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Leben und Lernen

Ganz harte Schule

Lern­ent­wicklungs­gespräche sind Mumpitz

Kinder, die Selbstverpflichtungen unterschreiben müssen - und Lehrerinnen, die kritisches Feedback einfach abbügeln: Der Elternsprechtag heißt jetzt Lernentwicklungsgespräch, ist aber genauso sinnlos wie zuvor.

Getty Images

Vater und Sohn beim Elterngespräch (Archivbild)

Eine Kolumne von
Donnerstag, 07.02.2019   12:20 Uhr

Wenn das Schulhalbjahr sich dem Ende entgegen neigt, dann ist es mal wieder so weit. Die Schule fällt aus. Es ist Elternsprechtag. Ich erinnere mich, dass es den bei uns auch schon gab. Wenn meine Mutter hinging, musste ich eine gefühlte Ewigkeit auf der Bank in der Garderobe warten.

In der Schule meiner Tochter läuft das heute anders. Ab der 2. Klasse sind die Kinder beim Gespräch mit dabei. Und sie dürfen - wenigstens pro forma - sogar mitreden! Wahrscheinlich gibt es deswegen für den Elternsprechtag jetzt auch ein viel schöneres Wort, nämlich Lernentwicklungsgespräch, kurz LEG. Dass in der Regel in Hamburg alle Eltern die LEGs besuchen, liegt aber nicht an der wichtig klingenden Wortkreation, sondern daran, dass sie mittlerweile verpflichtend sind.

Ob sie aber viel bringen, sei dahingestellt. Eltern und Kinder werden im 15-Minutentakt an der Lehrkraft vorbeigeschleust. In unserem ersten LEG mit unserer Tochter Olivia reichte das genau dafür, dass die Lehrerin eine kurze Anekdote über ihren Hund erzählen konnte und dass Olivia gefragt wurde, was sie in der Schule noch besser machen könnte.

Olivia gab - wenigstens inhaltlich - die von ihr erwartete Antwort, nämlich: "Ich muss schneller zu Potte kommen." Die Lehrerin schrieb auf einen Zettel: "Ich versuche, schneller zu arbeiten und mich besser zu konzentrieren", und ließ es sich von Olivia unterschreiben - in der irren Hoffnung, dass Olivia durch diese Selbstverpflichtung motivierter sein würde.

Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene

Ich nutzte die Zeit, um ein paar komplett leere Arbeitshefte aus der Tasche zu ziehen und zu fragen, ob ihr bekannt sei, dass Olivia in der Stillarbeitszeit nicht etwa langsam, sondern im Prinzip gar nicht arbeitete. Es war nicht bekannt. Die Kinder sollten ja lernen, selbstständig zu arbeiten.

Ich äußerte den innigen Wunsch, meiner Tochter doch bitte beizubringen, wenigstens die Arbeitsblätter mitzubringen. Es klingt wirklich super, wenn es heißt, dass die Kinder ihre Lernziele selbst stecken und eigenverantwortlich verschiedene Stationen abarbeiten und so. Aber was ist mit den Kindern, die damit überfordert sind - die lernen dann einfach nichts?

Gerne hätte ich darüber mit der Lehrerin diskutiert und ich hatte auch noch viel zu erzählen, von morgendlichen Tränen oder infernalischen Wutanfällen bei den Hausaufgaben, aber unsere Zeit war um. Im Hinausgehen konnte ich immerhin noch um ein richtiges Gespräch bitten.

Hoffentlich gibt es irgendwann auch "Lehrentwicklungsgespräche"

Im darauffolgenden Jahr wurden die Kinder schon im Vorfeld dazu aufgefordert, ihre Stärken, ihre Schwächen und ihre guten Vorsätze zu notieren.

Ich war schon froh, dass meine Tochter überhaupt etwas aufs Blatt geschrieben hatte. Unter "Das kann ich schon gut" hatte sie in einer Art Lautschrift gekrakelt: "Mama einen Latte Macchiato machen". Durch den Lacher war das Lernentwicklungsgespräch für mich immerhin nicht völlig für die Katz. Den fruchtlosen Konflikt über die - aus meiner Sicht - demotivierende und undifferenzierte Art zu unterrichten führte ich mit der Lehrerin aber lieber weiter allein.

Zur Person

Olivias Freund Juri allerdings brachte das Thema im LEG von sich aus auf den Tisch. Er hatte seine Selbsteinschätzung um die Kategorie "Das kann meine Lehrerin noch besser machen" erweitert. Dort hatte er notiert: "Den Unterricht interessanter machen und dass nicht immer alle nur am Tisch sitzen müssen."

Mit den Worten "Tja, das geht ja leider im Deutschunterricht nicht" war aus Sicht der Klassenlehrerin die Sache abschließend geklärt. Sie musste - anders als die Kinder - weder Einsicht zeigen noch eine Vereinbarung unterschreiben.

Ich kann nur hoffen, dass es irgendwann auch "Lehrentwicklungsgespräche" gibt, in denen dann auf Augenhöhe miteinander gesprochen wird. Vielleicht wird dann die Zeit des Unterrichts in Form von 24 gleichen Arbeitsblättern, die still von 24 an den Tischen sitzenden, ganz unterschiedlichen Kindern bearbeitet werden, ein Ende haben.

Bis dahin freue ich mich über die LEGs. Denn sie sind für mich ein Tag, an dem ich meine Tochter nicht an den Ort schicken muss, an den sie nicht gehen mag.

Dafür nehme ich mir eigentlich ganz gerne frei.

insgesamt 120 Beiträge
bkrak 07.02.2019
1. Finde ich nicht.
Die Lehrerin unserer Kleinen hat das bisher ganz toll gemacht. Immer diese Nörgelei.
Die Lehrerin unserer Kleinen hat das bisher ganz toll gemacht. Immer diese Nörgelei.
strixaluco 07.02.2019
2. Kommt sehr auf den Lehrer an
Wir hatten schon diverse Entwicklungsgespräche für unsere Kinder und fanden die grundsätzlich sinnvoll. Es ist immer gut zu wissen, wie Kinder sich bei anderen verhalten, das ist nämlich nicht immer genauso wie zu Hause. Wie [...]
Wir hatten schon diverse Entwicklungsgespräche für unsere Kinder und fanden die grundsätzlich sinnvoll. Es ist immer gut zu wissen, wie Kinder sich bei anderen verhalten, das ist nämlich nicht immer genauso wie zu Hause. Wie viel das Ganze bringt, hängt aber sehr davon ab, wie ehrlich und aufmerksam Lehrennde und Erziehende sind und wie sehr Eltern bereit sind, das anzunehmen. Wenn man eine ehrlich Meinung möchte und ernst nimmt, hilft es. Und oft stellt man dabei fest, dass man für die Kinder genau die gleichen Aufgaben sieht wie Lehrende. Es ist dann wunderbar, wenn das Kind von mehreren Seiten das Gleiche hört, das hilft. Zu wenig Zeit fürs Gespräch ist der Sache natürlich eher abträglich.
phillyst 07.02.2019
3.
Scheint ein Hamburger Problem zu sein. Ich war jetzt beim dritten LEG und diese werden durchgehend von den Kindern positiv aufgenommen. Die Lehrkräfte verteilen das über mehrere Wochen und nehmen sich eine Schulstunde lang Zeit, [...]
Scheint ein Hamburger Problem zu sein. Ich war jetzt beim dritten LEG und diese werden durchgehend von den Kindern positiv aufgenommen. Die Lehrkräfte verteilen das über mehrere Wochen und nehmen sich eine Schulstunde lang Zeit, die Selbsteinschätzung des Kindes zu erfragen, darüber zu sprechen, bei Abweichungen der Fremd- und Selbstwahrnehmung diese empathisch zu korrigieren bzw. zu hinterfragen wie es dazu kommt und gleichzeitig die Wünsche des Kindes zu erfragen, was es denn selbst anders machen möchte und daraus eine "Selbstverpflichtung" als kleinen Vertrag zu formulieren. Den Kindern tut diese individuelle Zuwendung und das Interesse sichtlich gut, sie sind stolz auf ihren kleinen "Vertrag" und nehmen das durchaus ernst. Mir scheint, das Prozedere steht und fällt mit der Ausgestaltung durch die Lehrkraft.
LariFariMogelzahn 07.02.2019
4. Lehrer- und Elternproblem, kein Problem des LEG
Ich weiß nicht wo Frau Müller ihre Kinder in die Schule schickt, bei uns in Bayern lief das LEG jedenfalls produktiv. Zuerst haben das Kind eine Selbsteinschätzung in einem Fragebogen gegeben und der wurde dann zwischen [...]
Ich weiß nicht wo Frau Müller ihre Kinder in die Schule schickt, bei uns in Bayern lief das LEG jedenfalls produktiv. Zuerst haben das Kind eine Selbsteinschätzung in einem Fragebogen gegeben und der wurde dann zwischen Lehrerin und Kind mit der Einschätzung der Lehrerin abgeglichen. Derjenige, der an vergleichsweise "nutzlos" am Tisch saß war ich. Das LEG gibt es bei uns übrigens schon in der 1. Klasse. Was mich auch wundert ist, dass es offenbar keine Aufgabenkontrolle der Lehrerin gab (oder es der Lehrerin wurscht ist) und Frau Müller erst bis zum LEG wartet um mit der Lehrerin über die fehlende Eigenmotivation von Olivia zu reden (obwohl sie ja von den leeren Arbeitsheften wusste). Sachen wie fehlende Hausaufgaben regeln wir auch unter dem Schuljahr ohne LEG. So wie ich den Artikel verstehe sehe ich das Problem eher bei Lehrer und Eltern, weniger beim LEG an sich.
dasfred 07.02.2019
5. Hab ich was verpasst?
Gibt es tatsächlich heute Kinder, die eine Erklärung unterschreiben und dann freiwillig mehr tun, als unbedingt nötig? Ich erinnere mich an Zeiten, da hing es vom Lehrer ab, ob die Kinder begeistert zur Schule gingen oder [...]
Gibt es tatsächlich heute Kinder, die eine Erklärung unterschreiben und dann freiwillig mehr tun, als unbedingt nötig? Ich erinnere mich an Zeiten, da hing es vom Lehrer ab, ob die Kinder begeistert zur Schule gingen oder morgens schon mit Bauchschmerzen aufwachen. Da hätte man mit keiner Unterschrift etwas bewirken können. Außerdem kann jedes Kind mindestens fünf Dinge aufzählen, die gerade wichtiger sind, als Hausaufgaben. Der Unterricht muss so attraktiv gestaltet sein, dass sich die Kinder über Erfolgserlebnisse selbst motivieren. Diese Verpflichtungserklärungen wirken nicht mal bei Erwachsenen.

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