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Leben und Lernen

Studentin mit Burn-out

"Ich wünschte mir einen Unfall, um im Bett bleiben zu können"

Es begann mit hohen Ansprüchen und endete in Panikattacken mit Ohnmachtsanfällen: Unsere Autorin, 23, erlitt in ihrem Studium einen Burn-out. Hier beschreibt sie, welche Warnsignale sie zu lange übersehen hat.

Getty Images

Studentin in der Bibliothek (Symbolbild)

Mittwoch, 29.03.2017   11:15 Uhr

Ich war neunzehn, als ich die Schule beendete. Obwohl Mathe und Kunst meine Leistungskurse waren, und obwohl bei den Tests sämtlicher Berufsberatungen immer wieder Architektur herausgekommen war, hatte ich zunächst noch Hemmungen, das Fach zu studieren, in dem meine Mutter und Tanten so erfolgreich sind. Aber was sollte ich sonst machen?

Praktika. Das erste führte mich zum Staatstheater. Dort fiel mir jedoch schnell auf, dass die Mitarbeiter, die nach außen hin als große glückliche Gemeinschaft auftraten, eigentlich eine eifersüchtige, missgünstige und ziemlich arrogante Gruppe waren, und ich mir nicht vorstellen konnte, in einem inhaltlich so realitätsfernen Bereich zu arbeiten.

Nächster Versuch: ein Museum. Die Mitarbeiter waren nett und gaben sich Mühe. Aber an der Kasse saß eine 40-jährige Frau mit einem abgeschlossenen Magister in Kunstgeschichte und zwei Doktortiteln. So ging es vielen dort, und durch den Mangel an Arbeitsplätzen und die Angst, diese zu verlieren, entstand eine sehr unangenehme Konkurrenz.

Angst vor dem Umzug in die neue Stadt

Ein paar Erfahrungen später lautete die Erkenntnis: warum es nicht wenigstens mit Architektur versuchen? Ich bewarb mich an nahezu allen Hochschulen in Deutschland, aus Sorge, nicht genommen zu werden. Zu meinem Erstaunen erhielt ich großartige Noten bei den Eignungstests und gleich mehrere Zusagen. Ich entschied mich für eine mittelgroße Stadt, mehrere Hundert Kilometer von meiner Heimat entfernt, hatte aber auch Angst vor dem Umzug. Doch ich fand ein schönes Zimmer in einer WG, und die Atmosphäre an der Uni war schnell familiär.

Das Studium hat mich dann aber recht bald erschlagen: Wir waren fast jedes Wochenende in der Uni, und auch unter der Woche waren zwölf Stunden am Tag keine Seltenheit. Es machte mir trotzdem viel Spaß. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, gut in dem zu sein, was ich tue und voranzukommen. Das zweite Semester lief sogar noch besser, die Kursinhalte wurden anspruchsvoller, die Beziehungen persönlicher und meine Arbeiten immer wieder positiv hervorgehoben.

Ich startete also voller Elan in das dritte Semester, schrieb mich bei einem sehr kritischen Professor ein und stellte hohe Ansprüche an mich selbst. Ich kann im Nachhinein nicht mehr sagen, was sich in welcher Form gegenseitig bedingte. Ob es der Professor war, bei dem ich das Gefühl bekam, dumm und fehl am Platz zu sein, ob ich wegen des Arbeitsaufwandes so unendlich erschöpft war, oder ob es mir wegen des Drucks durch die Abgabetermine nicht mehr gut ging.

Erfahrungsbericht zur Magersucht: "Ich esse und heule"

Es gab zum Beispiel eine Situation, in der ich abends weinend nach Hause kam, weil ich es nach einem Tag in der Uni nicht mehr geschafft hatte einzukaufen. Meine Mitbewohnerin verstand meine Reaktion nicht, machte mir etwas zu essen und sagte, dass ich ja am nächsten Tag einkaufen könne. Aber ich war absolut verzweifelt, Erwachsenwerden war auch ein Riesenthema für mich - und wie sollte das gehen, wenn ich nicht mal in der Lage war, meine Tage durchzustrukturieren?

Ich brach häufig ohne ersichtlichen Grund in Tränen aus, wachte früh am Morgen auf, wurde immer unzufriedener mit mir selbst und war an manchen Tagen so erschöpft, dass ich fast nicht aus dem Bett kam. Ich kannte diese Symptome schon aus meiner Jugend; seit meiner Kindheit hatte ich immer mal wieder eine depressive Episode gehabt, eine echte Depression war aber nie diagnostiziert worden. Trotzdem suchte ich mir therapeutische Hilfe.

Die Wintersemesterferien waren frustrierend, ich hatte wegen des geringeren Stress zwar weniger Symptome, aber meine Noten entsprachen nicht meinen Ansprüchen, und obwohl ich dringend Geld für das nächste Semester gebraucht hätte, fehlte mir die Kraft zum Arbeiten. Die Abgaben, die nach den Semesterferien anstanden, liefen auch nur schleppend. Ich war unkonzentriert und zu langsam, und je länger alles dauerte, umso frustrierter wurde ich.

Kurz vor den Abgaben war ich an einem Punkt, an dem ich mir einen Unfall oder eine Krankheit herbei wünschte, um nur nicht aufstehen zu müssen. Gegen den Drang, den ganzen Tag im Bett zu bleiben, half nur, sofort aufzustehen und laufen zu gehen. So entwickelte ich nach und nach Strategien gegen die depressiven Symptome. Trotzdem gelang es mir nicht, meinen eigenen Ansprüchen zu entsprechen und den Anforderungen, die von unterschiedlichen Seiten an mich gestellt wurden. Zu den psychischen Symptomen kamen jetzt auch physische: Schlafmangel, häufige Erkältungen, Engegefühle, Kopfschmerzen.

Ich wollte nicht mehr weinen, ich wollte alles richtig machen

Ich wollte das Studium aber unbedingt zu Ende bringen, auch da ich in den Jahren zuvor viele Dinge nicht hinbekommen hatte. Außerdem war die Vorstellung unerträglich, an dem zu scheitern, worin ein Großteil meiner Familie so erfolgreich war. Ich redete mir selbst ein, nur überarbeitet gewesen zu sein und startete mit hohen Ambitionen ins vierte Semester.

Ich wurde für ein Tutorium vorgeschlagen, wollte meine Arbeit in den Hochschulgremien wieder aufnehmen, mich wieder mehr für meinen Job als studentische Hilfskraft engagieren - und natürlich wieder tolle Noten erzielen. Ich war irrsinnig kontrolliert, als ich zurück in meine Uni-Stadt fuhr. Ich wollte nicht mehr weinen und mir keine Müdigkeit mehr einbilden. Ich wollte alles richtig machen.

Nach zwei Wochen brach es dann über mich herein: Ich wachte häufig nachts mit Herzrasen auf, hatte einen Hörsturz, immer häufiger ein Beklemmungsgefühl. Und nach einem Seminar hatte ich meine erste Panikattacke - ich hatte Schweißausbrüche, habe gezittert, musste mich übergeben.

Alles setzte mich unter Druck: Ich musste ein Paket von der Post holen, hatte am selben Morgen einen Termin bei meiner Therapeutin, war abends in der WG mit Kochen dran - es kam mir nicht schaffbar vor. Bei der nächsten Panikattacke verlor ich das Bewusstsein.

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Eine Woche später diagnostizierte meine Therapeutin ein Burn-out. So fühlte ich mich auch: Ausgebrannt. Ideenlos. Kraftlos. Freudlos. Sie empfahl mindestens eine medikamentöse Einstellung, eher noch einen Klinikaufenthalt. Ich war aufgelöst, versuchte meine Mutter anzurufen, erreichte sie aber nicht. Es stand an diesem Tag viel an: Ich hatte ein Seminar, Gremiensitzung, der Vorentscheid für die Tutorien sollte bekannt gegeben werden, zudem noch eine Wohnungsbesichtigung.

Weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, fuhr ich in die Uni. Ich war eigentlich nicht aufnahmefähig für irgendetwas, aber ich hätte mir doch Chancen verbaut, wenn ich nicht zu der Vorentscheidung gegangen wäre, ich wäre enttäuscht gewesen, wenn ich nicht an den Gremien teilgenommen hätte... Als meine Mutter mich abends zurück rief, schlug sie vor, mich abzuholen und mit nach Hause zu nehmen. Widerwillig stimmte ich zu.

In meiner Heimat machte meine Mutter einen Termin bei einer Psychiaterin. Ihre Diagnose lautete Double Depression. Das bedeutet: eine chronische leichte Depression in Verbindung mit einer schwer depressiven Episode, dem Burn-out eben. Obwohl diese Diagnose niederschmetternd war, war ich doch mehr als froh, zufällig auf eine Klinik gestoßen zu sein, die genau auf die Behandlung meiner Symptome spezialisiert ist.

Seitdem sind vier Monate vergangen. Die Behandlung hat gut angeschlagen, ich nehme Medikamente gegen die depressiven Symptome und werde wohl bald versuchen, mein Studium wieder aufzunehmen. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit, vor allem, dass es nicht nötig ist, sich zu vergleichen, und dass ich mich selbst ernster nehmen muss. Jetzt heißt es: das Gelernte umzusetzen.


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