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Leben und Lernen

Absage von der Wunschschule

"Manche Eltern schreiben sich um Kopf und Kragen"

Wenn das eigene Kind keinen Platz auf der Wunschschule bekommt, verlieren Eltern oft die Nerven - und machen Fehler. Hier erklärt Anwältin Sibylle Schwarz, was man auf gar keinen Fall tun sollte.

DPA

Grundschüler (Archivbild)

Ein Interview von
Mittwoch, 06.06.2018   13:29 Uhr

In diesen Wochen bekommen viele Familien Post: Die Plätze an den Schulen für das neue Schuljahr werden verteilt. Während in den meisten Bundesländern bei den Grundschulen das Wohnortprinzip gilt, ist das bei weiterführenden Schulen nicht immer so strikt geregelt.

In manchen Städten können Eltern zwei oder mehr Wunschschulen für ihr Kind angeben. Aber: Es gibt keine Garantie für den Platz an einer bestimmten Schule. Was Eltern tun und lassen sollten, wenn eine Absage ins Haus flattert, erklärt die Wiesbadener Anwältin Sibylle Schwarz.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Frau Schwarz, wenn der Brief vom Schulamt kommt, werden Eltern oft nervös. Sie hoffen auf eine bestimmte Schule für ihr Kind. In vielen Städten bekommen jedes Jahr Hunderte Kinder nicht ihren Wunschplatz. Was sollten Eltern in einem solchen Fall tun?

Schwarz: Sie sollten vor allem eins erst einmal nicht tun: sofort aus dem Bauch heraus einen Widerspruch losschicken, den sie voller Emotionalität und mit laienhaftem juristischem Wissen formuliert haben. "Ihre beste Freundin geht auch dahin" oder "Mein Sohn hat einen Heulkrampf bekommen, als die Schulabsage kam" sind nicht besonders zielführend - genau so wenig wie die Aussage "Wir haben uns an dieser Schule bei der Besichtigung überhaupt nicht wohlgefühlt." Da schreiben sich manche Eltern um Kopf und Kragen. Wenn man denn schon unbedingt einen Widerspruch formulieren will, dann bitte nur im Sinne von "Ich erhebe Widerspruch gegen die Entscheidung" - mehr nicht. Bloß keine Begründung! Die Gründe kann man immer noch nachliefern.

SPIEGEL ONLINE: Klingt so, als hätten sie schlechte Erfahrungen gemacht.

Schwarz: Viele Eltern schicken da in ihrer Enttäuschung irgendwas raus, was sie für gut halten - das aber die Verwaltungsjuristen entweder überhaupt nicht beeindruckt oder was im schlimmsten Fall die juristische Position der Eltern schwächt. Wer zum Beispiel erwähnt, "zur Not" könne das Kind die nicht gewünschte Schule ja besuchen, aber eigentlich sei eine andere Schule viel besser, begeht einfach einen riesigen Fehler, der kaum wieder auszubügeln ist. Zusätzlich gilt: Wenn Eltern schon so eine Mail oder einen Brief verschickt haben, dann sollten sie das auch später ihrem Anwalt sagen. Manchmal zückt die Gegenseite im Verfahren so ein Schreiben, von dem ich nichts weiß - und dann ist das ganz schnell zu Ende.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fehler machen Eltern noch?

Schwarz: Viele tappen in die Falle der formalen Vorschriften. In der Regel muss Verwaltungsakten innerhalb eines Monats widersprochen werden. Und dieser Widerspruch muss dann auch an die richtige Behörde geschickt werden. Die Schulaufsicht ist beispielsweise etwas ganz anderes als ein städtisches Schulamt. Und wenn so ein Brief dann irgendwo landet, wo sich niemand zuständig fühlt, ist die Frist für einen wirksamen Widerspruch schnell rum. Außerdem müssen, sofern das Sorgerecht besteht, beide Eltern zusammen unterschreiben. Wenn nur ein Elternteil den Widerspruch aufsetzt und abschickt, ist er im Zweifelsfall ungültig.

SPIEGEL ONLINE: Kommt jetzt der erwartbare Ratschlag: Nehmt euch auf jeden Fall einen Anwalt?

Schwarz: Nein. Man kann das schon selbst machen - sollte sich dann aber gut informieren. Das fängt zum Beispiel damit an, dass man bei der Internetrecherche schnell mal auf Seiten von 2009 oder 2012 landet. Das klingt vielleicht gut und hinreichend juristisch - ist nur möglicherweise völlig veraltet. Je nachdem, in welchem Bundesland Sie wohnen, können sich die gesetzlichen Grundlagen seither massiv geändert haben - Baden-Württemberg ist so ein Beispiel, wo sich in den vergangenen Jahren unglaublich viel bewegt hat. Wer das übersieht, landet schnell im juristischen Abseits. Meiner Erfahrung nach ist es ohnehin so, dass fast jeder Fall anders liegt. Und nicht zuletzt sollten sich Eltern auch überlegen, wie wichtig ihnen der Kampf um einen bestimmten Schulplatz wirklich ist. So ein Verfahren kann 1000 bis 1500 Euro kosten - nur mal so als Hausnummer.

SPIEGEL ONLINE: Unter Eltern wird das Angeben einer Scheinadresse für das Kind als heißer Tipp gehandelt, um an Schulen bevorzugt aufgenommen zu werden. Da meldet man das Kind eben bei der Putzhilfe, der Oma oder bei Freunden an. Was halten Sie davon?

Schwarz: Wenig. Gerade in kleineren Gemeinden fällt so etwas schnell auf, man macht sich im schlechtesten Fall - vor allem, wenn es schiefgeht - zum Stadtgespräch damit. Das gilt besonders dann, wenn man irgendwelche haarsträubenden Geschichten erfindet, warum das Kind angeblich irgendwo wohnt. Außerdem wird das Kind dazu angehalten, zu lügen, wenn es in der Schule von Zuhause erzählt. Und auch die Ämter kennen diese Masche natürlich, die verteilen ihre Schulplätze ja nicht zum ersten Mal. Die merken natürlich auch, wenn eine Familie just am Tag, wenn der Anmeldebogen für die Schule abgegeben wird, einen Zweitwohnsitz am anderen Ende der Stadt anmeldet.

SPIEGEL ONLINE: Sie raten also zu mehr Gelassenheit?

Schwarz: Ja. Diesen Hype um die Schulwahl gab es vor acht oder zehn Jahren noch nicht. Und um eine Ablehnung noch in eine Zulassung zu verwandeln, braucht man schon richtig gute Argumente. Da reicht es nicht, das Kind als Supersportlerin zu beschreiben, die unbedingt aufs Sportgymnasium muss - und dann stellt der Richter in der Verhandlung fest: Das Mädchen kann zwar einen Turnbeutel halten, aber das war es dann auch schon. Da kann Ihnen dann auch kein Anwalt mehr helfen.

insgesamt 40 Beiträge
Europa! 06.06.2018
1. Ein nützlicher Artikel
Die Hinweise von Frau Schwarz sind sehr vernünftig. Hinterfragen sollte man allenfalls, warum gerade in den letzten Jahren die richtige Wahl der Schule so wichtig geworden ist.
Die Hinweise von Frau Schwarz sind sehr vernünftig. Hinterfragen sollte man allenfalls, warum gerade in den letzten Jahren die richtige Wahl der Schule so wichtig geworden ist.
phthalo 06.06.2018
2. @1:
Das sollte man hinterfragen, ich als Lehrer kann das aber schon verstehen. Die Qualität der Lehrer ist eher gleich, aber beispielsweise die Ausstattung unter den Schulen (ich unterrichte Chemie und Physik) können Welten [...]
Das sollte man hinterfragen, ich als Lehrer kann das aber schon verstehen. Die Qualität der Lehrer ist eher gleich, aber beispielsweise die Ausstattung unter den Schulen (ich unterrichte Chemie und Physik) können Welten voneinander entfernt sein. Und ich persönlich gehe lieber durch eine Schule, die Geld hat und sauber ist, statt durch eine, deren WCs DEUTLICH schlimmer aussehen, als WCs auf Autobahnraststätten. Und die gibt es leider.
klarafall 06.06.2018
3. Schlechtes Signal
Wenn ich die Antwort lese "Gerade in kleineren Gemeinden fällt so etwas schnell auf, man macht sich im schlechtesten Fall - vor allem, wenn es schiefgeht - zum Stadtgespräch damit" frage ich mich, ob das tatsächlich [...]
Wenn ich die Antwort lese "Gerade in kleineren Gemeinden fällt so etwas schnell auf, man macht sich im schlechtesten Fall - vor allem, wenn es schiefgeht - zum Stadtgespräch damit" frage ich mich, ob das tatsächlich der "worst case" ist. Dann kann's einem ja egal sein; wer keine Persönlichkeit ist, der es in erster Linie darum geht allen zu gefallen und bei niemandem anzuecken, dem ist auch wurscht wenn er für zwei-drei Tage "Stadtgespräch" werden würde. Erstens gibt es in jeder Stadt wichtigeres, als daß sich irgendwer in einer Woche noch daran erinnern könnte, und zweitens kann man wunderbar kontern daß man ja zu so einem Verhalten gezwungen wird, wenn man es mit Behördenwillkür zu tun hat. Daß die Behörde zum "Stadtgespräch" wird, halte ich in einem solchen Fall (und es ist ja kein Einzelfall!) für wesentlich wahrscheinlicher. Der "worst case" wäre, wenn man sich damit strafbar machen würde - was aber sicherlich nicht der Fall ist, sonst hätte es die Anwältin schon klar erwähnt. Ausserdem ist "Das gilt besonders dann, wenn man irgendwelche haarsträubenden Geschichten erfindet, warum das Kind angeblich irgendwo wohnt. Außerdem wird das Kind dazu angehalten, zu lügen, wenn es in der Schule von Zuhause erzählt" ein ganz schlechtes Argument und ein verheerendes Signal. Das ist das typische Verhalten von Menschen in Ländern, in denen wenig Rechtssicherheit besteht. Schon von klein auf wird dort man so erzogen, daß es für das eigene Wohl wichtig ist, gegenüber öffentlichen/staatlichen Stellen zu lügen, daß sich die Balken biegen. Anders kommt man auf keinen grünen Zweig. Die Schulämter, vor allem aber ihre übergeordneten Stellen sollten sich sehr genau überlegen, ob es das Ziel ist, solche Verhältnisse auch in Deutschland einzuführen. Am Anfang ist es ein Absage für die "Wunsch"-Schule, die man auf diese Weise vermeiden kann, am Ende hat der Bürger NULL Respekt vor staatlichen Stellen und sieht den Staat als seinen Feind an, den man hintertreiben, belügen und bestehlen (Steuerhinterziehung) darf, weil er sich selbst als der grösste Verbrecher geriert. Das ist alles keine graue Theorie: Ich wohne in Griechenland und sehe die Auswirkungen einer solchen Politik tagtäglich in meinem Umfeld.
tina.gewehr 06.06.2018
4. Gymnasium vs. IGS
Ich kann Frau Schwarz mit ihrer Aussage, dass es diesen Hype früher nicht gab, nicht zustimmen. Schon in den 70er Jahren war es eine "Prestigefrage", ob die Taunussteiner Kinder nach Wiesbaden aufs Gymnasium [...]
Ich kann Frau Schwarz mit ihrer Aussage, dass es diesen Hype früher nicht gab, nicht zustimmen. Schon in den 70er Jahren war es eine "Prestigefrage", ob die Taunussteiner Kinder nach Wiesbaden aufs Gymnasium "durften", oder in Taunusstein auf die IGS "mussten". Plötzlich hat so ca. ein Drittel meiner KlassenkameradInnen bei der Oma in Wiesbaden gewohnt. ... manchmal ein toller Fall von Familienzusammenführung, weil einige der Kinder ihre Großeltern noch nie gesehen hatten, weil Eltern und Großeltern sich spinnefeind waren. ;-)
Margaretefan 06.06.2018
5. Dass die...
... Schulwahl ein neuer Hype ist, halte ich für unzutreffend. Der Rat zu Gelassenheit ist grundsätzlich immer gut, nur sollte das eben nicht mit Gleichgültigkeit gleichgesetzt werden. Der angesprochene Hype, was die [...]
... Schulwahl ein neuer Hype ist, halte ich für unzutreffend. Der Rat zu Gelassenheit ist grundsätzlich immer gut, nur sollte das eben nicht mit Gleichgültigkeit gleichgesetzt werden. Der angesprochene Hype, was die Bereitschaft betrifft Widerspruch gegen eine Ablehnung der getroffen Schulwahl einzureichen, den mag es wirklich geben. Woran das liegt, müsste mal hinterfragt werden. Das kann z.B. daran liegen, dass in letzter Zeit schlicht wesentlich mehr Schulwahlablehnungen erfolgen als in der Vergangenheit. Das mag daran liegen, dass Eltern von Kindern ohne Inklusionshintergrund es nun schwerer haben, ihre Kinder auf Wunschschulen zu kriegen. An nennenswerte Investitionen ins Bildungssystem, kann ich mich in letzter Zeit nicht erinnern. Da ließ sich die Politik allenfalls dafür feiern, dass mehr oder weniger zähneknirschend Gelder bewilligt wurden um den Investitionsstau bei den Schulgebäuden nach vielen Jahrzehnten aufzulösen. Dass grundsätzlich begrüßenswerte Maßnahmen wie die Inklusion finanziell angemessen bedacht wurden, davon habe ich zumindest nichts mitgekriegt. Wohl aber von der Flickschusterei, die bei der Inklusion zu Problemen führt. Wenn z.B. ein Gymnasium mit einer fünfzügigen Kapazität nun Inklusionskinder aufnehmen muss, wird's mit den Plätzen für die anderen Kinder naturgemäß enger und dementsprechend mehr anderen Kindern muss dann der Schulwunsch abgeschlagen werden.

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