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Leben und Lernen

Inflation guter Examensnoten

Wenn eine 2,0 zu Tränen führt

Noten an deutschen Hochschulen werden seit Jahren besser - und nichtssagender. Bildungsforscher fordern in einer Studie mehr Vergleichbarkeit. Oder eine Vergabe von Masterplätzen im Losverfahren.

DPA
Dienstag, 18.04.2017   11:38 Uhr

Die Masterarbeit war ordentlich, hatte aber auch Schwächen - und so erhielt eine Berliner Sprachwissenschaftsstudentin dafür die Note 2,0. Für die junge Frau kein Grund zur Freude, sondern der Anlass für Weltuntergangsstimmung: In zahlreichen Mails und Telefonaten versuchte sie verzweifelt, die Prüfer zu einer besseren Bewertung zu drängen.

Das sei kein Einzelfall, berichtet der Flensburger Professor Gerd Grözinger von seinen Erfahrungen: "Studierende kommen heute mit einer anderen Erwartungshaltung. Wenn Sie eine 2,0 vergeben, sehen Sie manchmal schon ein Tränchen", sagt der Bildungsökonom an der Europa-Universität Flensburg. "Es gibt Fächer wie Biologie oder Psychologie, in denen die Eins die häufigste Note ist", ergänzt Volker Müller-Benedict, Hochschullehrer für Forschungsmethoden. "Das besagt erst mal, dass man zur besseren Hälfte gehört."

Immer mehr Einsen, immer weniger Durchfaller: Tatsächlich sind die Examensnoten an deutschen Hochschulen seit den Siebzigerjahren immer besser geworden. Die beiden Flensburger Bildungsforscher haben diese "Noteninflation" systematisch untersucht und fordern ein Umdenken bei der Benotung: Für mehr Gerechtigkeit müsse Vergleichbarkeit her.

"Wenn viele studieren, wird stärker gesiebt"

Für ihre Studie "Noten an Deutschlands Hochschulen" haben die Forscher für ausgewählte Fächer mit einem Team drei Jahre lang 138.000 Prüfungsakten und rund 700.000 Examensnoten aus sieben Universitätsarchiven in der Bundesrepublik von 1960 bis 1996 ausgewertet. Hinzu kamen Gruppendiskussionen sowie rund 5,3 Millionen Daten aus der offiziellen Notenstatistik seit 1996.

Die von den Forschern nachgewiesene Inflation verläuft in Zyklen. "Es gibt Phasen, in denen Noten stagnieren und in denen sie besser werden", sagt Müller-Benedict. In Fächern mit nationalem Arbeitsmarkt wie Lehramt oder Psychologie spiegele sich die Konjunktur: "Wenn auf dem Arbeitsmarkt Mangel herrscht, gibt es bessere Noten. Bei Überfüllung wird mehr selektiert." Die Bewertung in allgemeineren Fächern wie Biologie oder Germanistik hänge dagegen oft mit der Zahl der Studenten zusammen: "Wenn viele studieren, wird stärker gesiebt."

Hinzu kämen verschiedene Fächerkulturen und Unterschiede an den Universitäten. Während bei Juristen eine Vier fast überall dem Durchschnitt entspricht und ein Vollbefriedigend bereits für den Staatsdienst qualifiziert, gibt es in anderen Fächern je nach Uni unterschiedliche Prüfungskulturen und Bewertungen. Zudem gäben etwa Ältere oder Frauen im Schnitt bessere Noten. Viele internationale Studenten würden den Schnitt dagegen oft drücken.

DPA

Die Flensburger Bildungsforscher Volker Müller-Benedict (l.) und Gerd Grözinger

Noten, fordern die beiden Forscher, müssten vergleichbar sein, um Ungerechtigkeiten zu beenden. So sollte das Statistische Bundesamt regelmäßig die bundesweiten Durchschnittsnoten der Fächer veröffentlichen - als Orientierung für Arbeitgeber und wegen zunehmender Interdisziplinarität.

Masterplätze per Los vergeben

Auf dem Zeugnis sollte ferner eine Einordnung der Note erfolgen, verlangen die Forscher - etwa per kleinem Balkendiagramm, wie viele Einser, Zweier, Dreier, Vierer und Fünfer es in den vergangenen fünf Jahren in dem Fach an dieser Uni gegeben hat. Denn ihnen war etwa auch aufgefallen, dass Fachhochschulen bessere BA-Noten vergeben. "Und zwar nicht, weil sie die besseren Studierenden haben", sagt Grözinger.

Im Wissen, dass Noten oft wenig vergleichbar sind, plädieren die beiden Flensburger Forscher dafür, etwa bei der Vergabe von Masterplätzen stärker auf Losverfahren zu setzen - denn Gerechtigkeit gebe es auf Basis der Bewertungen sowieso nicht.

Als einen Grund für die Inflation der guten Noten vermuten die Forscher, dass Professoren häufig nach ihren Absolventen beurteilt werden. Auch Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, warnt davor, gute Noten mit guter Lehre zu assoziieren. Dozenten könnten Druck verspüren, gute Noten zu vergeben. Er plädiert dafür, "die bisherige Notenskala durch drei Kategorien zu ersetzen: exzellent - bestanden - durchgefallen. Mehr brauchen wir eigentlich nicht."

him/dpa/Alexander Preker

insgesamt 74 Beiträge
t_mcmillan 18.04.2017
1. Vielleicht...
... einfach anerkennen, dass das Studium erst mit dem Master abgeschlossen ist? Und entsprechend viele Masterplätze einrichten?
... einfach anerkennen, dass das Studium erst mit dem Master abgeschlossen ist? Und entsprechend viele Masterplätze einrichten?
jozu2 18.04.2017
2. Dankeschön Bologna!
Es gibt ja mittlerweile über 10.000 Bachelor- und Masterstudiengänge. Wie soll sich denn da ein junger Mensch nach seinem (leider auch immer mehr inflationär verteiltem) Abitur nach seinen Neigungen entscheiden? Jede Firma, die [...]
Es gibt ja mittlerweile über 10.000 Bachelor- und Masterstudiengänge. Wie soll sich denn da ein junger Mensch nach seinem (leider auch immer mehr inflationär verteiltem) Abitur nach seinen Neigungen entscheiden? Jede Firma, die mehr als zwei Spezialisten sucht, bekommt direkt einen Spezial-Studiengang maßgeschneidert. Früher haben sich die Akademiker mit dem Thema ihrer Diplomarbeit spezialisiert. Sie waren aber immer noch wissenschaftlich in einem Fach ausgebildet. Das hatte das Ziel, dass z.B. ein Dipl-Chemiker in der Lage war, sich chemische Problemstellungen s e l b s t ä n d i g wissenschaftlich zu erarbeiten und dabei auch links und rechts gucken zu können. Die Master und erst recht die Bachelor sind zu Spezialisten - ohne die Fähigkeit generalistisch zu denken - ausgebildet. Den Bologna-Schrott sollte man schnellstmöglich rückgängig machen, um dieses Studier-Chaos nicht noch mehr jungen Menschen anzutun.
schoenwetterschreiberling 18.04.2017
3.
Wenn die Notenskala auf die drei beschriebenen Begriffe eingedampft werden wollte, gäbe es nur noch "exzellente" Bewertungen. Das "Bestanden" würde als "gerade nicht durchgefallen" gesehen werden [...]
Wenn die Notenskala auf die drei beschriebenen Begriffe eingedampft werden wollte, gäbe es nur noch "exzellente" Bewertungen. Das "Bestanden" würde als "gerade nicht durchgefallen" gesehen werden und somit als Examensnote den Eintritt ins Erwerbsleben unmöglich machen. Deutlich besser wäre die bundesweite Vergleichbarkeit anhand statistischer Daten, wie sie im Artikel beschrieben wird.
ttvtt 18.04.2017
4. Bachelor nichts wert
Bachelor ist nicht mehr wert als ein Vordiplom/Grundstudium. Was sich da manchmal für Bachelor-"Akademiker" in einem Masterstudiengang verirren, ist schon fragwürdig und man fragt sich nicht nur wie diese ihre Abitur [...]
Bachelor ist nicht mehr wert als ein Vordiplom/Grundstudium. Was sich da manchmal für Bachelor-"Akademiker" in einem Masterstudiengang verirren, ist schon fragwürdig und man fragt sich nicht nur wie diese ihre Abitur sondern auch ihren Bachelor bekommen haben.
Kasob 18.04.2017
5. Auswendiglerner
Wir erziehen eine Generation von Auswendiglernern. Anders kann ich es mir nicht erklären. Keiner kann in allen glänzen. Oder haben wir nur noch Genies in unseren Schulen?
Wir erziehen eine Generation von Auswendiglernern. Anders kann ich es mir nicht erklären. Keiner kann in allen glänzen. Oder haben wir nur noch Genies in unseren Schulen?

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