Schrift:
Ansicht Home:
Leben und Lernen

Anonymes Geständnis

Eine Lehrerin gibt nur gute Noten. Darf sie das?

Eine Lehrerin gibt zu, dass ihre Schüler nur noch gute Noten bekommen - und bringt damit viele Leser gegen sich auf. Auch eine Anwältin warnt: Wer so handelt, verstößt gegen geltendes Recht.

Getty Images

Lehrerin im Klassenzimmer (Symbolbild)

Von
Freitag, 11.01.2019   17:59 Uhr

Weil sie ihre Schüler nicht mehr mit schlechten Noten ausbremsen und frustrieren wollte, fasste eine Lehrerin einen Entschluss: Sie entschied, fortan nur noch gute Noten zu verteilen und möglichst vielen ihrer Schüler so zum Abitur zu verhelfen. Schließlich wisse ja niemand, wozu sie in Zukunft noch fähig seien.

Mehr als 300.000 Menschen lasen den Text, den besagte Lehrerin für SPIEGEL ONLINE verfasste. Daraufhin begann eine kontroverse Debatte, ob die Lehrerin empathisch oder verwerflich gehandelt habe - und ob ihr Handeln überhaupt rechtens ist.

Viele Leserinnen und Leser kritisierten zum Beispiel, dass die Lehrerin das Scheitern ihres Schülers Tarik nur verschiebe, wenn sie ihm zu viele Steine aus dem Weg räume - und dass sich an den Unis schon genug schlecht vorbereitete Abiturienten einschrieben:

"Man sollte die Lehrerin abmahnen und ihre Entlassung androhen. Wir haben auch so schon massenhaft Abiturienten, die mit dem 1x1 oder einem einfachen Dreisatz hoffnungslos überfordert sind. Konfliktscheue Lehrer sind der Grund."
"Ich erlebe solche jungen Menschen mit 'Gnadenabitur' an der Uni, die Jahre ihres Lebens verschwenden, weil sie den Anforderungen eines Studiums eben nicht gewachsen sind und dann in ihren Augen als Versager wieder gehen müssen. Es mag sein, dass Schüler wie dieser Tarik sich noch entwickeln, aber dabei kann auch ein Ausbildungsberuf helfen."
"Wie gerecht ist das Verhalten dieser Lehrerin gegenüber anderen Schülern, die von sich aus“ die Leistung bringen, ohne dass Lehrer nachhelfen“? Wird ein Scheitern hier nicht nur auf später verschoben? Auf ein Studium, im Beruf?"
"Wenn die Schule aufs Leben vorbereiten soll, gehört auch Scheitern und Aufzeigen von Grenzen hinzu. Dieser Tarik wird nie etwas reißen, weil er wegen persönlicher Erfolglosigkeit kein Selbstbewusstsein aufbaut."

Andere Leserinnen und Leser konnten dem Ansatz der Lehrerin durchaus etwas abgewinnen:

"Ich finde, dass diese Lehrerin als eine der Wenigen ihren Beruf unter pädagogischem Aspekt richtig versteht und ausfüllt. Es ist ja nicht so, dass sie grundsätzlich einfach nur gute Noten verschenkt und damit gut. Sie scheint sich mehr als jeder andere mir bekannte Lehrer mit dem Individuum im Einzelnen als auch der Gruppe im Gesamten auseinanderzusetzen."
"Viele Schüler, ob Deutsche oder Immigranten, benötigen Unterstützung und Mitgefühl. Darum geht es als Lehrkraft. Jeder soll eine Chance bekommen, egal, welchen Hintergrund er hat."
"Angesichts der Tatsache, dass heute viele Eltern dazu neigen, wegen jeder Kleinigkeit mit dem Anwalt auf der Matte zu stehen und betroffene Lehrer meist auch keinerlei Rückendeckung von der Schulleitung oder dem Schulamt erwarten können, kann ich dieses Verhalten gut nachvollziehen."

Bei alledem stellt sich jedoch auch die Frage: Darf die Lehrerin überhaupt allen Schülern "gute Noten" geben? Und wer kontrolliert sie?

Nannette Meyer-Sand ist Anwältin und Expertin für Schulrecht in Hamburg und verneint. "Die Lehrerin verstößt gegen geltendes Recht", sagt Meyer-Sand. So geben die Schulgesetze und Prüfungsverordnungen der Länder vor, dass Noten nicht für beliebige Leistungen verteilt werden dürfen.

Zum Beispiel in den Schulgesetzen von Bayern und Nordrhein-Westfalen heißt es: Die Note 'gut' soll erteilt werden, wenn die Leistung den Anforderungen voll entspricht. Daran seien sowohl angestellte als auch verbeamtete Lehrer gebunden, sagt Juristin Meyer-Sand.

In Lehrplänen und Fachkonferenzen wird zudem oft festgehalten, welche Kompetenzen Schüler in den jeweiligen Fächern erreichen und nach welchen Grundsätzen Lehrer ihre erbrachten Leistungen beurteilen sollen. Trotzdem: Jeder Lehrkraft bleibt ein pädagogischer Ermessensspielraum - und viel Freiheit bei der Notenvergabe.

Lehrergeständnisse

Juristin Meyer-Sand hält es dennoch für unrealistisch, dass die Lehrerin mit ihrem Ansatz durchkommt. Schließlich gebe es an Sekundarschulen in der Regel zweimal im Jahr eine Zeugniskonferenz, in der alle Lehrer, die in einer Klasse unterrichten, ihre Noten für jeden einzelnen Schüler verglichen. "Da werden Kollegen ja stutzig", glaubt Meyer-Sand.

Zudem hänge es nicht von einer einzelnen Lehrkraft ab, ob ein Schüler sein Abitur schaffe oder nicht. Die Abschlussnote errechnet sich aus mehreren Fächern - und schriftliche Prüfungsarbeiten werden in jedem Bundesland von mindestens zwei Fachlehrern korrigiert und bewertet.

Nichtsdestotrotz zeigt die Resonanz auf das aktuelle Lehrergeständnis, dass die Autorin offenbar einen gesellschaftlichen Nerv getroffen hat. Denn inwieweit Noten je gerecht sein können, ist ein seit Langem heiß debattiertes Thema.

So gab ein Freiburger Jurastudent im vergangenen Jahr seine Hausarbeit zweimal ab - und bekam darauf zwei sehr unterschiedliche Noten. Um immerhin die Abiturnoten gerechter zu machen, haben die Bundesländer versucht, die Anforderungen zu vereinheitlichen. Warum das bisher kaum hilft, das Abitur vergleichbarer zu gestalten, lesen Sie in dieser Analyse.

insgesamt 94 Beiträge
dasfred 11.01.2019
1. Statt guter Noten für nix
Es gibt die Möglichkeit, Schüler intensiver zu fördern, wenn man ihnen helfen will. Dann ergeben sich gute Noten von selbst. Damit haben viele Lehrer schon beste Erfahrungen gemacht.
Es gibt die Möglichkeit, Schüler intensiver zu fördern, wenn man ihnen helfen will. Dann ergeben sich gute Noten von selbst. Damit haben viele Lehrer schon beste Erfahrungen gemacht.
mantrid 11.01.2019
2. Nicht so ganz unrichtig
Gerade in jungen Jahren können Entwicklungen in heftigen Sprüngen verlaufen. Von daher ist die Erkenntnis der Lehrerin, dass Zensuren die künftigen Karrieremöglichkeiten nicht beeinflussen sollten, durchaus richtig. Und mit [...]
Gerade in jungen Jahren können Entwicklungen in heftigen Sprüngen verlaufen. Von daher ist die Erkenntnis der Lehrerin, dass Zensuren die künftigen Karrieremöglichkeiten nicht beeinflussen sollten, durchaus richtig. Und mit einem Einser-Abi, dass im Wesentlichen auf Religion, Philosophie, Kunst, Geschichte und Sport usw. beruht, mag man den Numerus-Clausus für das Medizin-Studium schaffen, aber jemand der in diesen Fächern flächendeckend versagt hat, dafür aber in Chemie, Biologie usw. geglänzt hat, die Erstere gleich abgewählt hat, den würde ich da für wesentlich besser qualifiziert halten.
ford_mustang 11.01.2019
3. Forist 1 bringt es auf den Punkt!
Fördern statt durchwinken und damit das Problem abschieben, in die nächste Instanz.
Fördern statt durchwinken und damit das Problem abschieben, in die nächste Instanz.
Fuxx81 11.01.2019
4. Gute Noten helfen nicht
Ich hatte auch solche Lehrer, wo man ohne was zu tun immer noch ne 3 bekommen hat. Gelernt habe ich bei denen allerdings nichts. Und wenn der Lehrer in dem Fach mal gewechselt hat, geriet ich mitunter ins Schwimmen. Lieber waren [...]
Ich hatte auch solche Lehrer, wo man ohne was zu tun immer noch ne 3 bekommen hat. Gelernt habe ich bei denen allerdings nichts. Und wenn der Lehrer in dem Fach mal gewechselt hat, geriet ich mitunter ins Schwimmen. Lieber waren mir die Lehrer der Marke "hart aber gerecht". Da wusste ich: wenn ich bei dem auf 2 stehe, dann hab ichs auch drauf. Es ist für die spätere Berufswahl durchaus wichtig, auch mal eine realistische Einschätzung der eigenen Stärken und Schwächen zu erhalten.
Bell412 11.01.2019
5. Sie steht einfach gut da.
Vor ihrem Schulleiter, vor den Eltern. Stressfrei. Und verlagert das Problem an Arbeitgeber und Unis. Die Deppen werden dann halt im Grund- und Vorstudium ausgesiebt. Wen kümmerts, dass die Jahre verlieren.
Vor ihrem Schulleiter, vor den Eltern. Stressfrei. Und verlagert das Problem an Arbeitgeber und Unis. Die Deppen werden dann halt im Grund- und Vorstudium ausgesiebt. Wen kümmerts, dass die Jahre verlieren.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP