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Leben und Lernen

Fehlende Weltoffenheit

Bund will angehende Lehrer öfter ins Ausland schicken

Lehramtsstudenten gehen seltener für Praktika oder zum Studieren in ein anderes Land als andere Studenten. Der Bund will das ändern und legt ein millionenschweres Förderprogramm auf. Laut Kritikern kommt das viel zu spät.

Getty Images

Planung für den Auslandsaufenthalt (Symbolbild)

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Freitag, 08.02.2019   21:09 Uhr

Wer einige Zeit im Ausland gelebt oder gearbeitet hat, kommt erfahrungsgemäß mit einem gewissen Gefühl zurück: Was in der Heimat passiert, betrachtet er nun aus neuer Perspektive, die Erfahrungen vergessen viele nie.

Auch und gerade Lehrer sollten sie machen, bevor sie vom Studium in den Beruf wechseln - was Unis in Deutschland vor gewaltige Probleme stellt. Bislang sammeln angehende Lehrer im Vergleich zu Studenten anderer Fächer zu wenig Erfahrungen im Ausland, stellt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) fest.

Denn Auslandsaufenthalte sind bislang oft noch kein Bestandteil des Curriculums. Während nach DAAD-Angaben durchschnittlich etwa 30 Prozent der deutschen Studenten für berufspraktische Erfahrungen ins Ausland gehen, sind es etwa bei angehenden Grund- und Hauptschullehrern nur 17 Prozent. Jeder dritte Englisch-, Französisch- oder Spanischlehrer hat während seines Studiums keine Auslandserfahrung gesammelt.

Gemeinsam mit dem Bundesbildungsministerium will der DAAD deswegen künftig mehr Lehramtsstudenten ein Semester oder ein Praktikum in einem anderen Land ermöglichen. Dafür sollen mit Bundesmitteln zusätzliche Stipendien ausgegeben und Kooperationen mit ausländischen Hochschulen gefördert werden - für eine Laufzeit von vier Jahren. Bis 2022 will der Bund insgesamt 23 Millionen Euro investieren.

Aufenthalte stehen nicht im Studienverlaufsplan

"Weltoffenheit, Weltgewandheit und Sprachfertigkeit vermitteln insbesondere Lehrer gut, die selbst Erfahrungen im Ausland gesammelt haben", sagt Bundesbildungsministerin Anja Karlizcek (CDU). "Ein Semester oder Praktikum im Ausland ist eine Bereicherung: für die Studenten selbst, aber auch später vor der Klasse."

Es gehört zur Kernaufgabe angehender Lehrer, Schüler zu weltoffenem Denken und Handeln zu befähigen. Wer ins Ausland geht, soll nicht nur persönlich reifen - er soll auch seine interkulturelle Kompetenz stärken. Dabei geht es auch darum, auf den wachsenden Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund reagieren zu können. Wie soll ein Lehrer diese Schüler verstehen, wenn er selbst das Gefühl nicht kennt, in einem fremden Land klarkommen zu müssen?

"Ich kann mir nicht erklären, warum man erst jetzt auf den Gedanken kommt, Auslandsaufenthalte angehender Lehramtsstudenten stärker zu fördern", sagt Julia Egbers. Sie promoviert am Institut für Pädagogik der Uni in Oldenburg und forscht zu Erfahrungen, die Lehramtsstudenten bei Auslandsaufenthalten machen. "Es ist schon lange so, dass diese Studenten viel seltener ins Ausland gehen als andere."

Dafür gebe es mehrere Gründe, sagt Julia Egbers:

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Schule in Uganda: Plastikflaschen zu Federtaschen

Natürlich könne man auch einfach zu Hause bleiben und sich von dort aus in interkultureller Kompetenz üben, sagt Egbers. Doch Studenten erlebten nur durch Auslandsaufenthalte einen Perspektivwechsel, der theoretisch nicht vermittelt werden könne.

"Wer weg war, kann die Lebensumstände in Deutschland realistischer einschätzen", sagt Egbers. "Einfach mal raus aus dem gemütlichen Kosmos - dass das vielen lange schwer gemacht wurde, ist sehr schade."

insgesamt 52 Beiträge
weitergedacht2.0 08.02.2019
1. Wir bilden „muffige“, weltfremde Lehrer
heran. Eine gute Initiative
heran. Eine gute Initiative
wincel 08.02.2019
2.
Sehr deutsch: Schimpfen, dass es nicht eher passiert, statt zu loben, dass es jetzt passiert.
Sehr deutsch: Schimpfen, dass es nicht eher passiert, statt zu loben, dass es jetzt passiert.
asnide 08.02.2019
3. Preiswerte und naheliegende Variante
Sinnvoll ist es sicher auch, jeden Lehrer einige Jahre in einer Schule unterrichten zu lassen, die im sozialen Brennpunkt liegt. Es gibt Kollegen, die kennen so etwas nur vom Hörensagen. Da ergeben sich Perspektivwechsel, die [...]
Sinnvoll ist es sicher auch, jeden Lehrer einige Jahre in einer Schule unterrichten zu lassen, die im sozialen Brennpunkt liegt. Es gibt Kollegen, die kennen so etwas nur vom Hörensagen. Da ergeben sich Perspektivwechsel, die sehr unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen eröffnen. Um unterschiedliche Lebensweisen kennenzulernen, ist das genau das Richtige. Wäre auch für Lehrer an konfessionell gebundenen Schulen sehr erhellend.
ahloui 08.02.2019
4. @#2
genau das war auch mein erster Gedanke. Die Dame selbst hätte ja auch drauf kommen und das vorschlagen können.
genau das war auch mein erster Gedanke. Die Dame selbst hätte ja auch drauf kommen und das vorschlagen können.
Ralf84 08.02.2019
5. Auslandsschulen
Es gibt zahlreiche Deutsche Auslandsschulen, die die BRD jährlich mit der Entsendung von Lehrkräften unterstützt. Ein tolles Konzept, um die deutsche Kultur zu verbreiten. Die Infrastruktur ist also gegeben :)
Es gibt zahlreiche Deutsche Auslandsschulen, die die BRD jährlich mit der Entsendung von Lehrkräften unterstützt. Ein tolles Konzept, um die deutsche Kultur zu verbreiten. Die Infrastruktur ist also gegeben :)

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