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Leben und Lernen

Türkei

Erst Professoren entlassen, dann Proteste niedergeschlagen

Härte gegen Demonstranten: In der Türkei sind ein Dutzend Menschen festgenommen worden, die gegen Massenentlassungen von Dozenten und Professoren protestiert hatten.

REUTERS

Ein Demonstrant an der Uni Ankara wird von Polizisten überwältigt.

Freitag, 10.02.2017   17:24 Uhr

Tränengas, Gummigeschosse, Festnahmen: An der Universität von Ankara haben Sicherheitskräfte am Freitag Proteste gegen die Entlassung Hunderter Dozenten und Professoren gewaltsam aufgelöst. Wie ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP berichtete, wurde ein Dutzend Demonstranten bei der Kundgebung in der türkischen Hauptstadt festgenommen. Behörden hatten die Demonstration zuvor verboten.

Nach dem Erlass eines neuen Notstandsdekrets am Dienstagabend hatten 330 Mitglieder des Hochschulrats YÖK ihre Kündigung erhalten. Unter ihnen ist auch der Verfassungsrechtler Ibrahim Kaboglu, der die umstrittene Verfassungsreform zur Einführung eines Präsidialsystems kritisiert hatte. Wegen des Ausnahmezustands in der Türkei kann Präsident Recep Tayyip Erdogan Notstandsdekrete erlassen.

REUTERS

Studenten und Hochschulangehörige legen an der Universität Ankara demonstrativ ihre Umhänge auf den Boden - als Zeichen des Protests.

Verschlüsselte Nachrichten reichen für Entlassung

Die Opposition kritisiert, dass viele der Dekrete nichts mit dem Ausnahmezustand zu tun haben, der wegen des gescheiterten Militärputschs vom 15. Juli verhängt wurde. Seitdem wurden per Dekret Zehntausende Staatsbedienstete entlassen, denen Verbindungen zur Gülen-Bewegung vorgeworfen werden. Der islamische Prediger wird für den Putschversuch verantwortlich gemacht. Im türkischen Bildungssystem sind dadurch zeitweise zahlreiche Lücken entstanden.

Viele der Betroffenen mussten gehen, weil sie die verschlüsselte Messenger-App ByLock auf ihren Telefonen hatten, über die angeblich Gülen-Anhänger kommunizierten. Laut türkischen Medienberichten waren unter den nun Entlassenen aber auch 115 Dozenten, die eine Petition für eine friedliche Beilegung des Konflikts mit der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) unterzeichnet hatten.

Der YÖK-Vertreter Sener Aslan sagte dem türkischen Dienst der BBC, die Listen der entlassenen Dozenten seien von den Universitäten selbst zusammengestellt worden. Arslan sagte, die Entlassung selbst eines einzigen Akademikers sei zu viel. Auch die beiden Oppositionsparteien CHP und HDP kritisierten die Entlassungen. Insgesamt wurden mit dem Dekret am Dienstag weitere 4464 Staatsbedienstete entlassen.

him/AFP

insgesamt 4 Beiträge
wutbürger2010 10.02.2017
1. Wohin soll das nur führen ?
Hier geht es um immer häufiger werdende Menschenrechtsverletzungen in einem Land, welches rein formal noch immer in die EU soll und deren Präsident mit der deutschen Kanzlerin einen "Flüchtlingspakt" vereinbart hat. [...]
Hier geht es um immer häufiger werdende Menschenrechtsverletzungen in einem Land, welches rein formal noch immer in die EU soll und deren Präsident mit der deutschen Kanzlerin einen "Flüchtlingspakt" vereinbart hat. Warum steht solch ein Artikel fast winzig klein so weit unten bei SPON ?
strahlenke 10.02.2017
2. traurig
Immerhin trauen sich trotz erwartbarer staatlicher Reaktionen noch Menschen zum Protest gegen diese willkürlichen Akte. Sind die türkischen Gefängnisse nicht alle voll, bei den massenhaften Verhaftungswellen?
Immerhin trauen sich trotz erwartbarer staatlicher Reaktionen noch Menschen zum Protest gegen diese willkürlichen Akte. Sind die türkischen Gefängnisse nicht alle voll, bei den massenhaften Verhaftungswellen?
dbrown 10.02.2017
3. Wer macht
jetzt eigentlich die ganze Arbeit?? Der Mann entlässt den halben Staatsapparat, das kann er doch gar nicht alles ersetzen.
jetzt eigentlich die ganze Arbeit?? Der Mann entlässt den halben Staatsapparat, das kann er doch gar nicht alles ersetzen.
rubikon2016 11.02.2017
4. Tja,
ein weiterer Schritt in Richtung Entwicklungsland für die Türkei. Aber da die Mehrheit der Türken offenbar diesen Weg unterstützt und die Religion über den Verstand setzt, bitte. Nur würde ich als Europa den Kontakt bzw [...]
ein weiterer Schritt in Richtung Entwicklungsland für die Türkei. Aber da die Mehrheit der Türken offenbar diesen Weg unterstützt und die Religion über den Verstand setzt, bitte. Nur würde ich als Europa den Kontakt bzw sämtliche Handelsbeziehungen kappen, denn religiösen Fundamentalismus sollte man als Demokrat mit allen Mitteln bekämpfen. Wer in die Steinzeit möchte, kann mit aufgeklärten und modernen Gesellschaften ohnehin nichts anfangen.
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