millieu ab. Das Schulsystem so wie es ist ist sicher nicht optimal, in einigen Belangen weit weg davon. Durch solche Alleingänge wird es aber letztendlich komplett sinnfrei, wenn man Schüler quasi die Studienmöglichkeit unabhängig von ihrer Eignung "schenkt" nimmt man ihnen auch die Chance, einen geeigneten Beruf zu ergreifen und lässt sie u.U. Jahre an der Uni in Überforderung verschwenden - damit erweist man Ihnen imho einen Bärendienst.
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