Schrift:
Ansicht Home:
Leben und Lernen

Juristisches Staatsexamen

Bessere Noten im Norden und Westen

Hat der Prüfungsort Einfluss auf die Note beim Jura-Examen? Geraunt wird darüber schon lange - jetzt zeigt eine Studie: In einigen Bundesländern gibt es tatsächlich häufiger gute Noten als in anderen.

DPA

Justitia urteilt ohne Ansehen der Person. Urteilen die juristischen Prüfungsämter auch ohne Ansehen der Examenskandidaten?

Von
Mittwoch, 06.09.2017   10:27 Uhr

Wenn sich nach einem langen Tag bei juristischen Fachkonferenzen rotweinselige Müdigkeit breit macht, "dann weckt ein Thema garantiert alle Kollegen wieder auf: die Staatsexamensnoten", sagt Lorenz Kähler, Jura-Professor an der Universität Bremen. Genauer: die Frage, ob das juristische Examen in Bayern oder Bremen, in Brandenburg oder im Saarland leichter oder schwerer ist.

Zu ihren Noten pflegen Juristen ohnehin eine ganz eigene Beziehung. Einsen gibt es so gut wie nie. Wer mit einem "Vollbefriedigend" das zweite Staatsexamen absolviert, gilt in der Szene schon fast als Überflieger. Lorenz Kähler und seine Kollegen Uwe Engel und Franziska Ritter wollten deshalb in ihrer Studie klären, was dran ist am Mythos vom angeblich leichteren Staatsexamen in bestimmten Bundesländern. Ihre Untersuchung erscheint diese Woche in der "Zeitschrift für Rechtssoziologie".

"Ja, es gibt Differenzen bei den Noten", sagt Lorenz Kähler, "letztlich aber ist die Bewertungspraxis vergleichsweise homogen." Generell lasse sich zwar bei den Noten ein Nord-Süd-Gefälle und ein West-Ost-Gefälle nachweisen: "Es kommt aber immer auf die einzelnen Bundesländer an." Juristen erhalten ihre Noten auf einer bundesweit einheitlichen Punkteskala von 0 bis 18; mit vier Punkten hat man bestanden. "Sehr gut" gibt es nur für 14 bis 18 Punkte.

Nur zehn von 16 Ländern machten mit

Die Debatte über die Unterschiede werde zwar schon seit Jahrzehnten geführt, bisher hatte es aber nie eine systematische Auswertung gegeben, sagt Lorenz Kähler. Ursprünglich wollten die Bremer Forscher deshalb einen bundesweiten Vergleich anstellen - doch nur zehn Bundesländer lieferten die benötigten Daten.

Ausgewertet wurden nun die Noten beim ersten und zweiten Staatsexamen von mehr als 18.400 Jurastudenten aus den Jahren 2009 bis 2014. Die Notenskala lag zwischen vier und 14,4 Punkten.

Die Studie zeigt:

Ausgewertet wurden Fälle, in denen die Studenten zwischen den Prüfungen das Bundesland gewechselt hatten. Da die beiden Noten mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit eng beieinander liegen, konnten die Forscher bei den Wechslern Rückschlüsse auf die unterschiedliche Bewertung in den Ländern ziehen.

Hochnäsigkeit ist unangebracht

Die größten Abweichungen ergaben sich dabei für Wechsler von Nordrhein-Westfalen nach Bremen, die eine durchschnittliche statistische Verbesserung um 1,6 Wertungspunkte erzielten. Wer von Hessen nach Baden-Württemberg wechselte, verbuchte dagegen im Durchschnitt einen Verlust von 1,1 Punkten.

Daraus allerdings die Empfehlung abzuleiten, dass Jurastudenten vor dem zweiten Staatsexamen gezielt in bestimmte Bundesländer wechseln sollten, hält Lorenz Kähler für absurd. Eher sollten sich seine Professorenkollegen selbstkritisch fragen, warum sie im Ländervergleich ihre jeweilige Position einnähmen.

Und Kähler hat noch eine zweite Empfehlung parat: Hochnäsigkeit gegenüber vermeintlich leichteren Examen in anderen Bundesländern sei völlig fehl am Platz. Denn Unterschiede seien zwar da, aber nicht außergewöhnlich hoch. Lorenz Kähler: "Ein Richter mit zehn Punkten im zweiten Staatsexamen aus Bremen ist immer noch besser als ein Acht-Punkte-Richter aus Bayern."

insgesamt 15 Beiträge
Beccaria 06.09.2017
1. Aber Herr Kähler
wie können sie so eine Aussage machen, Sie wissen doch selbst wie sich die Noten im 2. Examen ergeben. Da ist sehr viel Zufall mit im Spiel, vor allem in der Klausurbenotung. Ob 8 oder 10 Punkte ist dann schon etwas aleatorisch. [...]
wie können sie so eine Aussage machen, Sie wissen doch selbst wie sich die Noten im 2. Examen ergeben. Da ist sehr viel Zufall mit im Spiel, vor allem in der Klausurbenotung. Ob 8 oder 10 Punkte ist dann schon etwas aleatorisch. Aber die Ausbildung in der Referendarzeit ist in Bayern einfach besser. deshalb würde ich immer einen 8Juristen aus Bayern Ihrem Bremer 10 er vorziehen. Aber Ihre Aussage müssen Sie als Bremer Prof wohl so machen.
philemajo 06.09.2017
2. Aha, das ist ja sehr aussagekräftig!
Solange keine statistische Relation zu anderen Leistungsdaten hergestellt wird, sagen die Zahlen gar nichts. Wie ist z.B. die Abi-Durchschnittsnote der Examinierten im ersten Staatsexamen? Wie viele Wartesemester gelten für ein [...]
Solange keine statistische Relation zu anderen Leistungsdaten hergestellt wird, sagen die Zahlen gar nichts. Wie ist z.B. die Abi-Durchschnittsnote der Examinierten im ersten Staatsexamen? Wie viele Wartesemester gelten für ein Bundesland? Welche Universitäten liegen im Einzugsbereich des Prüfungsamtes? Es lassen sich nun mal schlecht Äpfel mit Birnen vergleichen. Die 12.1% der "Gut"-Absolventen in Hamburg sind nicht besonders hoch, wenn man bedenkt, wie die Notenanforderungen für Externe sind, um überhaupt in Hamburg zum Referendariat zugelassen zu werden.
rathals 06.09.2017
3. Warum soll es beim Jura-Examen
fairer zugehen, als generell im Schulsystem. Unbestritten ist, dass z.B. Schüler mit Schwierigkeiten ihr Abitur statt in SH in HH ablegen, dies ebenso in Bayern nach Hessen. Von Bremen und Berlin ganz zu schweigen; wenn Schüler [...]
fairer zugehen, als generell im Schulsystem. Unbestritten ist, dass z.B. Schüler mit Schwierigkeiten ihr Abitur statt in SH in HH ablegen, dies ebenso in Bayern nach Hessen. Von Bremen und Berlin ganz zu schweigen; wenn Schüler bzw. Studenten nach Bayern wechseln müssen, sind die Schwierigkeiten ebenfalls bekannt. Rot/Grün regierte BL haben in der Bildungspolitik große Defizite, typisch Vorgängerregierung in NRW.
der-junge-scharwenka 06.09.2017
4. Fairness
Ach, was heißt in diesem Zusammenhang "Fairness"... Unfair ist es, einen Kandidaten wegen seines Geschlechts oder seines Aussehens zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Hier geht es eigentlich um etwas anderes. Es [...]
Zitat von rathalsfairer zugehen, als generell im Schulsystem. Unbestritten ist, dass z.B. Schüler mit Schwierigkeiten ihr Abitur statt in SH in HH ablegen, dies ebenso in Bayern nach Hessen. Von Bremen und Berlin ganz zu schweigen; wenn Schüler bzw. Studenten nach Bayern wechseln müssen, sind die Schwierigkeiten ebenfalls bekannt. Rot/Grün regierte BL haben in der Bildungspolitik große Defizite, typisch Vorgängerregierung in NRW.
Ach, was heißt in diesem Zusammenhang "Fairness"... Unfair ist es, einen Kandidaten wegen seines Geschlechts oder seines Aussehens zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Hier geht es eigentlich um etwas anderes. Es geht darum, dass Prüfungsleistungen durch Prüfer bewertet werden müssen. Das hat immer etwas mit individuellen Anforderungen und Vorstellungen zu tun. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es bei juristischen Leistungen üblicherweise nicht auf ein richtiges oder falsches Ergebnis ankommt (was ist schon wirklich falsch in der Juristerei?), sondern auf Herleitung, Argumentation und dergleichen. Das sind Dinge, die von zwei Menschen (Prüfern) immer unterschiedlich bewertet werden: Der eine findet die Argumentation ansprechend vielseitig, der andere findet die gleiche Argumentation viel zu schwafelig. So ist das in diesem Geschäft. Deshalb votieren jeweils zwei Prüfer eine Klausur, und in der mündlichen Prüfung sind es sogar vier. Jeder von ihnen bewertet die Einzelleistung, und das, was am Ende zählt, ist der Mittelwert. Ich glaube, "fairer" kann man so etwas nicht gestalten. Die Alternative wäre, die Prüfung auf Multiple-Choice-Fragen zu reduzieren, die eindeutig mit "ja" oder "nein" beantwortet werden könnten. Das allerdings dürfte der Rechtswissenschaft, in der es maßgeblich auf Argumentation ankommt, kaum gerecht werden. Und noch einmal zum Länderunterschied, den es wohl tatsächlich gibt: Vielleicht wird ja auch andersherum ein Schuh draus. Warum ist eine Antwort, für die es in Hamburg 10 Punkte gibt, in Bayern nur 7 wert? Liegt vielleicht da das eigentliche Problem?
jdm11000 06.09.2017
5. Total unsinnige Auswertung
Diese Auswertung ist vollkommener Blödsinn. Solange die Herren Profs der Juristen der Auffassung schwelgen, nur die Durchfallquote wäre ein Indiz für ihre "gute" Ausbildung, solange ist auch das Staatsexamen in dieser [...]
Diese Auswertung ist vollkommener Blödsinn. Solange die Herren Profs der Juristen der Auffassung schwelgen, nur die Durchfallquote wäre ein Indiz für ihre "gute" Ausbildung, solange ist auch das Staatsexamen in dieser Form nur Quatsch. Ich kenne genug Juristen, die mit 10 und mehr Praxisjahren, auf die Frage hin, ob sie eine Verfassungsbeschwerde schreiben könnten, darauf antworten:"Wie soll sowas gehen, habe ich noch nie gemacht.," oder "In diese Fallstricke werde ich mich nicht begeben! (Ablehnungsantwort eines Vize-Präsidenten einer Juristenkammer in Hessen). Daher halte ich dieses Schielen auf die Note für blanken Hohn - für einen guten Juristen sagt diese nämlich gar nichts aus. Ob jemand "gut" oder "schlecht" ist (wenn man das so überhaupt pauschalisiert sagen kann), stellt sich nämlich im Gerichtssaal heraus - also ob ein Richter tatsächlich unabhängig ist, ob der Anwalt tatsächlich umfassend beraten hat usw.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Kleines Anwalts-ABC

Von Rechts wegen

Fotostrecke

Anwalts-Quiz

Vertrauen Sie mir, ich bin Anwalt

Schein und Wirklichkeit
Corbis

Die Juristerei gilt noch immer als Disziplin mit einem gewissen Glamour-Faktor. Fernsehen und Kino sind daran nicht unschuldig. Der Berufsalltag ist meist weit trister, vor allem für Jungjuristen, die frisch aus Studium und Referendariat kommen: Sie balgen sich um die attraktiven Stellen und müssen sich ansonsten durchhangeln.
Die Absolventen: Rivalen der Rennbahn
Auch wenn die "Juristenschwemme" inzwischen etwas nachlässt, ist der Anwaltsmarkt immer noch ein Verdrängungsmarkt - es gibt nach wie vor mehr Anbieter als Abnehmer. Rund 233.000 Juristen waren nach den letzten Angaben des Statistischen Bundesamtes für 2008 in Deutschland erwerbstätig, 23 Prozent mehr als noch zur Jahrtausendwende. Seit 2001 ist die Zahl derer, die das zweite juristische Staatsexamen abschließen, zwar rückläufig. Doch noch immer drängen um die 8000 sogenannte Volljuristen jährlich auf den Arbeitsmarkt.
Ihre Chancen: Wolle mer se reinlasse?
Die wenigsten haben Chance auf eine Stelle im Staatsdienst, vier von fünf Volljuristen werden Rechtsanwalt. Bundesweit 20.000 Richtern und Staatsanwälten standen Ende 2008 fast 147.000 Rechtsanwälte gegenüber. Inzwischen sind schon mehr als 153.000 - dabei sinken die Zugangszahlen auch hier seit einigen Jahren.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP