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Leben und Lernen

Bafög

Weniger Studenten bekommen Geld vom Staat

Die Zahl der Bafög-Empfänger in Deutschland sinkt - zum fünften Mal in Folge. Hunderttausende Studierende müssen jobben oder mit dem Geld ihrer Eltern auskommen.

DPA

Antrag auf Ausbildungsförderung (Bafög)

Freitag, 04.08.2017   11:12 Uhr

Laut Statistischem Bundesamt haben im vergangenen Jahr 823.000 Studenten und Schüler Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz bekommen. Das sind 47.000 weniger als noch 2015, was einem Rückgang um 5,5 Prozent entspricht. Damit setzte sich der Negativtrend weiter fort, schwächte sich jedoch leicht ab. 2015 hatten 5,9 Prozent weniger Studenten und Schüler Bafög bekommen als noch 2014.

Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk überrascht der Rückgang nicht: Das Einkommen der Eltern entscheidet mit darüber, ob ein Kind Bafög bekommt oder nicht. Und weil die Löhne in Deutschland zuletzt gestiegen sind, haben mehr mögliche Empfänger die Grenzbeträge überschritten, ab denen sie weniger oder gar keine Förderung erhalten. Damit mehr Studenten aus mittelständischen Familien die Chance auf Bafög bekommen, müssten die Elternfreibeträge um etwa zehn Prozent erhöht werden, fordert Grob.

Dabei wurden die Freibeträge schon erhöht - zum 1. August 2016. Dadurch könnten etwa 110.000 Studierende und Schüler mehr Bafög erhalten, hieß es damals. "Die aktuellen Zahlen zeigen, dass dem offenbar nicht so ist", so Grob.

Er räumt allerdings ein, dass für eine fundierte Bewertung auch noch die Zahlen von 2017 hinzugezogen werden müssten, die bislang noch nicht vorliegen. Tatsächlich hat sich der Rückgang der Bafög-Empfänger im letzten Quartal 2016 verlangsamt. Zunächst war die Zahl der Geförderten um sieben Prozent zurückgegangen, ab Oktober dann nur noch um etwa vier Prozent. Dennoch konnte das neue Gesetz den Rückgang nicht aufhalten.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) stört das wenig: "Wenn in Zeiten günstiger Konjunktur- und Einkommensentwicklung weniger Auszubildende auf staatliche Leistungen nach dem Bafög angewiesen sind, ist dies eine durchaus erfreuliche Entwicklung", sagt sie.

464 Euro im Monat

Besonders Schüler bekommen seltener Bafög. 2016 waren 239.000 der Geförderten Schüler, im Jahr zuvor waren es noch 7,6 Prozent mehr. Auch die Zahl der Teilgeförderten ging um 8,9 Prozent zurück. Zeitgleich blieb die Anzahl derer, die den vollen Bafög-Satz kassieren weitgehend stabil. Insgesamt bekam fast jeder Zweite den maximalen Förderbetrag.

Zeitgleich gibt der Bund immer weniger für die Förderungen aus. Im Jahr 2016 lagen die Ausgaben bei 2,9 Milliarden Euro, das sind 3,4 Prozent weniger als noch im Vorjahr. Für die Schülerförderung wurden knapp 0,8 Milliarden Euro bereitgestellt und für die Studierendenförderung 2,1 Milliarden Euro.

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Die, die gefördert werden, bekommen etwas mehr Geld. Schüler konnten im Durchschnitt mit monatlich 435 Euro rechnen, etwa 14 Euro mehr als noch 2015. Studierende erhielten im Schnitt 464 Euro, ein Plus von 16 Euro im Vergleich zum Vorjahr, was auf die Anpassung der Bedarfssätze zurückzuführen ist.

Das Bafög reicht nicht

Der maximale Förderbetrag für Studierende liegt nun bei 735 Euro - viel zu gering, findet das Deutsche Studentenwerk. Studenten bräuchten durchschnittlich 920 bis 950 Euro pro Monat. "Besonders deutlich wird das bei den Kostenberechnungen für Wohnungen", erklärt Grob. Die liegen pauschal bei 250 Euro im Monat, unabhängig vom Wohnort. "Haben Sie schon mal versucht, in Hamburg, München oder Frankfurt am Main ein Zimmer für 250 Euro zu bekommen?", fragt Grob - und fordert, die Bafög-Sätze automatisch alle zwei Jahre automatisch anzupassen. "So wären sie unabhängiger von politischem Kalkül."

Vor der letzten Bafög-Anhebung im Herbst hatte es sechs Jahre lang Stillstand gegeben, moniert Grob, obwohl die Lebenskosten deutlich gestiegen seien. Das dürfe sich nicht wiederholen. Zudem sei das Bafög-Verfahren viel zu bürokratisch und bisher kaum digitalisiert. Gerade Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsabschluss schreckten häufig vor einem Antrag zurück, obwohl sie ein Recht auf Förderung hätten.

"Die Bundesregierung muss die Vorzüge des Bafög endlich mehr in den Vordergrund stellen", sagte Grob. "Viele haben Angst, dass sie sich durch das Bafög maßlos überschulden, dabei sind die Kosten bei maximal 10.000 Euro gedeckelt."

koe

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