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Leben und Lernen

Studentenproteste in der Volksrepublik

Chinas neue Marxisten

In China entsteht eine Studentenbewegung: Marxistische Gruppen, die sich mit revoltierenden Arbeitern solidarisieren. Die Machthaber reagieren mit Härte - und zwingen Universitäten im Westen, ihre Austauschprogramme zu hinterfragen.

REUTERS

Kunststudenten in Wuhan

Von
Donnerstag, 31.01.2019   10:38 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Chinas Studenten wissen, wie man die Welt bewegt. Ihr Mut ist legendär und dieser Tage erneut zu bestaunen. Vor hundert Jahren führte ihre 4.-Mai-Bewegung zur Gründung der KP Chinas zwei Jahre später. Vor 30 Jahren erschütterten ihre Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking die Welt. Jetzt protestieren sie wieder.

Vergangene Woche griffen die Pekinger Sicherheitsbehörden zu: Drei Studenten und zwei Absolventen der Peking-Universität und ein Student der Volksuniversität in Peking verschwanden nach Angaben einer studentischen Solidaritätsgruppe spurlos.

Darauf zeigten sich Studenten beider Universitäten vor ihren Fakultäten mit Plakaten, die die Freilassung ihrer Kommilitonen forderten. Wenige Tage zuvor hatte die Polizei einigen Studenten der Peking-Universität Videos vorgespielt. Es waren Verhöre mit Festgenommenen, in denen diese sich selbst anklagen.

Gewollte Abschreckung

Die Videos sollten offenbar der Abschreckung dienen. Doch sie erregten nur noch größeren Unmut unter den Studenten. In den Videos tauchte auch Yue Xin auf, eine seit ihrer Festnahme im August vermisste Studentin. Yue war Symbolfigur der #Metoo-Bewegung in China, bevor sie im vergangenen Sommer ihr Studium an der Peking-Universität abschloss und an Arbeiterprotesten in der Industriemonopole Shenzhen in Südchina teilnahm.

Dort wurde sie verhaftet und nicht wiedergesehen, bis sie im Polizei-Video erschien. Westliche Intellektuelle wie der Philosoph Slavoj Zizek und Yale-Professor John Roemer hatten sich zuvor für Yues Freilassung eingesetzt, auch im Netz gab es viele Solidaritätserklärungen.

"Zum ersten Mal hörte ich von der Geschichte nach dem chinesischen Neujahrsfest im vergangenen Jahr", berichtet ein Student der Peking-Universität dem SPIEGEL. "Ein Kommilitone von meiner Uni war leitendes Mitglied unserer marxistischen Lesegruppe. Nach dem Abschluss ging er nach Shenzhen, um zu arbeiten, und gründete dort eine neue Lesegruppe. Doch ein Treffen der Gruppe wurde von der Polizei aufgelöst, weitere Treffen verboten und einige Mitglieder festgenommen."

Was der Pekinger Student beschreibt, passt ins Bild eines neuen chinesischen Studenten-Aktivismus der letzten Jahre. In dessen Zentrum stehen die marxistischen Lesegruppen, die es an jeder chinesischen Universität gibt. Nur beschränkten sie sich zuletzt immer weniger aufs Lesen. "Es hat diese Gruppen immer gegeben, sie sind fixer Bestandteil des Universitätslebens in China, aber sie zeichnen sich seit Jahren durch ihr zunehmendes soziales Engagement aus", sagt der Sinologe Daniel Fuchs vom Ostasiatischen Seminar der Universität Göttingen.

In Peking besuchten Mitglieder dieser Gruppen in der Vergangenheit Baustellen, um dort Lesegruppen mit den Bauarbeitern zu organisieren. Oder sie setzten sich für das Putzpersonal ihrer Universität ein, weil es unter drakonischen Bedingungen outgesourct wurde. So weit tolerierten die Behörden den Aktivismus.

Studenten und Arbeiter protestieren gemeinsam

Doch die Gruppen vernetzten sich landesweit und stellten Kontakte zur aktiven Industriearbeiterschaft her. Proteste gegen schlechte Arbeitsbedingungen und ausfallende Löhne sind in Südchina an der Tagesordnung.

imago/View Stock

Bibliothek der Peking-Universität

Doch noch nie hatten sich Studenten der besten Universitäten des Landes mit den protestierenden Arbeitern verbündet. Das aber geschah "auf spektakuläre Weise" im vergangenen Jahr, wie Eli Friedman, China-Experte der Cornell-Universität im US-Bundesstaat New York, dem SPIEGEL berichtet.

Friedman beobachtet die Lesegruppen seit Langem. Ihre Mitglieder würden kaum an seine Ivy-League-Uni in den USA gelangen. "Zu uns kommen die reichen, liberal ausgerichteten Chinesen", sagt Friedman. Doch die Marx-Gruppen in China zögen einen ganz anderen Studierenden-Typ an: "Es sind junge Leute aus der Provinz, denen noch die Armut begegnet ist. Sie dachten, ihr mit einem Studienplatz in Peking zu entkommen. Doch so einfach ist das heute nicht mehr."

Umso mehr fällt den jungen Marxisten der Widerspruch zwischen Reich und Arm, zwischen dem Anspruch der regierenden Kommunisten und der Arbeiterwirklichkeit in Chinas Industriegebieten auf. "Besonders die Studenten der Peking-Universität ziehen dabei ihren Stolz aus der revolutionären Geschichte ihrer Universität", sagt Friedman.

30 Studenten in Haft

Spätestens wenn Studenten der Peking-Universität demonstrieren, werden allerdings auch die Sicherheitsbehörden hellwach. Geoff Crothall, Sprecher des unabhängigen Hongkonger Informationsdienstes "China Labour Bulletin", schätzt heute die Zahl der bei den Arbeiterprotesten inhaftierten Studentenaktivisten auf rund 30 Personen - unter ihnen Yue Xin.

Das mag in China nach nicht viel klingen. Dennoch spricht Crothall von einer "sehr bedeutenden Entwicklung". "Viele Arbeiteraktivisten in China sind sich heute der Unterstützung der Pekinger Studenten bewusst", so Crothall, dessen Informationsdienst seit Jahren detailliert über Arbeiterproteste in China berichtet. Zwischen 2015 und 2017 zählte der "China Labour Bulletin" allein 6500 solcher Proteste landesweit.

Getty Images

Chinesische Studenten auf dem Campus (Archivbild)

Die zahlreichen Festnahmen von Studenten der marxistischen Lesegruppe der Volksuniversität in Peking gehen Eli Friedman von der Cornell-Universität zu weit. "Wo sind sie geblieben?" fragte Friedman. Er verlangte von der Volksuniversität in Peking, mit der Cornell zahlreiche Austauschprogramme unterhält, Erklärungen - bekam sie aber nicht.

Daraufhin stoppte Friedman im letzten Herbst die Kooperation seines Instituts mit der Volksuniversität. "Amerikanische Bildungseinrichtungen sollten sich aus Partnerschaften mit Universitäten zurückziehen, die ihre Studenten verfolgen", schrieb Friedman in der Zeitschrift "Foreign Policy" im November.

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Seither beschäftigt sich auch das Exekutiv-Komitee des US-Kongresses unter Leitung des republikanischen US-Senators und Trump-Kritikers Marco Rubio mit dem Universitätsaustausch mit China. Vor dem Hintergrund des Handelskriegs und der politischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und China hatten Vertreter der Trump-Regierung die Chance genutzt, um Sanktionen gegen die konkurrierende Großmacht zu fordern.

Man solle doch, schlug Trump-Berater Stephen Miller vor, keinen einzigen chinesischen Studenten mehr in die USA kommen zu lassen. Ihre Zahl liegt derzeit bei 340.000, das sind fast 30 Prozent aller Auslandsstudenten in den USA. Klar, dass es sich dabei um eine Provokation handelte und kaum um einen ernst gemeinten Vorschlag.

Diskussionen auch in Deutschland

Die Debatte um den richtigen Umgang mit China kommt nun auch in Deutschland an. Unter dem Thema "Arbeitskämpfe und die Verfolgung studentischer Aktivisten in China" lud das Ostasiatische Seminar in Göttingen vor wenigen Tagen Studenten zur Diskussion ein. Daniel Fuchs spricht von einer "sehr beunruhigenden Entwicklung" in China. Schon geben chinesische Soziologen ihr Fach auf, weil sie keine Erlaubnis zur Feldforschung mehr bekommen.

Wissenschaftlichen Verlagen wie Cambridge University Press werden in China kritische Publikationen verboten. Für Fuchs in Göttingen ergibt es dabei nur Sinn, wenn die deutschen Universitäten, die fast alle mit China kooperieren, "kollektiven Protest" einlegen. Einzeln würden sie, anders als Cornell, in China kaum wahrgenommen.

Dabei geht es am Ende um viel mehr als nur den Studentenaustausch. Erst vor Kurzem hat US-Vize-Präsident Mike Pence in einer Rede den Fall einer chinesischen Studentin erwähnt, die in den USA für freie Rede eintrat und dafür in China postwendend mit einem Shitstorm in den sozialen Medien überzogen wurde.

Für Pence ging das zu weit. So wie für Friedman die Verhaftung der Studenten in Peking zu weit ging. Nicht ausgeschlossen, dass Chinas mutige Studenten den Westen zwingen, für oder gegen sie zu sein.

Damit aber könnten sie die Welt erneut erschüttern.

Zusammengefasst:
In China entwickelt sich eine neue studentische Protestbewegung. Die Nachwuchsakademiker solidarisieren sich mit protestierenden Arbeitern und fordern eine klare marxistische Linie in der Politik. Damit provozieren sie harte Gegenreaktionen der chinesischen Staatsführung, es gab bereits etliche Verhaftungen. Gleichzeitig geraten westliche Universitäten unter Druck: Wegen des harten Vorgehens der chinesischen Behörden stehen ihre Kooperationen und Austauschprogramme mit China auf dem Prüfstand.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Textes war vom Ost-West-Seminar in Göttingen die Rede. Gemeint war das Ostasiatische Seminar. Wir haben den Fehler korrigiert. Ebenfalls haben wir ein Zitat angepasst. Die entsprechende Textstelle hatte nahegelegt, dass Sinologe Daniel Fuchs die deutschen Universitäten zum Protest aufruft. Das war ein Missverständnis. Wir haben es behoben.

insgesamt 48 Beiträge
sch123 31.01.2019
1. Lektorat anyone?
Ansonsten interessanter Artikel
Ansonsten interessanter Artikel
Kwi Gon Hi 31.01.2019
2. Wäre schön, aber da glaube ich nicht dran
Ich bezweifel, dass sich da großartig etwas ändert bzw. das "die Studentenbewegung" wirklich etwas ändert. Hat vor 30 Jahren schon nicht geklappt, wird heute noch viel weniger klappen, bzw. wird es heute erst gar [...]
Ich bezweifel, dass sich da großartig etwas ändert bzw. das "die Studentenbewegung" wirklich etwas ändert. Hat vor 30 Jahren schon nicht geklappt, wird heute noch viel weniger klappen, bzw. wird es heute erst gar nicht dazu kommen, dass es große Proteste gibt. Ich vielleicht irre ich mich ja. Würde mich freuen.
kraus.roland 31.01.2019
3. Der Konfuzianismus als Grundlage..
..für das diktatorische Harmoniestreben der KP der Volksrepublik ist an ihrem paroxistischen Höhepunkt angelangt. Hinter der Erfolgs-Fassade hat sich ein erbarmungsloser Sicherheitsapparat breitgemacht, der totale Ressourcen- [...]
..für das diktatorische Harmoniestreben der KP der Volksrepublik ist an ihrem paroxistischen Höhepunkt angelangt. Hinter der Erfolgs-Fassade hat sich ein erbarmungsloser Sicherheitsapparat breitgemacht, der totale Ressourcen- und Deutungshoheit beansprucht. Sich damit anzulegen scheint aussichtslos. Doch das ist eine Illusion. Sie begann kurz nach dem Ableben des Konfuzius, als dessen Jünger die Anhänger des Lao-Tse aggressiv bekämpften und allmählich zur imperialen Staatsideologie avancierten. Aber auch China ist nicht mehr hundertprozentig zu kontrollieren. Ich habe in China Anhänger des Tao (keine scheinreligiösen Taoisten!) getroffen, die mir versicherten, dass der Geist des alten LI Err alias Lao-Tse nie aufgehört hat, weitergereicht zu werden und dass die feierlichen Eseleien der konfuzianistischen KP ein Ende haben werden, weil sie der Natur und dem Leben selbst zuwiderlaufen.
docker 31.01.2019
4. Bei dieser Gelegenheit ...
....und im Sinne des Artikels sollte endlich über die (fast) kostenlosen Studienplätze für Studenten -auch aus China- nachgedacht werden. Ohne Ausleuchtung des finanziellen Hintergrunds kostenlose Studienplätze zu verteilen [...]
....und im Sinne des Artikels sollte endlich über die (fast) kostenlosen Studienplätze für Studenten -auch aus China- nachgedacht werden. Ohne Ausleuchtung des finanziellen Hintergrunds kostenlose Studienplätze zu verteilen (Kinder von Millionären, was China anbelangt) kann in einem Land, in dem sich jeder BaföG-Empfänger komplett offenlegen muss nicht im Gleichheitssinne sein.
delta120 31.01.2019
5. Xi hat die weitere Liberalisierung schon gestoppt
Der Präsident Xi hat die Spaltung der Gesellschaft in Reich und Arm schon als Gefahr erkannt und die vom Westen geforderte weitere Liberalisierung gestoppt. Wer eine Reise durch China macht, werden die vielen kleinen Jobs [...]
Der Präsident Xi hat die Spaltung der Gesellschaft in Reich und Arm schon als Gefahr erkannt und die vom Westen geforderte weitere Liberalisierung gestoppt. Wer eine Reise durch China macht, werden die vielen kleinen Jobs auffallen, sei es als Service Personal oder als Sicherheitsfachkraft bei den vielen Handgepäck Röntgenkontrollen.
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