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Leben und Lernen

Quinceañera in Kolumbien

Wie eine Hochzeit ohne Bräutigam

Der 15. Geburtstag gilt in vielen lateinamerikanischen Ländern als zentrales Ereignis im Leben junger Frauen, für die Feier verschulden sich Familien oft hoch. Fotografin Delphine Blast hat die Teenager porträtiert.

Delphine Blast
Von
Sonntag, 05.08.2018   07:11 Uhr

Prinzessinnenkleid, Feuerwerk, Tanzchoreografien und massenweise Essen: Erreicht ein Mädchen in Kolumbien das sechzehnte Lebensjahr, wird dies mit einer riesigen Party mit allen Freunden und Verwandten zelebriert - was die Familien oft ein Vermögen kostet.

Die Quinceañera, auch Quince genannt, markiert den Übergang vom Mädchen zur Frau und wird daher als lebensveränderndes Ereignis betrachtet, das sogar wichtiger ist als eine Hochzeit. Die französische Fotografin Delphine Blast interessierte, was dieses Fest für die Mädchen bedeutet und warum ärmere Familien manchmal so viel wie einen Jahreslohn in diesen einen Tag investieren.

Zwei Monate verbrachte die Fotografin in Bogotá, sie nahm an 15 verschiedenen Feiern teil. Sie konzentrierte sich besonders auf ärmere Familien, die trotz der finanziellen Knappheit riesige Partys ausrichten: Die Eltern mieten Raum und Kleid, bezahlen das Essen für die Gäste, ebenso wie Musiker, Fotografen und Animateure. Oft sparen sie jahrelang, machen Überstunden und verschulden sich, um sich diese eine besondere Nacht leisten zu können.

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Endlich erwachsen: Quinceañera in Kolumbien

Blast lernte die Mädchen im Stadtzentrum der Hauptstadt kennen, in Läden, in denen sie ihre Kleider ausleihen. Nach ein paar Treffen nahmen sie alle 15 ausgewählten Kandidatinnen und ihre Familien herzlich auf und ließen sie an der Feier teilnehmen. "Ich wurde als besonderer Gast empfangen, manchmal sogar als Teil der Familie angesehen", sagt die Französin.

Die Tradition der Quinceañera stammt ursprünglich aus Spanien. Von Land zu Land wird die Feier unterschiedlich zelebriert: Während in Ländern wie Brasilien, Argentinien oder Kolumbien jedes Mädchen ein eigenes Fest bekommt, wird in der Dominikanischen Republik ein einziger Ball für alle Mädchen veranstaltet. Tanzen die Gäste um die Mutter des Teenagers, befindet man sich wohl gerade auf Kuba.

In Kolumbien beginnt die Quinceañera laut Blast für gewöhnlich mit einer Messe am Nachmittag. Die eigentliche Feier findet abends statt. Dafür werden die Mädchen herausgeputzt, geschminkt und ziehen prunkvolle Kleider an.

Die Zeremonie ähnelt einer Hochzeit ohne Bräutigam: Begleitet von fünfzehn Jungen, den Chambelanes (den Reitern), betritt das Geburtstagskind den Raum. Es folgen Essen, Reden, Tanz. Als Schlüsselmoment des Abends gilt die Schuhzeremonie: Anfangs trägt das Mädchen Schuhe mit flachen Absätzen, irgendwann tauscht der Vater sie gegen High Heels aus - als Symbol für den Übergang zur Frau.

Außerdem werden die jungen Frauen professionell fotografiert - in ihren aufwendigen Outfits vor fantasievollen Umgebungen. Blast hingegen porträtierte jedes Mädchen in der eigenen Nachbarschaft. Die opulenten Geburtstagskleider vor den bescheidenen Wohnhäusern zeigen den starken Kontrast zwischen den extravaganten Partys und den oft schwierigen finanziellen Verhältnissen der Familien.

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