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Leben und Lernen

Modelabel mit Flüchtlingen

Elham gelingt der Schnitt

Elham und ihr Mann Mohammad flohen vor dem Krieg aus Syrien. Jetzt kombinieren die Schneider für ein Münsteraner Modelabel westliche Schnitte mit arabischen Stoffen - eine Erfolgsgeschichte.

Marie Illner
Von Marie Illner
Sonntag, 01.10.2017   18:36 Uhr

Elham sitzt in einer kleinen Näherei in Damaskus. Die Nähmaschinen rattern in dem staubigen Raum, die Luft ist stickig, die Wände sind grau. Außerhalb der Betonwände hört sie den syrischen Bürgerkrieg, Bomben schlagen ein, Schüsse fallen, aber die Nadeln rattern weiter. Rund 50 Mitarbeiter hat die Näherei. Elham ist Chefin der Abteilung für Unterwäsche.

900 bis 1000 Kleidungsstücke schneidert ihr Team am Tag. Die Arbeit, der immer gleiche Ablauf - Design, Schnitt, Nähen - geben der 29-Jährigen Halt. Denn den gibt es sonst nirgends mehr: Menschen werden zufällig verhaftet, es fehlt an Wasser und Strom. Doch eines Tages hören auch die Nähmaschinen auf zu summen. Da beschließen Elham und ihr Mann Mohammad zu fliehen.

Das war vor zwei Jahren. Zur gleichen Zeit erlebt der Student Michael Kortenbrede im westfälischen Münster die herzliche Begrüßung von tausenden Flüchtlingen am Bahnhof.

Das junge syrische Paar zieht unterdessen weiter. Über den Libanon, durch die Türkei, mit einem kleinen Boot über das Mittelmeer nach Griechenland - und weiter gen Norden. Elham und Mohammad gelangen nach Münster. Europa haben sie zuvor noch nie gesehen - auch wenn Elham viele Kleidungsstücke für den hiesigen Markt genäht hat.

Die Menschen brauchen eine Aufgabe

In Deutschland verändert sich inzwischen die Stimmung. Forderungen nach einer Obergrenze für Flüchtlinge werden lauter. Student Kortenbrede denkt im Spätsommer 2016 zum ersten Mal: "Ich muss selbst irgendetwas tun." Nur was?

Elham und Mohammad erfahren inzwischen, dass die kleine Näherei daheim in Syrien zerbombt wurde. Eine Nähmaschine haben beide schon lange nicht mehr gehört.

Kortenbrede hat monatelang beobachtet, wie Menschen säckeweise Kleidung zu Flüchtlingsheimen schleppen. Er kommt zu dem Schluss: "Irgendwann mangelt es nicht mehr an Sachen, sondern vor allem an einer Aufgabe." Dann hat er eine Idee: Gemeinsam mit Flüchtlingen ein Klamottenlabel aufbauen.

Seine Cousine Pia Brillen, die hobbymäßig schneidert und sogar schon Abiball-Kleider für Freundinnen genäht hat, ist begeistert. Die beiden gründen "Bayti hier" - "Mein zuhause hier". Sie klappern Flüchtlingsheime in Münster ab und finden: Elham und Mohammed.

Begegnung an der Nähmaschine

4000 Euro stecken die Studenten nach eigenen Angaben anfangs in ihr Herzensprojekt. Die Schnitte sind westlich (Hoodie, Sweater, Cappie, Crop-Top und Seesack) und die Stoffe arabisch (gedeckte Farben, arabische Schriftzeichen und Muster).

"Ich hatte anfangs gar keine Ahnung von syrischer Kleidung", gibt Kortenbrede zu. Welche Stoffe und Farben sind typisch? Was geht gar nicht? "Wir sind dann zusammen auf einen arabischen Stoffmarkt nach Paris gefahren. Ein Sprachstudent aus Syrien hat uns wichtige Tipps gegeben", erklärt Brillen. Zum Beispiel, als die Gruppe fast einen Stoff ausgewählt hatte, den die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) typischerweise für ihre Flaggen verwendet.

"Wir haben uns auch gegen manche Farben entschieden. Grün hat zum Beispiel für manche Religionen eine negative Bedeutung," erklärt Elham. Zwar sei Grün die Kultfarbe des Islam und gelte als Lieblingsfarbe des Religionsstifters Mohammed, für nordafrikanische Muslime kann die Farbe aber auch Korruption, Gift oder das Dämonische symbolisieren.

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Startup mit Flüchtlingen: Modemacher aus Syrien

"Es ist toll, endlich wieder in meinem alten Beruf arbeiten zu können'', sagt Mohammad. Es helfe, die deutsche Sprache zu lernen. Endlich habe er wieder eine Aufgabe. "Das hat uns gefehlt", sagt Elham. Von den 35 Euro, die ein T-Shirt kostet, fällt ein Teil für Material, Versand und Werbung an, der Rest fließt in die Gehälter. "Ich habe schon T-Shirts, die ich genäht habe, in der Innenstadt gesehen", freut sich Elham.

Das Team besteht mittlerweile aus zehn Leuten. Und: Sie wollen wachsen. Bisher produziert das kleine Unternehmen an die hundert Kleidungsstücke pro Monat, der Umsatz beträgt wenige tausend Euro. "Wir planen zum Ende des Jahres eine Accessoire-Kollektion mit Kosmetiktäschchen, Kissen und Armbändern", sagt Kortenbrede. Aktuell werde ein sogenannter Fashion Truck gebaut, um nicht nur im Online-Shop sondern auch auf Messen und Märkten verkaufen zu können.

"Natürlich verkauft sich viel über die Story unseres Unternehmens. Mir wurde aber auch schon gesagt, dass die Kleidung einfach cool ist," sagt der Student, der derzeit für das Projekt ein Urlaubssemester eingelegt. hat.

Elham und Mohammed kommen ein paar Mal in der Woche in die Näherei am Stadtrand von Münster, ein Flachbau mit angrenzender Garage. "Fast wie eine Start-Up-Garage, was?", lacht Kortenbrede. Stoffe liegen auf den Tischen, Kleidungsständer stehen herum und Design-Entwürfe kleben an der Wand.

450 Euro verdienen die syrischen Flüchtlinge - und hören wieder Nähmaschinen rattern. Aber im Hintergrund sind keine Bombenexplosionen mehr zu hören. Im Hintergrund läuft Radio.

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