Von Abschiebung bedrohte Roma

Wie Anita in Deutschland zum Flüchtling wurde

von Heike Klovert

Kurz bevor die Polizei sie abschieben konnte, brach Anita Osmani, 18, aus Göttingen die Schule ab und tauchte mit ihrer Familie unter. Das ist fast drei Jahre her. Sie ist immer noch hier. Wie geht es ihr?


Göttingen, Deutschland. Ein Mädchen in enger schwarzer Weste und mintgrünem Shirt steht auf einer Bühne im Scheinwerferlicht. Es verbeugt sich lächelnd und ungeschickt an der Hand erwachsener Schauspieler. Der schwarze Zopf fällt ihm dabei jedes Mal ins Gesicht. Das Mädchen heißt Anita Osmani, es ist ihr erster Auftritt, sie ist zwölf Jahre alt, auf YouTube kann man sich ein Video davon anschauen.

Diese Bühne, sagt sie später, habe sich zuerst fremd angefühlt. Doch dann sei sie ihr zur Heimat geworden. Auf diese Bühne, sagt Anita Osmani, gehöre sie.

Lipjan, Kosovo. Stromkabel hängen zwischen Laternenmasten und unverputzten Häusern. Die M2, die nach Prishtina im Norden führt, ist eine der wenigen Straßen mit aufgemaltem Mittelstreifen. Kein Göttinger Stadtwald, keine Universität, keine deutschen Sandsteinkirchen. Keine deutsche Bühne.

Hier, sagen die Behörden, gehöre Anita Osmani hin.

Was passiert, wenn der Staat über den Kopf einer jungen Frau hinweg entscheidet, wo ihre Heimat ist? Und wenn diese sich weigert, die Entscheidung hinzunehmen? Anita Osmani und ihre Familie tauchten vor fast drei Jahren unter, um einer Abschiebung in den Kosovo zu entgehen. Dies ist ihre Geschichte.

Anita Osmani ist ein schlankes Mädchen mit gerader Nase und großen Schneidezähnen. Bis sie 15 Jahre alt war, lebte sie mit ihren Eltern und fünf Geschwistern im Rosenwinkel, einer Straße im Göttinger Nordwesten. Satellitenschüsseln brachten TV-Sendungen aus dem Balkan in die Sozialwohnung. Hinter dem Häuserblock trocknete Wäsche auf stählernen Ständern.

Anita teilte sich ein Zimmer mit ihren Schwestern. Sie spielte als Kind auf der Wiese an der Leine, die hinter den Häusern vorbeifließt. Zur Grundschule, deren rote Dachziegeln freundlich leuchten, lief sie fünf Minuten zu Fuß.

Anita Osmani hätte mehr dafür tun können, dass dieser Alltag nicht zerbricht. Doch das verstand sie erst, als es schon zu spät war. "Früher war mir einiges nicht so klar", sagt sie. "Kosovo, Abschiebung, dafür hab' ich mich nicht so interessiert."

Geduldete Eltern, geduldete Kinder

Anitas Eltern flohen in den Neunzigerjahren mit einem Säugling vor dem Krieg im Kosovo und hangelten sich in Deutschland stets von Duldung zu Duldung. Mal galt sie sechs Monate, mal nur zwei Wochen. Sie bekamen fünf Kinder in Göttingen, die alle ihren Aufenthaltsstatus erbten. Ihre erste Aufforderung zur Ausreise erhielt Anita, als sie zwei Wochen alt war.

Wären sie und ihre Geschwister regelmäßig zum Unterricht erschienen, hätten sie die Behörden vielleicht umstimmen können. In Paragraf 25a des Aufenthaltsgesetzes heißt es: "Einem jugendlichen geduldeten Ausländer soll eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden, wenn er im Bundesgebiet in der Regel seit vier Jahren erfolgreich eine Schule besucht."

Doch Anita Osmani saß statt im Hauptschulunterricht lieber mit Freunden am Gänseliesel-Brunnen in der Innenstadt oder aß Käsebrötchen mit Remoulade vom türkischen Bäcker. Theater machte ihr Spaß, Schule weniger. Für ihre Freunde war es eine jugendliche Dummheit, einfach nicht hinzugehen. Für Anita war es mehr. "Ich bereue es so", sagt sie.

Im Februar 2016 rückte die Polizei im Rosenwinkel an, um ihre Familie abzuholen. In den Augen der Behörden und der Justiz hatten auch die Eltern versagt: Sie bezogen jahrelang Sozialleistungen. Der Vater, ein Tischler aus Lipjan, war mehrfach wegen Betrugs, Körperverletzung und anderen kleineren Delikten verurteilt worden.

Anitas Vater kann nicht lesen und nicht schreiben. Wie wichtig Bildung ist, konnten ihre Eltern ihr nicht vermitteln, sagt Anita.

Die niedersächsische Härtefallkommission lehnte den Antrag der Familie im Sommer 2015 ab: Sie habe sich während ihres gesamten Aufenthalts in der Bundesrepublik nicht integriert. So sahen das danach auch zwei Gerichte.

"Was soll das heißen, nicht integriert?" Anita spricht bedächtig, Trotz schwingt in ihren Worten mit. "Ja, ich bin nicht immer zur Schule gegangen. Aber ich verstehe nicht, was das mit dem Kosovo zu tun hat. Ich spreche nicht mal die Sprache."

Drei Monate im norddeutschen Untergrund

Die Polizisten kamen im Morgengrauen, mit 60 Mann, berichtete später die Lokalzeitung. Doch die Roma, die sie suchten, waren weg. Eine Freundin hatte sie gewarnt.

Anita und ihre Familie waren zu einem Onkel in Norddeutschland geflohen. "Meine Geschwister und ich, wir haben die ganze Fahrt geweint", sagt sie. "Wir haben meinem Vater vorgeworfen, dass wir gehen mussten, weil er nicht gearbeitet hat." Der Vater weinte auch.

Seit der Kosovo 2015 zum sicheren Herkunftsland erklärt wurde, wurden rund 14.000 Menschen aus Deutschland dorthin abgeschoben. Anitas Familie war nicht dabei. Sie kappte vorher selbst die Wurzeln, die sie in Göttingen geschlagen hatte. Anita wurde zum Flüchtling - mitten in Deutschland.

Ein Wohnheim für Asylbewerber in Kamp-Lintfort. Zweistöckige Häuser stehen um einen Innenhof, in dem junge Bäume aus einem Pflastersteinboden wachsen. Über dem Geländer einer Außentreppe trocknen Hosen, Fahrräder stecken in billigen Ständern.

Drinnen, in einer Erdgeschosswohnung, stellt eine rundliche Frau mit blauen Augen Nüsse auf den Tisch und serviert türkischen Kaffee in winzigen Tassen. Metallbetten dienen als Sofas, die Kleider liegen in Spinden, der Boden ist aus zerkratztem PVC. Doch Anitas Mutter mag es hier, ein eigenes Bad und eine eigene Küche hatte sie in den vergangenen Monaten nicht überall. Sie hält alles sehr sauber, sie hat Vasen ins Regal gestellt und betäubt ihre Angst vor dem Kosovo mit Tabletten.

Anita sitzt auf einem Metallbett und fasst die vergangenen zweieinhalb Jahre zusammen: Beim Onkel im Norden blieben sie drei Monate, die Kinder durften keine Handys haben und nicht vor die Tür. Als sie es dort nicht mehr aushielten, zogen sie weiter zu Verwandten ins europäische Ausland. Wohin, das wollen sie nicht sagen.

Ständige Unsicherheit

Danach Ter Apel und Luttelgeest. Doch die Niederlande lehnten ihren Asylantrag ab. Sie gingen nach Braunschweig, Fallingbostel, Dortmund, Bochum. In Unna nahmen die Behörden ihr Asylgesuch schließlich entgegen. Man schickte sie nach Rüthen, dann nach Olpe. Seit einigen Monaten leben sie in Kamp-Lintfort.

Auch die dort zuständigen Behörden haben das jüngste Asylgesuch der Familie inzwischen abgelehnt. Die Ausländerbehörde verlängert ihre Duldungen nur noch für einen Monat. Die Polizei könnte jederzeit wieder kommen.

Wie verkraftet man diese Unsicherheit? Anita schaut sich bei Google nicht an, wie es in Lipjan aussieht. Sie weiß seit Jahren, dass es vielleicht unausweichlich ist, dass sie ins Land ihrer Eltern muss. Sie hätte längst anfangen können, Albanisch zu lernen. Doch Kosovo, das ist wie eine Tür im Kopf, durch die ihre Gedanken nicht schlüpfen wollen. "Ich kann gar nicht daran denken", sagt sie.

Sie klammert sich lieber an das, was sie in Deutschland voranbringen könnte. Sie hat sich und ihre Schwester Fatma in einer Schule angemeldet, jetzt, da sie endlich wieder länger an einem Ort sind. "Nur einen Abschluss, mehr will ich ja gar nicht", sagt Anita. "Das kann doch nicht so schwer sein."

In Göttingen hatte sie es bis kurz vor den Hauptschulabschluss geschafft. Sie wollte eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin anfangen. Sie spielte regelmäßig Theater.

Die Göttinger Regisseurin und Autorin Luise Rist hatte Anita entdeckt, als sie für ein Stück über Roma im Rosenwinkel Schauspieler castete. Anita sei eigentlich zu jung für die Rolle gewesen, erinnert sich Rist. Aber sie wollte unbedingt mitmachen.

Rist hat auch einen Roman geschrieben, zu dem Anita sie inspiriert hat. Er handelt von einem Roma-Mädchen, das abgeschoben wird. Anitas Foto ist auf dem Cover abgebildet, und sie war bei mehr als zehn Lesungen vor insgesamt über Tausend Schülern dabei.

Luise Rist ist eine Freundin der Familie geworden und es liegt auch an ihr, dass Anita noch nicht abgeschoben ist. Anfang 2016 beantragte Rist bei der Ausländerbehörde in Göttingen, dass Anita den Landkreis verlassen darf, um mit ihr auf eine Lesung zu fahren. Dafür war, wie auch für jede Klassenfahrt, eine Genehmigung nötig. Die Mitarbeiter hätten derart eindringlich gefragt, wann Anita wieder zurück sei, dass Rist daraus schloss: Die Abschiebung steht an. Sie warnte die Familie.

"Wir haben eine Verantwortung"

Der Frust darüber, dass der deutsche Staat Anita loswerden will, hat die Autorin auch zur Aktivistin gemacht. Rist findet, Roma sollten ein pauschales Bleiberecht bekommen. "Sie sind eine Minderheit ohne eigenes Land. Und es sind bundesweit nur einige Tausend. Außerdem haben wir Deutschen eine Verantwortung für sie."

Die Nazis verfolgten Sinti und Roma systematisch, betrieben Rassenforschung an ihnen, nahmen Zwangssterilisationen vor und zerstörten viel von ihrem kulturellen Erbe. Von damals amtlich erfassten 40.000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma ermordeten sie weit mehr als die Hälfte.

Anita will auf keinen Fall nach Göttingen zurück, weil sie sich schämt. "Wir stehen dort jetzt voll als Asylanten da", sagt sie. Als die, die das System ausnutzen, die sich nicht anpassen, die immer wiederkommen. Anita kennt die Klischees über Migranten vom Balkan. Sie sind ihr unangenehm.

Doch für ein Wochenende hat Anita ihre Scham überwunden. Sie ist nach Göttingen gefahren, weil sie zeigen will, wo sie mal zu Hause war. Es ist Spätsommer. Anita sitzt auf einem Steg am Mühlengraben hinter dem Hauptbahnhof. Neben ihr sitzt ihr afghanischer Freund Reshad, Vögel zwitschern, die Wolken spiegeln sich im Wasser unter ihren Füßen, sie reden über Markenschuhe. "Die kosten 150", sagt Anita und zeigt Reshad ein Foto auf ihrem Handy.

Im Jahr bevor sie untertauchte, spielte sie mit Reshad in einer Theatergruppe, in der deutsche und geflüchtete Jugendliche gemeinsam auftraten. In einem Stück hatte sie die Rolle einer deutschen Beamtin.

Damals klappte es auch mit der Schule gut. Als die Abschiebung drohte, machten sich viele für ihre Familie stark: die Gesellschaft für bedrohte Völker, der Verein Roma Center, Freunde und Mitschüler, die Theatergruppe. Sie sprachen beim Bürgermeister und beim Landesinnenminister vor, machten Unterschriftenaktionen. Erfolglos.

Reshad, 22, war damals Anitas bester Freund. Er kommt aus Kabul. "Das war so ein Schock", sagt er. "Eine Familie, die seit 20 Jahren hier ist, schickt ihr einfach weg? Anita ist doch keine Tüte, die man zusammenpackt und wegschmeißt."

Sie will es alleine schaffen

Wenn ihre Familie nächstes Mal abgeschoben werden soll, würde Anita, so ihr Plan, einfach nicht mitkommen. Sie könnte zu Luise Rist gehen, die gern noch eine Lesereise mit ihr machen würde. Sie könnte wohl auch in einem Frauenhaus unterkommen. Auch Reshad sagt, er würde sie aufnehmen.

Anitas ältere Schwester hat sich ebenfalls von der Familie abgeseilt. Als die Eltern und Geschwister untertauchten, zog sie zu ihrem Freund. Jetzt ist sie verheiratet und hat ein Baby mit deutschem Pass.

Wo sie wohnen und was sie tun will, weiß Anita noch nicht. Sie weiß nur: "Ich will es hier allein versuchen." Neulich hatte sie eine Idee. Sie fände es schön, andere Jugendliche zu beraten, die nicht zur Schule gehen wollen. "Ich würde ihnen sagen: Macht euren Abschluss!"

Alle Flüchtlinge aus Afghanistan, Eritrea, Somalia und anderen Ländern, die in der Theatergruppe waren, haben inzwischen eine Aufenthaltserlaubnis. Viele machen eine Ausbildung, gehen zur Schule. Niemand muss derzeit fürchten, abgeschoben zu werden. Bis auf Anita.

"Ich finde es gut, dass man hilft", sagt sie. "Aber ich kenne keine andere Heimat. Dass man mich daraus vertreibt, um Platz zu machen für andere, ist schon komisch." Doch so funktioniert das Asylrecht nicht. Es gibt keine Obergrenzen. Und der deutsche Staat wollte Anita Osmani schon loswerden, lang bevor Hunderttausende andere kamen.

Anita würde sich im Kosovo vielleicht nur mühsam zurechtfinden. Das Land ist arm, die Jugendarbeitslosigkeit hoch, ein System der Berufsausbildung wie in Deutschland gibt es nicht. Angehörige der Roma leiden häufig unter Diskriminierung. Die, die in der EU aufgewachsen sind und keine Kontakte haben, haben es besonders schwer.

Würde Anitas Familie abgeschoben, wäre es das abrupte Ende von dem, was die deutschen Behörden "Integration" nennen. Das, was gerade passiert, ist auch ein Ende, ein schleichendes. Zu den meisten Freunden von früher hat Anita keinen Kontakt mehr. Auch Theater spielt sie nicht mehr.

Den Bemühungen ihrer Eltern, sie schnell zu verheiraten mit einem Mann, der einen gesicherten Aufenthaltsstatus hat, widersetzt sie sich bisher. "Mein Vater hat das mal vorgeschlagen", sagt sie. "Ich finde es Schwachsinn, für einen deutschen Pass zu heiraten."

Stattdessen betet Anita nun seit einigen Wochen. Früher hatte sie mit Religion nicht viel zu tun. Jetzt streift sie sich mehrmals am Tag einen schwarzen Umhang über, ein Kopftuch umrahmt dann ihr Gesicht. Sie kniet sich zwischen Spind und Metallbett auf einen Teppich ihrer Flüchtlingswohnung, legt die schmalen Hände aneinander und murmelt arabische Suren, die sie auswendig gelernt hat.

"Wenn ich bete, fühle ich mich besser", sagt Anita. "Ich habe dann Vertrauen, dass alles gut wird."



Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, Kamp-Lintfort sei ein Stadtteil von Duisburg. Wir haben den Fehler korrigiert.