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Leben und Lernen

Österreich

Schüler spielen "Die Welle" nach - Staatsanwaltschaft ermittelt

In Österreich haben sich Schüler als Juden und SS-Männer ausgegeben, nachdem sie das Buch "Die Welle" behandelt hatten. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen propagandistischer Verherrlichung von NS-Symbolen.

DPA/Constantin Filmverleih

Ausschnitt aus dem Kinofilm "Die Welle"

Mittwoch, 08.08.2018   13:57 Uhr

Die Lehrerin einer Klasse in der Neuen Mittelschule Zurndorf im österreichischen Burgenland hatte im März im Deutschunterricht "Die Welle" besprochen. Das Buch basiert auf einem wahren Experiment an einer High School in den USA. Im Jahr 1967 hatte dort der Geschichtslehrer Ron Jones versucht, seinen Schülern zu zeigen, wie leicht es ist, sich von den Ideen der Nationalsozialisten beeinflussen zu lassen - bis das Experiment aus dem Ruder lief.

Die Schüler in Zurndorf haben sich, nachdem sie das Buch gelesen hatten, auch den gleichnamigen Film angeschaut, und die Lehrerin ging davon aus, dass sie das Thema verstanden hatten. Doch einige Schüler begannen damit, Szenen des Films in den Pausen nachzuspielen, wie die österreichische Nachrichtenseite Kurier.at berichtet.

Demnach übernahmen einige Schüler die Rolle von SS-Männern und andere die Rolle der Juden. Die "Juden" wurden laut dem Bericht als "Drecksjuden" beschimpft, umhergeschubst und in einem Lagerraum für Turngeräte "eingesperrt". Offenbar soll sich zudem ein Schüler als "Führer" etabliert, einen eigenen Gruß ausgedacht und diesen auch von seinen Mitschülern eingefordert haben.

Die Schüler spielten ihre Rollen über mehrere Tage in den Pausen. Lehrer sind dabei offenbar zunächst nicht eingeschritten. Erst als sich die Schüler immer lauter anbrüllten, griff eine Lehrerin ein, und die stellvertretende Direktorin alarmierte die Polizei.

Dies rief das Landesamt für Verfassungsschutz auf den Plan. Die Verfassungsschützer untersuchten den Fall und schrieben einen Bericht an die zuständige Staatsanwaltschaft in Eisenstadt. Darin heißt es, niemand sei verletzt oder eingesperrt worden. Der Fall sei aufgeklärt.

Dennoch ermittelt nun die Staatsanwaltschaft gegen die strafmündigen Schüler, die sich an dem Rollenspiel beteiligt hatten, wie Staatsanwalt Johann Fuchs dem SPIEGEL bestätigte. "Es besteht der Verdacht der Wiederbetätigung, also der propagandistischen Verherrlichung von Symbolen des NS-Regimes." Das Verfahren ist noch nicht eingestellt.

kha

insgesamt 48 Beiträge
Marvel Master 08.08.2018
1.
Das ist schon echt faszinierend. Erst nachdem man den Schülern dieses Wissen beigebracht hat, haben sie sich in ihre Rolle begeben. Als ich diesen Satz gelesen habe "Offenbar soll sich zudem ein Schüler als [...]
Das ist schon echt faszinierend. Erst nachdem man den Schülern dieses Wissen beigebracht hat, haben sie sich in ihre Rolle begeben. Als ich diesen Satz gelesen habe "Offenbar soll sich zudem ein Schüler als "Führer" etabliert, einen eigenen Gruß ausgedacht und diesen auch von seinen Mitschülern eingefordert haben. " war mir wieder klar, dass die Menschheit einfach so ist. Es gibt Anführer und es gibt Gefolgsleute. Das wird auch immer so bleiben. Und an Macht und Ruhm erfreuen sich einfach einige und der Rest macht mit. Ich habe mich in den letzten 20 Jahren gefragt, was wohl wäre, wenn man einfach alle Erinnerungen bei den MEnschen aus der Vergangenheit löscht. Sprich, niemand hat mehr Kenntnis von Kriegen, Vernichtung, usw. Dann müssten die Menschen erst einmal friedlich zusammenleben. Keiner würde das Christentum, den Islam oder die Juden ablehnen. Es gäbe ja keinen Grund. Vielleicht sind die Schulen und die Menschen, die einen immer wieder an die Vergangenheit erinnern mitverantwortlich dafür, dass dieser ganze Hass auf andere Gruppen niemals aufhört. Es gibt immer Menschen, so wie diese Schüler, die die Vergangenheit dann kopieren, weil sie diese toll finden. Ich bin sogar der festen Überzeugung, dass die Schüler aus diesem Artikel im Geheimen jetzt weiter mit ihrer Rolle sympathisieren und diese auch gar nicht mehr ablegen wollen, weil sie sich darin wohl fühlen.
m.m.s. 08.08.2018
2. Schulaufführung
Bei unserer Schule war das eine Schulaufführung, und das Publikum wurde beim Eintreffen bereits von Aufsehern zurechtgewiesen. Gerade diese beklemmende Atmosphäre ist der Kern dieses Stückes. Kann mir aber vorstellen, dass das [...]
Bei unserer Schule war das eine Schulaufführung, und das Publikum wurde beim Eintreffen bereits von Aufsehern zurechtgewiesen. Gerade diese beklemmende Atmosphäre ist der Kern dieses Stückes. Kann mir aber vorstellen, dass das im Pausenhof aus dem Ruder laufen könnte. Pädagogisch wichtig ist, dass der Rektor und die Lehrer die Erfahrungen der Schüler in einer großen Schulversammlung besprechen. Sonst ist diese Art des Schauspieles ohne den Effekt der Erkenntnis wenn man danach darüber spricht. Kann mir aber vorstellen, dass verwaltungsmäßig bevormundete Staatsschullehrer das sehr schwierig finden.
lomax3030 08.08.2018
3.
Was nützen die besten Bücher, wenn der Leser den Sinn nicht versteht...
Was nützen die besten Bücher, wenn der Leser den Sinn nicht versteht...
qoderrat 08.08.2018
4.
Aus dem Artikel geht jedoch hervor, dass ja am Anfang der Pausenspiele nicht einmal von den Lehrern eingegriffen wurde, erst als die Situation eskalierte wurde man aktiv. Da fragt man sich schon, warum der Lehrer nicht erkannt [...]
Zitat von lomax3030Was nützen die besten Bücher, wenn der Leser den Sinn nicht versteht...
Aus dem Artikel geht jedoch hervor, dass ja am Anfang der Pausenspiele nicht einmal von den Lehrern eingegriffen wurde, erst als die Situation eskalierte wurde man aktiv. Da fragt man sich schon, warum der Lehrer nicht erkannt hat, dass hier noch weiterer Diskussionsbedarf vorhanden ist, auch da sich der Inhalt gerade um die Problematik dreht, wie sehr so ein Experiment verselbständigen kann? Die pauschale Schuldzuweisung zu blöd zu verstehen halte ich bei der Betrachtung nicht für ausreichend.
dasfred 08.08.2018
5. Wann sind solche Experimente mal nicht aus dem Ruder gelaufen
Da wird jahrelang überlegt, wie man in der Schule Mobbing verhindert und dann muss eine Lehrerin mit den Kindern Nazi und Jude spielen. Wo soll der Lerneffekt liegen. Das sich die "Juden" in der Klasse verdammt schlecht [...]
Da wird jahrelang überlegt, wie man in der Schule Mobbing verhindert und dann muss eine Lehrerin mit den Kindern Nazi und Jude spielen. Wo soll der Lerneffekt liegen. Das sich die "Juden" in der Klasse verdammt schlecht fühlen und die "Nazis" voll den Spaß haben, eine Macht zu missbrauchen, die die Schule nicht sofort unterbindet? Kindern Ethik und Empathie zu vermitteln funktioniert so auf keinen Fall. Gieb jemand Macht, ohne die Verantwortung tragen zu müssen und du bekommst deinen Krieg.

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