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Leben und Lernen

Personalmangel

Wie der Staat den Privatschulen die Lehrer abjagt

Verbeamtungen, Sonderzahlungen, höhere Gehälter: Wegen des Lehrermangels kämpfen die Länder untereinander um Pädagogen. Doch Privatschulen gehen dabei häufig leer aus - und fürchten nun um ihr Personal.

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Englischunterricht (Symbolbild)

Von
Montag, 03.12.2018   07:01 Uhr

In Deutschland fehlen Lehrer, viele Lehrer. Vor allem in Ostdeutschland ist der Mangel derart eklatant, dass einige Länder nun verschärft um Pädagogen kämpfen - und werben.

Das Bundesland Sachsen will zum Beispiel angehende Lehrer mit einer Gehaltszulage von 1000 Euro dazu bewegen, an Schulen im ländlichen Raum zu unterrichten. Mit maximal 2500 Euro brutto im Monat werden sie damit zu den bestbezahlten Referendaren in Deutschland gehören. Die Landesregierung will zudem einführen, dass Lehrer unter 42 Jahren verbeamtet werden.

In Sachsen-Anhalt erhalten Lehrer, die in dünn besiedelten Regionen unterrichten, Gehaltsaufschläge von 600 bis 800 Euro. Auch Berlin lockt mit Sonderprämien. Und in Brandenburg wird eine neue Gehaltsstufe für erfahrene Pädagogen eingeführt. Sie soll Lehrern monatlich bis zu 570 Euro mehr einbringen.

Allerdings: Pädagogen an Privatschulen sollen davon nicht profitieren. Der Lehrermangel, so fürchten viele, wird sie besonders hart treffen. In jüngerer Zeit hatten zwar die Landesverfassungsgerichte von Brandenburg und Sachsen klargestellt, dass der Gesetzgeber alle Schulen fair behandeln muss, woraufhin Potsdam die Lehrer an staatlichen und privaten Schulen tariflich auf eine Stufe stellte. Das soll nun aber offenbar nicht für die neue Gehaltsstufe gelten.

Die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen in Brandenburg, Irene Petrovic-Wettstädt, hat ausgerechnet, was die Nichtbeachtung ihrer Schulen finanziell bedeutet: Den Freien Schulen fehlen dann 22 Millionen Euro, um ihre erfahrenen Lehrer genauso gut zu bezahlen wie die Staatsschulen. "Unsere Lehrkräfte lieben uns zwar", sagt die Leiterin des Campus Da Vinci in Nauen. "Aber ob sie das für 500 Euro weniger auch noch tun, bleibt die Frage."

"Der Staat muss beide Schularten gleich behandeln"

Die Zahl der Privatschulen steigt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts gab es im vergangenen Schuljahr bundesweit fast eine Million Privatschüler. Jeder elfte Schüler ging demnach auf eine private Bildungseinrichtung, Tendenz weiter steigend. Den Zahlen zufolge sind 14 Prozent der Schulen in privater Trägerschaft.

Vor allem im Osten der Republik sorgen einige von ihnen auch dafür, dass auf dem flachen Land Schüler nicht erst 20 Kilometer fahren müssen, um in die Schule zu kommen, wie eine Schulkarte des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zeigt.

Der Verband Deutscher Privatschulverbände hat den ehemaligen Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio um ein Gutachten gebeten. In diesem kritisiert di Fabio nun den Umgang mit Freien Schulen als "asymmetrischen Wettbewerb". Die Kultusminister benachteiligten Privatschulen demnach immer wieder - etwa durch Verbeamtungen, einseitige Gehaltserhöhungen oder Sonderzuschläge.

Wie sich Privatschulen finanzieren

Privatschulen selbst können nämlich nicht ohne Weiteres höhere Gehälter zahlen. Dafür ist ihre Finanzierung meistens zu wacklig. Die Kultusminister ersetzen Freien Schulen, je nach Bundesland, zwischen 60 und 80 Prozent ihrer Kosten. Neue Privatschulen müssen in der Regel drei Jahre warten, ehe sie Zuschüsse bekommen. Gleichzeitig schreibt das Grundgesetz vor, dass die Schulgelder nicht zu hoch sein dürfen - damit "eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird".

Das Schulgeld liegt in Deutschland im Schnitt zwischen 170 und 300 Euro monatlich, hat jüngst eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ergeben. Baden-Württemberg hat die Gebühren an Privatschulen gerade auf maximal 160 Euro gedeckelt, auch Berlin will das Schulgeld per Gesetz festlegen.

Di Fabio sieht eine Infrastrukturverantwortung bei den Bundesländern, gerade in der Ausbildung von Lehrern. Der Staat trete in der Schulpolitik stets in einer Doppelrolle auf: Einerseits ist er selbst Schulträger, der Lehrer anstellt und Unterricht anbietet. Andererseits reguliert er die Bildungspolitik. "Der Staat muss dabei als ein gerechter Schiedsrichter auftreten, der beide Schularten absolut gleich behandelt", sagte di Fabio, heute Professor für Staatsrecht an der Universität Bonn. Das aber tue er regelmäßig nicht.

In Sachsen-Anhalt kündigte Bildungsminister Marco Tullner (CDU) jüngst an, die derzeit 200 Referendare des Landes nahtlos in den staatlichen Schuldienst aufzunehmen. Lehrern in ländlichen Regionen versprach er Sonderprämien. Von den privaten Schulen sagte Tullner kein Wort - sie sollen auch in Sachsen-Anhalt leer ausgehen. Andy Zimmer von der bilingualen Grundschule in Stendal findet diese Politik existenzgefährdend. "Bis jetzt haben wir unsere Lehrer durch unser spezielles Profil halten können", erzählt Zimmer. "Aber wenn der Staat um uns herum die Lehrergehälter um 600 bis 800 Euro anhebt, wird es eng."

1000 Euro mehr, netto

Ähnlich sieht es in Sachsen aus. Dort wird die Verbeamtung dafür sorgen, dass vor allem jüngere Lehrer in ländlichen Regionen zu staatlichen Schulen abwandern. "Wir zittern alle, was nächstes Jahr in unserem Lehrerzimmer los ist, wenn die Verbeamtungen beginnen", sagt Dagmar Mager, Sprecherin des Verbands der Privatschulen in Sachsen/Thüringen. Der Gehaltsunterschied liege bereits jetzt zum Teil bei 1000 Euro. Ein Schulleiter berichtet, wie er gerade eine Junglehrerin verloren hat. Die saß weinend in seinem Büro. Sie gehe nur, habe sie gesagt, weil sie nun 1000 Euro mehr verdiene - netto. Der Rektor will den Namen seiner Schule nicht nennen. "Wenn in der Zeitung steht, dass ich meine Lehrer nicht mehr halten kann, laufen mir auch noch die Eltern davon."

Irene Petrovic-Wettstädt ist der Meinung, dass sich die Ost-Bundesländer damit selbst schaden: "Wenn Brandenburg die Staatslehrer so viel besser bezahlt, wird das Land an manchen Orten seine Schulpflicht nicht mehr erfüllen können." Gerade in dünn besiedelten Regionen wie der Uckermark oder im Fläming seien Privatschulen essenziell.

Auf eine Anfrage vom SPIEGEL an Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), warum die Freien Schulen den Gehaltsaufschlag nicht erhalten, antwortete ihr Sprecher: "Das Prinzip ist hier ein anderes. Wir finanzieren nicht separat die Gehälter der Lehrkräfte in Schulen in freier Trägerschaft. Wir unterstützen die Träger insgesamt, damit sie in die Lage versetzt werden, einen Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. Die Träger sind frei zu entscheiden, wie sie die Betriebskostenzuschüsse für Personal- oder Sachkosten einsetzen." Es gebe allerdings einen Dissens über die Höhe des Zuschusses. "Hier sind Klagen vor Gericht anhängig." Die Ministerin selbst wollte sich dazu nicht äußern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, der Sprecher von Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst habe die Anfrage lediglich mit den Worten beantwortet: "Die Ministerin äußert sich dazu nicht." Es ist richtig, dass Ernst sich nicht selbst dazu geäußert hat, ihr Sprecher allerdings schon. Wir haben die Passage ergänzt.

insgesamt 115 Beiträge
katjastorten 03.12.2018
1. Billigheimer
Ersetzt der Staat den Privatschulen nur 60-80 % der Kosten, die ein Schüler auf einer staatlichen Schule kostet, spart er 20-40% pro Schulkind, Supergeschäft. Jetzt versagt der Staat bei einer vernünftigen Lehrerplanung und nun [...]
Ersetzt der Staat den Privatschulen nur 60-80 % der Kosten, die ein Schüler auf einer staatlichen Schule kostet, spart er 20-40% pro Schulkind, Supergeschäft. Jetzt versagt der Staat bei einer vernünftigen Lehrerplanung und nun werden die Privatschulen ausgeblutet. Wer muss es ausbaden: die Kinder, deren Schulen bedroht sind.
schnauzl 03.12.2018
2. Tränendrüse
Privatschulen verdienen Geld mit ihrer Tätigkeit, da wir sie also bedauern, wenn Sie keine Geschäfte mehr machen können und sie finanzieren? Ich möchte mal hören, was los wäre, wenn sich nun auch alle Handwerker, Zahnärzte [...]
Privatschulen verdienen Geld mit ihrer Tätigkeit, da wir sie also bedauern, wenn Sie keine Geschäfte mehr machen können und sie finanzieren? Ich möchte mal hören, was los wäre, wenn sich nun auch alle Handwerker, Zahnärzte und andere Freiberufler Geld vom Staat wollen und sich beschweren, dass er ihnen die Angestellten und Lehrlinge wegnimmt und sie sogar verbeamten will. Das ist nun einmal der Wettbewerb: Viele Lehrer - wenig Gehalt, Wenig Lehrer - viel Gehalt. Und bitte nicht zu dick auftragen SPON - von wegen der Lehrerin, die weint, weil sie nun 1000 Euro mehr verdienen muss. Wer bitte, soll ihnen das glauben?
wolfgang_egelkraut 03.12.2018
3. Welche Notwendigkeit gibt es für Privatschulen in Deutschland?
Meines Erachtens ist diese Schulformen eher überflüssig. Wir haben ein gutes staatliches Schulwesen, das, wie alle Systeme , auch Mängel hat. Die gilt es zu identifizieren und abzustellen. An den Privatschulen waren schon [...]
Meines Erachtens ist diese Schulformen eher überflüssig. Wir haben ein gutes staatliches Schulwesen, das, wie alle Systeme , auch Mängel hat. Die gilt es zu identifizieren und abzustellen. An den Privatschulen waren schon immer die Lehrer beschäftigt, deren Fächerkombination oder Staatsexamensnoten eine Beschäftigung im Staatsdienst nicht möglich machten. Der Preis dafür war deutlich weniger an Privatschulen zu verdienen oder eine Umschulung für die Privatwirtschaft in nachgefragten Berufen zu wagen.
pennjamin 03.12.2018
4. Sehr gut
Genau so wie es sein sollte. Wieso sollte sich nur die privilegierte Oberschicht gute Lehrer leisten können? Öffentliche Schulen die für jedermann zugänglich sind sollten das beste Personal bekommen
Genau so wie es sein sollte. Wieso sollte sich nur die privilegierte Oberschicht gute Lehrer leisten können? Öffentliche Schulen die für jedermann zugänglich sind sollten das beste Personal bekommen
elCaputo 03.12.2018
5. Kuddelmuddel
Da geht es aber ganz schön durcheinander in dem Artikel. Die Bundesländer werden munter abgearbeitet und ein Gesamtproblem herbeigeschrieben, dass es so gar nicht gibt. Nehmen wir zum Beispiel die Bezüge für Lehramtsanwärter [...]
Da geht es aber ganz schön durcheinander in dem Artikel. Die Bundesländer werden munter abgearbeitet und ein Gesamtproblem herbeigeschrieben, dass es so gar nicht gibt. Nehmen wir zum Beispiel die Bezüge für Lehramtsanwärter (Referendare) im ländlichen Sachsen. In den Genuss dieser Bezüge kommen alle Referendare, unabhängig davon, ob sie ihr Referendariat an einer Privatschule oder einer öffentlichen Schule ableisten. Ihr Dienstherr ist nämlich das ausbildende Studienseminar und nicht die Schule. So bleibt es bei der beschriebenen Ungerechtigkeit in Brandenburg, wo eine weitere Erfahrungsstufe eingeführt werden soll, die wiederum Lehrern an Schulen in privater Trägerschaft vorbehalten bleiben soll. Wie das tarifrechtlich funktionieren soll, ist mir schleierhaft. Am Ende geht es doch immer um das selbe alte Problem. Es gibt beamtete Lehrer, deren Netto-Bezüge grundsätzlich deutlich über denen ihrer angestellten Kollegen liegen. Von den Vorteilen einer Beamtenpension muss man gar nicht anfangen. Beide Vorteile in Summe bilden - ein langes Arbeitsleben vorausgesetzt - den Gegenwert von zwei Eigenheimen. Und das für die gleiche Arbeit! Entweder ist der Lehrerberuf staatstragend und bedarf der Verbeamtung oder aber nicht. Der derzeitige Zustand ist ungerecht und ungerechtfertigt.
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