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Leben und Lernen

Lehrermangel in Thüringen

Warum auf vielen Schulzeugnissen Noten fehlen

Zeugnisse ohne Zensuren: Bei Schülern in mehr als 600 Klassen in Thüringen fehlten auf dem Halbjahreszeugnis eine oder mehrere Fachnoten - weil es zu wenig Lehrer gibt. Auch andere Bundesländer haben dieses Problem.

Getty Images

Lehrerin vor Schulklasse (Archivbild)

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Donnerstag, 05.04.2018   16:46 Uhr

Für manche Schüler in Thüringen glichen die letzten Halbjahreszeugnisse Lückentexten: Landesweit gab es in über 600 Schulklassen Zeugnisse, auf denen eine oder mehrere Fachnoten fehlten. Betroffen sind alle Schulformen, die weiterführenden allerdings deutlich häufiger als die Grundschulen.

Der Grund: Die betroffenen Fächer waren im ersten Schulhalbjahr entweder gar nicht oder nur mit so wenigen Stunden unterrichtet worden, dass die Grundlage für eine ordentliche Benotung nicht gegeben war. Als erstes hatte die "Thüringische Landeszeitung" über den Fall berichtet.

"Das ist Ausdruck eines Problems, dass wir nicht nur in Thüringen haben, sondern deutschlandweit", sagt Helmut Holter, Bildungsminister in Thüringen und derzeit auch Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), im Gespräch mit dem SPIEGEL: "Alle Länder sind sehenden Auges in diesen Lehrermangel hineingelaufen." Die Folge sei jetzt, dass einzelne Fächer zeitweise nur noch mit verminderter Stundenzahl oder gar nicht mehr unterrichtet werden können - mit dem entsprechenden Hinweis im Zeugnis, warum es aktuell nicht für eine Note reicht.

DPA

Thüringens Minister für Bildung, Jugend und Sport, Helmut Holter

Der Lehrermangel sei allerdings nicht allgemein, sondern fächerspezifisch, sagt Holter: "Am schwierigsten ist es in den MINT-Fächern sowie bei Sport, Musik, Ethik und Religion." Er könne die Sorge von Eltern und Schülern verstehen, sagt der Bildungsminister: "Natürlich will jemand auf dem Zeugnis der zehnten Klasse, mit dem er sich bewirbt, auch die richtigen Noten stehen haben."

Zum Schuljahresende werde sich die Situation aber wieder verbessern, verspricht der thüringische Bildungsminister. "Wir fangen das zum Teil mit epochalem Unterricht auf. Da werden die Fächer nur in einem Halbjahr, aber mit der vollständigen Stundenzahl unterrichtet. Das erlaubt es den Lehrern anschließend auch, fundierte Noten zu geben."

Probleme nicht nur in Thüringen

Andere Bundesländer haben das Notenproblem ebenfalls - halten die entsprechenden Zahlen aber lieber zurück. So hieß es auf kleine Anfragen in den Landtagen von Sachsen und Sachsen-Anhalt vonseiten der jeweiligen Ministerien, dass entsprechende Daten leider nicht erhoben würden und deshalb auch nicht veröffentlicht werden könnten.

Auf SPIEGEL-Anfrage erklärte das Kultusministerium in Baden-Württemberg, es gebe Fälle, "in denen Schulen teilweise Epochenunterricht erteilen, aus pädagogischen Gründen wie auch zur Vermeidung von Unterrichtsausfall. Aus diesem Grund kann es möglich sein, dass in der Halbjahresinformation nicht für jedes Fach eine Noteninformation enthalten ist."

Stunden könnten zwischen den Halbjahren - in einzelnen Fächern auch zwischen ganzen Schuljahren - verschoben werden, sodass der entsprechende Unterricht insgesamt trotzdem im geplanten Umfang sichergestellt sei. Aber: "Daten zum Umfang dieser Praxis liegen dem Kultusministerium nicht vor"; zuständig seien für solche Entscheidungen allein die Schulleitungen.

"Da tobt ein regelrechter Wettbewerb"

Auch das Schulministerium in NRW gab an, dass Fälle von Notenverzicht nicht ausgeschlossen werden könnten, darüber aber keine Daten vorliegen. Lediglich in Bremen teilte eine Sprecherin mit: "Bei uns ist das - zum Glück - noch nicht vorgekommen."

Die Notenlücken sind da, wo sie auftreten, Vorboten des sich immer stärker abzeichnenden Lehrermangels. Mehrere Studien hatten zuletzt darauf hingewiesen, dass bis 2030 deutschlandweit Zehntausende von Lehrkräften an den Schulen fehlen werden. Zum Teil sind die Lücken schon heute dramatisch.

Lehrermangel: Wenn die Deutschlehrerin täglich aus Polen anreist

Foto: SPIEGEL TV

Derzeit, sagt KMK-Präsident Helmut Holter, müssten die Länder alle Register ziehen, um den Unterricht sicherzustellen. "Da tobt gerade ein regelrechter Wettbewerb im Föderalismus." Wenn man, wie Thüringen, bei der Besoldung nicht mithalten könnte, müsse man eben auf andere Anreize setzen: "Wir bemühen uns um eine Willkommenskultur für Lehrer über den Beruf und die reine Bezahlung hinaus."

Dennoch kämen die Bundesländer in den kommenden Jahren um zusätzliche Maßnahmen nicht herum. Die Gewinnung von Quereinsteigern zählt für Holter unbedingt dazu. Und er will das Image des Lehrerberufs verbessern: "Wir müssen junge Leute für die sogenannten Mängelfächer begeistern."

Andererseits, sagt der KMK-Präsident, habe der Lehrermangel aus der Perspektive von Berufseinsteigern auch etwas Positives: In den gesuchten Fächern gebe es in Thüringen derzeit de facto eine Einstellungsgarantie, so Holter. Und jeder Lehrer, der aus dem aktiven Dienst ausscheide, werde auf Landesebene auch wieder ersetzt.

insgesamt 40 Beiträge
yvowald@freenet.de 05.04.2018
1. Lehrerberuf ist einer der wichtigsten
Der Lehrerberuf findet seit jeher kaum Anerkennung. Dabei ist die schulische Grundbildung für jeden Menschen das Wichtigste fürs spätere Leben. Also sollen Lehrerinnen und Lehrer starke Persönlichkeiten sein, die in der Lage [...]
Der Lehrerberuf findet seit jeher kaum Anerkennung. Dabei ist die schulische Grundbildung für jeden Menschen das Wichtigste fürs spätere Leben. Also sollen Lehrerinnen und Lehrer starke Persönlichkeiten sein, die in der Lage sind, Wissen und Erziehung zu vermitteln. Gerade weil dies so ist, sollte der Lehrerberuf attraktiv sein. Was das Finanzielle angeht, ist dies aber leider nicht so. Wer "richtig Geld verdienen" möchte, geht in die Wirtschaft oder in die Finanzwelt. Deshalb ist es ganz wichtig, die Lehrerbesoldung auf den Prüfstand zu stellen. Aber auch die Unterstützung der Lehrkräfte durch Schulpsycholginnen und -Psychologen ist mehr als wichtig, weil viele Eltern heute mit der Kindererziehung überfordert scheinen. Schauen wir doch einfach auf andere OECD-Länder, um nicht immer wieder das Rad neu zu erfinden.
qjhg 05.04.2018
2. Es ist ein Skandal.
der zum Himmel stinkt. Trotz Wahlversprechen aller Parteien, wird an der Misere nichts verändert. Was wir brauchen: mehr Lehrpersonal mit besserer Bezahlung, bessere Schulen mit entsprechenden Ausstattungen. Und wenn das nicht zu [...]
der zum Himmel stinkt. Trotz Wahlversprechen aller Parteien, wird an der Misere nichts verändert. Was wir brauchen: mehr Lehrpersonal mit besserer Bezahlung, bessere Schulen mit entsprechenden Ausstattungen. Und wenn das nicht zu bezahlen ist, dann muss man endlich die Steuern erhöhen! das Geheuchelt der Politiker über das Erreichen einer schwarzen Null hat diese Schulnöte in allen Bundesländern nur noch weiter verschärft.
GumpyOM 05.04.2018
3.
Auch wenn es keiner hören will: in Thüringen (und Berlin) werden Lehrer nicht verbeamtet. Das ist für die Bewerber nunmal unattraktiver sich dort zu bewerben. Weniger Lohn, weniger Sicherheit, dazu kaum große Städte, die für [...]
Auch wenn es keiner hören will: in Thüringen (und Berlin) werden Lehrer nicht verbeamtet. Das ist für die Bewerber nunmal unattraktiver sich dort zu bewerben. Weniger Lohn, weniger Sicherheit, dazu kaum große Städte, die für junge Leute interessant sind - warum sollten also junge Lehrer sich dort bewerben?
genugistgenug 05.04.2018
4. Geplante Mangelwirtschaft?!
Das Problem ist doch uralt. Sonst hätten die heutigen Entscheider gewusst, dass jedes geborene Kind nach 6/7 Jahren vor den Schultüren steht. Oder glauben die etwa, die Schüler werden am Einschulungstag vom Storch abgeworfen [...]
Das Problem ist doch uralt. Sonst hätten die heutigen Entscheider gewusst, dass jedes geborene Kind nach 6/7 Jahren vor den Schultüren steht. Oder glauben die etwa, die Schüler werden am Einschulungstag vom Storch abgeworfen und großflächig verteilt? Doch so können sich wieder einige Bürokrateten profilieren und große Notfallpläne basteln, inkl. Konferenzen, usw. Sicher ist es "legal" dass Stunden komplett in ein anderes HAlbjahr verschoben werden, doch das bringt ka nichts, da kontinuierlich aufgebaut werden muss und man die Schüler nicht einfach mal mit einem Thema zuschüttet, sondern auch Brücken dazwischen schlägt. Spassig/unprofessionell ist auch die gegenseitige Abwerbung der einzelnen Bundesländer. PS wir kennen es noch,d ass nach einer schlechten Note/Benehmen die Lehrer prompt angerufen haben - war allerdings USA.
g_bec 05.04.2018
5. Hausgemacht.
Nicht ganz. In Thüringen wird seit zwei oder drei Jahren wieder verbeamtet. Sogar ältere aktive Lehrer können sich dort noch verbeamten lassen. Es hilft jedoch nichts, wenn die Einstellungszusagen in Thüringen seit Jahren [...]
Zitat von GumpyOMAuch wenn es keiner hören will: in Thüringen (und Berlin) werden Lehrer nicht verbeamtet. Das ist für die Bewerber nunmal unattraktiver sich dort zu bewerben. Weniger Lohn, weniger Sicherheit, dazu kaum große Städte, die für junge Leute interessant sind - warum sollten also junge Lehrer sich dort bewerben?
Nicht ganz. In Thüringen wird seit zwei oder drei Jahren wieder verbeamtet. Sogar ältere aktive Lehrer können sich dort noch verbeamten lassen. Es hilft jedoch nichts, wenn die Einstellungszusagen in Thüringen seit Jahren (auch schon vor der Einführung der Verbeamtung) erst kurz vor bzw. sogar erst IM laufenden Schuljahr gegeben werden. Bis dahin sind natürlich die Lehrerbewerber in Hessen oder Sachsen-Anhalt. Daran hat übrigens auch der erst kürzlich Minister in TH gewordene Herr Holter nichts geändert. Er sollte sich also auch ein stückweit an die eigene Nase fassen (bzw. an die seiner Amtsvorgänger).
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