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Leben und Lernen

Bildung

Zahl der Privatschulen steigt weiter

Der Trend hält an: Jahr für Jahr steigen die Schülerzahlen an Privatschulen. Bildungsforscher suchen noch nach Erklärungen für den Boom.

Getty Images

Schüler (Symbolbild)

Von
Dienstag, 08.01.2019   14:34 Uhr

Der Anstieg seit den Neunzigerjahren ist gewaltig: Die Zahl der Privatschulen in Deutschland ist von 1992 bis 2017 um 81 Prozent gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit.

Demnach besucht mittlerweile jeder elfte Schüler eine Privatschule. Vor 25 Jahren waren es noch 4,8 Prozent. Der Anteil der Privatschulen an den allgemeinbildenden Schulen hat sich in der Zeit von 4,5 Prozent auf 11 Prozent erhöht.

In den vergangenen Jahren hat sich das Wachstum allerdings etwas verlangsamt. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Zahlen nur noch um 0,1 Prozentpunkte beim Schüleranteil und 0,2 Prozentpunkte beim Anteil der Schulen.

In den einzelnen Bundesländern gab es deutliche Unterschiede bei den Anteilen der Privatschüler. Die Spanne reichte demnach von 4,3 Prozent in Schleswig-Holstein bis zu 14,4 Prozent in Sachsen.

Erwartungen der Eltern

Bildungsforscher suchen noch immer nach den Ursachen für den Anstieg. Eltern verbänden bestimmte Erwartungen mit Privatschulen, sagt Christa Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). Ob diese auch erfüllt würden, dazu gebe es bisher keine langfristigen repräsentativen Studien.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte zuletzt eine Studie in Auftrag gegeben, die die kognitiven Leistungen von Schülern an Privatschulen und öffentlichen Schulen verglichen hat. Dabei kam heraus, dass Schüler mit einem vergleichbaren sozialen Hintergrund ähnlich gute Ergebnisse erzielen. Privatschulen sind also nicht per se besser als öffentliche.

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Allerdings erbringen Schüler auf Privatschulen insgesamt betrachtet bessere Leistungen. Das liegt an der Zusammensetzung der Schülerschaft: Der Anteil von Kindern aus bildungsnahen Familien ist an Privatschulen höher als an öffentlichen Schulen - und diese Gruppen sind generell leistungsstärker.

Offen bleibe damit Spieß zufolge, ob die Schüler langfristig nicht andere Vorteile oder auch Nachteile hätten, wie zum Beispiel beim Berufseinstieg oder bei der Lohnentwicklung. Hier fehle es noch an entsprechender Forschung.

Klar ist hingegen, dass Privatschulen das Problem der sozialen Spaltung verschärfen. DIW-Wissenschaftlerin Spieß hat gemeinsam mit zwei Kolleginnen im vergangenen Jahr auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels untersucht, aus welchen Elternhäusern die Privatschüler vornehmlich kommen.

Viele Privatschüler aus Akademikerhaushalten

Demnach spielt die Bildung der Eltern sowohl in west- als auch in ostdeutschen Bundesländern eine immer größere Rolle für die Privatschulnutzung. In Ostdeutschland gehen gut 23 Prozent aller Schüler aus Akademikerelternhäusern auf eine Privatschule, in Westdeutschland sind es knapp 17 Prozent.

Privatschüler sind auch finanziell bessergestellt. Aus der Spieß-Studie geht hervor, dass sie deutlich häufiger in Haushalten mit hohen Einkommen leben als Schüler an öffentlichen Schulen. In Ostdeutschland ist der Unterschied demnach besonders groß: Nur fünf Prozent der Familien von Privatschülern sind auf staatliche Unterstützung wie Hartz IV angewiesen. Bei den Schülern an öffentlichen Schulen sind es 20 Prozent.

Aus diesen Daten lässt sich aber nicht pauschal schlussfolgern, dass diese Eltern ihre Kinder durch den Privatschulbesuch generell abgrenzen wollen. Denn in ländlichen Regionen Ostdeutschlands gibt es einen Versorgungsengpass. Hier kompensierten die Privatschulen laut Spieß teilweise das Problem, dass öffentliche Schulen zu weit vom Wohnort entfernt seien.

Die Bildungsforscherin relativiert zudem: "Es gibt viele andere Baustellen der Segregation." Immerhin gehen noch fast 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler auf öffentliche Schulen. Wolle man sich des Problems der sozialen Spaltung annehmen, zählten auch noch andere Punkte im Bildungsbereich. Spieß forscht aus diesem Grund nicht nur zu Privatschulen, sondern auch zu Kitas oder der Frage, wer Nachhilfeunterricht nimmt.

Im Video: Elite-Internat Schloss Torgelow

Foto: SPIEGEL.TV
insgesamt 65 Beiträge
vox veritas 08.01.2019
1. Erstaunlich
"Bildungsforscher suchen noch nach Erklärungen für den Boom." Die Antwort ist ganz einfach. Man möge sich die Bildungspolitik der letzten 30 Jahre ansehen (Überfrachtung der Lehrpläne und dadurch das [...]
"Bildungsforscher suchen noch nach Erklärungen für den Boom." Die Antwort ist ganz einfach. Man möge sich die Bildungspolitik der letzten 30 Jahre ansehen (Überfrachtung der Lehrpläne und dadurch das "Durchgehusche"), die Stundenausfälle an den Schulen, die nicht aufgefangen werden (da könnte ich aus dem Nähkästchen plaudern) sowie die allgemeine Entwicklung in der Gesellschaft (rauher Umgangston zwischen den Schülern ... evtl. auch aufgrund des sozialen Hintergrunds der Schüler und der mangelhaften Umgangsformen(?). Das Ergebnis sind da Zeugnisse, die wenig aussagekräftig sind und Schüler, die an den Unis und Berufsschulen nachgeschult werden müssen. Die ältere Generation ist auch ohne das ganze "neumodische" Zeug und mit viel (Selbst-)Disziplin erfolgreich gewesen. Warum sollte das heutzutage nicht mehr so sein? - werden sich viele Eltern fragen.
winnischneider 08.01.2019
2. Lass uns darüber streiten
Ich bin der Meinung, dass Privatschulen erheblich zur Spaltung unserer Gesellschaft beitragen. Privatschulen brauchen nicht verboten werden aber der Staat dürfte keinerlei Unterstützung leisten. Keine Kostenübernahme der [...]
Ich bin der Meinung, dass Privatschulen erheblich zur Spaltung unserer Gesellschaft beitragen. Privatschulen brauchen nicht verboten werden aber der Staat dürfte keinerlei Unterstützung leisten. Keine Kostenübernahme der Gehälter der LehrerInnen und auch keine öffentliche Beteiligung an Rahmenkosten. In den öffentlichen Dienst sollten nur Bewerber eingestellt werden, die auch öffentliche Schulen besucht haben. Insofern ist ja Frau Schwesig ein markantes Beispiel für diesen eklatanten Widerspruch. Winfried Schneider
Europa! 08.01.2019
3. 'tschuldigung
Da hab ich meinen Beitrag wohl falsch formuliert. Also noch mal neu: Die Eltern möchten, dass ihre Kinder (für die sie große Opfer gebracht haben) mit bildungsnahen Kindern zusammen lernen und ihre Kraft nicht darauf [...]
Da hab ich meinen Beitrag wohl falsch formuliert. Also noch mal neu: Die Eltern möchten, dass ihre Kinder (für die sie große Opfer gebracht haben) mit bildungsnahen Kindern zusammen lernen und ihre Kraft nicht darauf verschwenden, sich mit bildungsfernen Schülern herumzuschlagen.
nesmo 08.01.2019
4. Private Schulen
sind eher ein Symptom der Spaltung der Gesellschaft, die sie vielleicht verfestigen, aber nicht begründen. Über schlechte öffentliche Schulen, insbesondere in Brennpunkten, wird nun seit Jahrzehnten gesprochen und es hat [...]
Zitat von winnischneiderIch bin der Meinung, dass Privatschulen erheblich zur Spaltung unserer Gesellschaft beitragen. Privatschulen brauchen nicht verboten werden aber der Staat dürfte keinerlei Unterstützung leisten. Keine Kostenübernahme der Gehälter der LehrerInnen und auch keine öffentliche Beteiligung an Rahmenkosten. In den öffentlichen Dienst sollten nur Bewerber eingestellt werden, die auch öffentliche Schulen besucht haben. Insofern ist ja Frau Schwesig ein markantes Beispiel für diesen eklatanten Widerspruch. Winfried Schneider
sind eher ein Symptom der Spaltung der Gesellschaft, die sie vielleicht verfestigen, aber nicht begründen. Über schlechte öffentliche Schulen, insbesondere in Brennpunkten, wird nun seit Jahrzehnten gesprochen und es hat sich allenfalls etwas zum Schlechteren verändert. Dafür können nicht die Privatschulen verantwortlich gemacht werden, die offenbar immerhin mehr Qualität bieten. Sie sollten sich fragen, warum es immer mehr Probleme mit Brennpunktschulen gibt. Sicherlich nicht, weil 9 % der Schüler mittlerweile auf Privatschulen gehen. Es gibt immer mehr Schüler aus bildungsfernen Familien, das ist die schlichte Wahrheit. Und die Lehrer können dies für diese Schülern mit noch so großem, noch bezahlbarem, Aufwand nicht kompensieren. Auch das ist die schlichte Wahrheit, die aber offensichtlich nicht akzeptiert wird.
Sensør 08.01.2019
5.
Ein Bedingung für mich, selber Kinder in die Welt zu setzen, war der Voraussetzung, genug Geld für eine vernünftige Schule zur Verfügung zu haben. Das geistige Vakuum an staatlichen Schulen fand ich als Kind damals [...]
Ein Bedingung für mich, selber Kinder in die Welt zu setzen, war der Voraussetzung, genug Geld für eine vernünftige Schule zur Verfügung zu haben. Das geistige Vakuum an staatlichen Schulen fand ich als Kind damals unerträglich.

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