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Leben und Lernen

Arbeiterkinder an Unis

"Die fremde Welt hat mich eingeschüchtert"

Noch immer studieren Kinder von Arbeitern seltener als aus Akademikerhaushalten. Doch das liegt meist weder an ihnen selbst noch am fehlenden Geld, weiß Katja Urbatsch aus eigener Erfahrung.

DPA

Studenten stehen auf dem Campus

Ein Interview von Silvia Follmann
Sonntag, 20.11.2016   07:39 Uhr

Ob man studiert oder nicht, das scheint vielen heute auf den ersten Blick vor allem eine private Entscheidung, die kaum noch an äußere Faktoren wie Einkommen oder familiärer Hintergrund gebunden ist.

Doch das ist nicht die Realität, denn während Kinder aus akademischen Haushalten meist ganz selbstverständlich ein Studium ergreifen, so sieht das bei Kindern aus nicht akademischen Haushalten ganz anders aus: Von 100 Nichtakademikerkindern studieren gerade einmal 23, von 100 Akademikerkindern sind es 77. Wollen die anderen einfach nicht?

Nein, so einfach ist es nicht. Katja Urbatsch, Gründerin der Initiative Arbeiterkind.de erklärt, woran es wirklich liegt - und was getan werden kann, damit die Herkunft nicht mehr dafür entscheidend ist, ob jemand, der studieren möchte, das auch tut.

Zur Person

Frage: Du hast als Erste in deiner Familie studiert. Welche Hürde war für dich schwerer zu nehmen: überhaupt den Entschluss zu fassen oder alles was damit an Geld und Bürokratie verbunden ist?

Katja Urbatsch: Genau genommen war mein Bruder der Erste in unserer Familie, der studiert hat. Wir haben aber fast zeitgleich studiert, und das war auch ganz wichtig. Der Entschluss fiel mir gar nicht so schwer, denn mir ist gar kein Ausbildungsberuf in den Sinn gekommen, der mir Spaß machen würde. Also war sicherlich alles, was danach kam, die größere Hürde.

Frage: Haben deine Eltern euren Entschluss befürwortet?

Urbatsch: Ja, sie haben das schon befürwortet. Aber sie haben zunächst nicht verstanden, warum wir Kinder dafür beide nach Berlin wollten, das war ihnen zu weit weg. Natürlich war ein Studium etwas Neues in unserer Familie und deshalb wurde schon auch nachgefragt, warum wir nicht erst einmal eine solide Ausbildung machen und Geld verdienen wollten.

Auf Familienfeiern mussten wir uns auch immer wieder lustig gemeinte Sätze wie "Studenten sind doch alle faul" und "Du wirst mit deinem Studium doch sowieso nur Taxifahrer" anhören - auch wenn sie es nicht böse meinten, hat mich das nachhaltig geprägt. Dieses Unwissen, das dann in Vorurteile und Berührungsängste umschlägt. Und natürlich hat es mich auch verunsichert, denn auch mir war all das ja lange noch fremd.

Frage: 2008 hast du dann die Initiative "Arbeiterkind" gegründet. Warum hat dich das Thema nicht mehr losgelassen?

Urbatsch: Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen, weil viele meiner Freunde, die auch einen nichtakademischen Hintergrund haben, studieren wollten, es aber nicht gemacht haben. Auf Nachfrage von mir kam dann meist: "Ich habe mit meinen Eltern gesprochen und die fanden eine Ausbildung sinnvoller." Ein Fall war besonders absurd: Eine Freundin, die eine Fünf in Mathe hatte und dann eine Banklehre machte, obwohl sie eigentlich Soziologie studieren wollte - nur weil die Eltern das für das Richtige hielten.

Da habe ich das erste Mal begriffen, was für eine große Rolle der Familienhintergrund bei dieser Entscheidung spielt. Das sah ich auch ganz klar während meines eigenen Studiums: Ich war an der FU in Berlin und traf dort auf eine Klientel, die ich überhaupt nicht kannte und so gar nichts mit meinem eigenen Hintergrund zu tun hatte. Das hat mich erst einmal ziemlich klein fühlen lassen - trotz Einser-Abi und dem Ruf, nicht wirklich schüchtern zu sein.

Frage: Was hat dich so eingeschüchtert?

Urbatsch: Die mir fremde Welt. Es macht dich einfach klein, wenn du hörst, was die anderen schon alles gemacht und gesehen haben, dass sie Eltern haben, die Bücher schreiben oder ihnen Praktika im Bundestag vermitteln können. Meine Kommilitonen wurden auch bei Referaten von ihren Eltern unterstützt oder konnten zumindest über unsere Studieninhalte mit ihnen diskutieren - für mich undenkbar. Das waren Menschen, für die es immer klar war, dass sie studieren werden, die wussten, wie man an Stipendien und andere Förderungen kommt.

Ich habe durch diese Erfahrung sehr schnell kapiert, warum viele Kinder aus Arbeiterfamilien nicht studieren, und dass das nicht an den Kindern selbst liegt. Also habe ich damit begonnen, meine Stipendienanträge als Vorlage an andere weiterzugeben und habe bei Bedarf Bekannte mit ähnlichen Problemen gecoacht. Das war sicherlich der Grundstein für Arbeiterkind.de - aber bis ich die Idee dann wirklich umgesetzt habe, hat es noch ein paar Jahre gedauert.

Frage: Wie wichtig ist der finanzielle Aspekt bei der Entscheidung für oder gegen ein Studium?

Urbatsch: Natürlich spielt Geld eine Rolle, aber viel entscheidender ist der kulturelle Aspekt. Denn es gibt ja auch Akademikerkinder, die mit einer alleinerziehenden Mutter aufwachsen und bei denen das Geld knapp ist. Trotzdem studieren sie wesentlich häufiger als die Kinder aus den nicht akademischen Haushalten. Denn der Unterschied ist: Sie wissen, auch wenn sie nicht alle finanziellen Möglichkeiten haben, wie wichtig Bildung ist und setzen dann Himmel und Hölle in Bewegung, um ihrem Kind das Studium zu ermöglichen. Das Geld spielt also gar nicht die entscheidende Rolle, auch wenn das viele als Grund nennen.

Wenn das Geld ein Problem ist, dann vor allem in der Hinsicht, dass eine große Angst davor besteht, Schulden zu machen, die man nicht zurückzahlen kann oder dass Bafög-Zahlungen erst nach zwei Monaten kommen. Eine tolle Initiative in der Richtung kommt etwa vom Freiburger Studentenwerk, die für die ersten Monate eine Übergangsleistung an Menschen zahlen, deren Bafög auf sich warten lässt, damit eben diese Not nicht entsteht.

Frage: Wie genau sieht die Unterstützung für die Jugendlichen aus, wenn sie auf euch zukommen?

Urbatsch: Wir schauen, wo die nächste lokale Arbeiterkind-Gruppe ist und dort können sie in die Sprechstunde oder zu offenen Treffen gehen, um sich zu informieren. In erster Linie geht es aber darum, sich kennenzulernen, auszutauschen und Mut zu machen. Im nächsten Schritt schaut man dann gemeinsam, ob es eine Finanzierung des Studiums braucht und wo man Förderungen beantragen kann.

Frage: Gibt es einen Fall, der dich besonders bewegt hat?

Urbatsch: Erst letzte Woche habe ich bei einer Veranstaltung ein Mädchen getroffen, das aus einer Hartz-IV-Familie kommt, die gern ein MINT-Fach studieren will und Bestnoten in Mathe und Technik hat. Das ist doch ein Traum! Genau diese Menschen suchen wir als Gesellschaft doch die ganze Zeit. Aber sie hat sich gar keine Chancen auf ein Studium ausgerechnet, weil sie nicht wusste, wie sie es finanzieren soll und wie man die ganze Sache überhaupt angeht.

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Frage: Was müsste von Seiten der Politik passieren, um Bildung nicht mehr im Elfenbeinturm zu halten?

Urbatsch: Wenn Jugendliche heute anfangen zu studieren, wissen sie überhaupt nicht, wie viel Bafög sie bekommen und wann. Gerade wenn man aus einer ärmeren Familie kommt, braucht man Sicherheit und muss wissen, mit was man rechnen kann.

Zum einen müssen wir, und das stößt mir wirklich auf, uns von dem Gedanken des Akademisierungswahns verabschieden. Das ist nicht die Realität, nur 20 Prozent der Deutschen sind Akademiker. Es ist bizarr, denn die meisten, die dieses Argument anführen, sagen auch: Eine Ausbildung ist prima, aber meine Kinder sollen natürlich alle studieren. Das ist einfach nicht ehrlich, denn den eigenen Kindern empfiehlt man immer das, was man selbst als zukunftsweisend empfindet.

insgesamt 103 Beiträge
Zoroaster1981 20.11.2016
1.
Das Dilemma fängt doch schon damit an, dass ständig von Bildung im Zusammenhang eines Studiums (offensichtlich egal, welches) gesprochen und damit auch der Umkehrschluss getroffen wird, dass Handwerks- und andere [...]
Das Dilemma fängt doch schon damit an, dass ständig von Bildung im Zusammenhang eines Studiums (offensichtlich egal, welches) gesprochen und damit auch der Umkehrschluss getroffen wird, dass Handwerks- und andere "Lehrberufe" eher für wenig Bildung stehen. Nun, ich weiß nicht, wie es in anderen Bundesländern ist, aber zuerst mal sehe ich hier in Bayern sehr viele Handwerker, die sich selbständig gemacht haben und - sorry - vor Geld nur stinken. Teilweise mit schönen großen Häusern (an denen sie auch viel selber machen konnten). Bei größeren Landwirten ist es ähnlich. Ich selbst bin Akademiker (Ingenieur) und habe beruflich und auch durch mein Umfeld im Gegensatz zu früher hauptsächlich mit Akademikern zu tun. Und da gibt es alles: von Leuten mit einem breiten Bildungshorizont bis zum Fachidioten, von Leuten mit viel Geld bis zu jenen, die kaum über die Runden kommen. Grundsätzlich kann ich aber folgendes sagen: ich halte einen Akademiker per se nicht für gebildeter als jemanden, der eine klassische Lehre gemacht hat. Und ja, ich halte es auch nicht für "höher stehend", sämtliche Werke von Goethe - um ein klassisches Beispiel zu nennen - zu kennen als beispielsweise, welche Schraube mit welchem Drehmoment anzuziehen ist. Wir reden hier von vielen Welten, aber faktisch kommt es doch darauf an: kann ich selber von meinem erworbenen Geld gut leben (und nicht wie mancher Soziologe auf Kosten der Eltern leben zu müssen) und was Bildung als Wert an sich anbelangt: viel zu wissen heißt nicht, viel zu verstehen. Vor vielen großen Fragen scheitern unzählige Akademiker wie auch Nicht-Akademiker. Kochen tun sie mehr oder weniger fast alle mit dem selben lauwarmen Wasser....
Wulflam 20.11.2016
2.
Ist nur die Hälfte des Artikels eingestellt? Die letzte Antwort beginnt mit "Zum einen ..." und dann gibt es kein "zum anderen ...", außerdem wirkt der Beitrag irgendwie abgehackt, als ob es noch irgendwie [...]
Ist nur die Hälfte des Artikels eingestellt? Die letzte Antwort beginnt mit "Zum einen ..." und dann gibt es kein "zum anderen ...", außerdem wirkt der Beitrag irgendwie abgehackt, als ob es noch irgendwie weitergehen müsste.
trackingerror 20.11.2016
3. Erfahrungsbericht
Ja, das spiegelt meine eigenen Erfahrungen wider. Ich entstamme einer Arbeiterfamilie und kann der Dame nur zustimmen. Ich erinnere mich eher ungern an die völlig unterschiedliche Mentalität an der Uni, die schon etwas von [...]
Ja, das spiegelt meine eigenen Erfahrungen wider. Ich entstamme einer Arbeiterfamilie und kann der Dame nur zustimmen. Ich erinnere mich eher ungern an die völlig unterschiedliche Mentalität an der Uni, die schon etwas von einer Klassengesellschaft hatte. Ich erinnere mich auch ungern an den sukzessiv zunehmenden Leistungsdruck, weil ich ohne Schulden das Studium hätte nicht finanzieren können und diese mit zunehmender Studiendauer weiter anwuchsen. Nun, nach 10 Jahren, komme ich enttäuscht zu dem Schluss, dass sich trotz guten Uni-Abschlusses und sehr umfangreicher Kompetenzen die Erwartungen nie realisiert haben, da die Jobs zunächst an Absolventen aus Akademikerfamilien gehen. Somit ist ein wesentlicher Nachteil für Arbeiterkinder, dass diese von der Vetternwirtschaft über die Akademikergenerationen hinweg keine Kenntnis haben. Wenn ein Arbeiterkind also glaubt, Leistung würde belohnt, den warne ich insofern, dass diese Ansicht leider nirgendwo der Fall ist (ich habs zumindest nicht erlebt), und somit das Chance-Risiko-Verhältnis für solche Studenten völlig unausgewogen sein kann.
gluecklich_woanders 20.11.2016
4.
Obwohl ich Initiativen wie Arbeiterkind.de natürlich grundsätzlich befürworte und für sinnvoll halte, meine ich in dem obigen Interview doch einige Generalisierungen herauszulesen, die so m.E. nicht zutreffen. Ich war [...]
Obwohl ich Initiativen wie Arbeiterkind.de natürlich grundsätzlich befürworte und für sinnvoll halte, meine ich in dem obigen Interview doch einige Generalisierungen herauszulesen, die so m.E. nicht zutreffen. Ich war ebenfalls die erste in meiner Familie, die studiert hat; meine Eltern sind beide Nichtakademiker. Das hat allerdings nichts mit einem klassischen "Arbeiterhintergrund" meinerseits zu tun, sondern mit der schlichten Tatsache, dass es Kindern aus ländlichen Gegenden infrastrukturell einfach schwerer gemacht wird, zu studieren. Wo Stadtkinder erstmal zuhause wohnenbleiben können, fallen hier oft teure Wohnungs- und Transportkosten an; ganz zu schweigen von der oft signifikanten räumlichen Trennung von Freunden und Familie. Ich bin heute an einem großen deutschen Forschungsinstitut und fühle mich dort nicht "in einer fremden Welt" oder irgendwie von meinem Hintergrund entkoppelt; auch an der Uni ging mir das nie so. Meine Eltern hatten schon die allererste GEO-Ausgabe zuhause, unsere Familienurlaube waren auf Kultur ausgerichtet, und Terra-X am Sonntagabend war bei uns Pflicht. Ich weiß ganz ähnliches auch von Freunden, die ebenfalls studiert haben, ohne dabei aus Akademikerhaushalten zu kommen. Den klassischen "Akademikerhaushalt" gibt es m.E. genausowenig wie den klassischen "Arbeiterhaushalt". Am meisten verunsichert hat mich an der Uni die Verwaltung, Einschreibung, Prüfungsanmeldung, weil mir hier zuhause tatsächlich niemand helfen konnte. Hier sollte man ansetzen, wenn man Kinder mit nichtakademischem Hintergrund erreichen möchte, ebenso wie beim Wohnraum und Transport, da man so auch Studierende aus ländlichen Gegenden anziehen kann. In jedem Projekt- und Stipendienantrag gleich die Arbeiterkeule rauszuholen, halte ich für kontraproduktiv.
mwibe 20.11.2016
5.
Diese Aussage von Kommentar #3 entspricht nicht der Realität: Es wird nirgendwo im Bewerbungsgespräch gefragt, ob Sie aus einer Akademikerfamilie kommen oder was Ihre Eltern beruflich machen. Also liebe Arbeiterkinder, [...]
Zitat von trackingerrorJa, das spiegelt meine eigenen Erfahrungen wider. Ich entstamme einer Arbeiterfamilie und kann der Dame nur zustimmen. Ich erinnere mich eher ungern an die völlig unterschiedliche Mentalität an der Uni, die schon etwas von einer Klassengesellschaft hatte. Ich erinnere mich auch ungern an den sukzessiv zunehmenden Leistungsdruck, weil ich ohne Schulden das Studium hätte nicht finanzieren können und diese mit zunehmender Studiendauer weiter anwuchsen. Nun, nach 10 Jahren, komme ich enttäuscht zu dem Schluss, dass sich trotz guten Uni-Abschlusses und sehr umfangreicher Kompetenzen die Erwartungen nie realisiert haben, da die Jobs zunächst an Absolventen aus Akademikerfamilien gehen. Somit ist ein wesentlicher Nachteil für Arbeiterkinder, dass diese von der Vetternwirtschaft über die Akademikergenerationen hinweg keine Kenntnis haben. Wenn ein Arbeiterkind also glaubt, Leistung würde belohnt, den warne ich insofern, dass diese Ansicht leider nirgendwo der Fall ist (ich habs zumindest nicht erlebt), und somit das Chance-Risiko-Verhältnis für solche Studenten völlig unausgewogen sein kann.
Diese Aussage von Kommentar #3 entspricht nicht der Realität: Es wird nirgendwo im Bewerbungsgespräch gefragt, ob Sie aus einer Akademikerfamilie kommen oder was Ihre Eltern beruflich machen. Also liebe Arbeiterkinder, lasst Euch die Hoffnung nicht ausreden: Wenn Ihr studiert und den Berufsweg einschlagt, der Euch interessiert und in dem Ihr folgemäßig Ausdauer und intrinsische Motivation mitbringt, dann könnt Ihr auch später beruflich erfolgreich sein. Kein Arbeitgeber wird dann so "dumm" sein, auf Eure wertvolle Arbeitskraft zu verzichten, denn die sind dankbar für solche Leute, die ihrem Unternehmen/Abteilung einen Mehrwert bieten.

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